Browsertechnologie

Schneller Durchblick

Datum:28.01.2006
URL: http://www.cio.de/817464
Die Technik „Ajax“ setzt neue Maßstäbe in puncto Geschwindigkeit und Bedienkomfort im Web. Anwender rücken wieder ins Blickfeld der Entwickler.

Für raffiniertes Marketing war Google ja bereits bekannt, aber im Fall seiner neuen Web-Dienste kam noch eine gehörige Portion Glück hinzu: Als Google Gmail, Maps und Suggest vorgestellt hatte, verbreitete sich fast gleichzeitig in der Web-Szene das Buzzword „Ajax“. Auslöser war der Web-Designer Jesse James Garrett, der im Februar 2005 in einem Artikel die bereits bekannte Kombination mehrerer Internettechniken auf ihr Kernprinzip „Asynchronous Javascript and XML“ – kurz Ajax – zurückführte.

Die weltweite Resonanz zeigt, dass ein enormer Bedarf an mehr Benutzerfreundlichkeit und Geschwindigkeit bei Browseranwendungen besteht. Experten sind sich einig, dass Webanwendungen, Portale und Webpräsenzen bisher nicht oder nur eingeschränkt den gängigen Bedienungsstandards genügen. Forrester-Analyst Nate L. Root sieht das bekannte „Click-and-Wait“-Phänomen als ein Kernproblem. Klassische Webanwendungen müssen selbst bei marginalen Änderungen wie der Eingabe in ein Formularfeld die Seite komplett neu aufbauen – inklusive „Datenrundreise“ vom Browser über den Webserver und zurück.


Ray Valdes Marktforscher, Gartner Group „Es ist wichtig, einem Benutzer eine feingranulare, unmittelbare Kontrolle seiner Bedienelemente zu ermöglichen.“

Dieses Phänomen ist nicht nur lästig, sondern beeinträchtigt auf Dauer auch die Konzentration des Anwenders, meint Gartners Client-Experte Ray Valdes. Seiner Ansicht nach fehlen in Web-Oberflächen essenzielle Elemente, die heute eigentlich als Mindeststandards für Bedienerfreundlichkeit gelten: „Es ist wichtig, einem Benutzer eine fein-granulare, unmittelbare Kontrolle seiner Bedienelemente zu ermöglichen. Unabdingbar sind auch grafische Feedback-Mechanismen und Eingabehilfen wie Fortschrittsbalken, Autovervollständigung, Echtzeit-Datenvalidierung sowie wechselnde Listendarstellungen.“

Bedienerunfreundliche Web-Clients

Laut Valdes gibt es mehrere Gründe für diese Defizite bei Web-Clients. So seien zum einen unter den Entwicklern die Implementierungstechniken zu wenig bekannt: daneben erschweren Inkompatibilitäten bei Javascript die Multi-Browser-Unterstützung. Außerdem erfordern Client-seitige Scripts eine leistungsfähige Hardware. Noch ein weiterer Umstand hat nach Ansicht des Gartner- Analysten zur Vernachlässigung der Usability gesorgt: Weil die Webtechnologie von Beginn an auf einem serverzentrierten Entwicklungsprinzip basiert, ist die Aufmerksamkeit für die Client-Entwicklung zunehmend in den Hintergrund getreten.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma bieten „Rich Internet Applications“ (RIA) wie Ajax. Obwohl es etliche RIA-Alternativen wie Flash oder Java-Applets gibt, besitzt Ajax den großen Vorteil der fast vollkommenen Plattformunabhängigkeit. Der qualitative Fortschritt durch Ajax lässt sich gut beim Vergleich der neuen Google-Angebote mit den Diensten der etablierten Konkurrenz darstellen – etwa auf dem Sektor der Online- Karten- und -Navigationsdienste. Obwohl Mapquest, Yahoo Maps und Google Maps auf dem identischen Geodatenmaterial von Navteq basieren, fällt Google auf Anhieb mit höherem Bedienkomfort auf.

Bei den Darstellungsoptionen beschränkt sich Mapquest etwa auf eine fixe, relativ kleine Darstellung,Yahoo bietet immerhin zwei Fenstergrößen an, Google hingegen ermöglicht einen stufenlosen Zoom bis auf fast volle Bildschirmgröße. Auch Klicken-und-Ziehen mit der Maus klappte bisher im Web nicht. Google Maps – und übrigens auch MSN Virtual Earth – lassen dagegen gewohnte Mausaktionen zu. Gleichzeitig werden hierbei Kartendaten im Cache zwischengespeichert, sodass Anwender beim Verschieben nicht ständig auf ein Nachladen und Rendern der Seiteninhalte warten muss.


Ajax: Verfügbare Anwendungen (Auswahl)

Für Unternehmen eröffnet Ajax laut Forrester-Mann Root neue Perspektiven, und zwar einerseits in Form attraktiverer Webangebote für Kunden, andererseits hinsichtlich effizienterer interner Anwendungen. Selbst die IT-Infrastruktur profitiert von Ajax, wie er am Beispiel der Kartendienste vorrechnet.

Die Nachteile von Ajax

So verursacht laut Forrester das Verschieben der Karte auf Google Maps einen Datendownload von etwa 850 Kilobyte, während der gleiche Vorgang auf Mapquest einen Download von 2780 Kilobyte erfordert. Allerdings dürfe man einige prinzipbedingte Nachteile von Ajax nicht übersehen, so Root. Defizite gibt es etwa im Multimedia-Bereich, wo etwa Audio- und Videostreams im Gegensatz zu Flash und Java-Applets nicht unterstützt werden. Ein banal erscheinendes, aber nicht zu unterschätzendes Usability-Problem sei zudem die fehlende Unterstützung des Vor-und-Zurück-Knopfs in Browsern. Nach wie vor umstritten ist unter Fachleuten der Innovationscharakter von Ajax. Während die einen Ajax bereits unter dem neuen TrendbegriffWeb 2.0 subsumieren, gibt es auch skeptische Stimmen. So meint etwa Damir Tomicic, Geschäftsführer des Fürther Beratungsunternehmens Axinom, dass Ajax keine echte Innovation darstelle: „Die zugrunde liegenden Techniken DHTML und XML sind schon seit Jahren auf dem Markt. Nun haben sie einen neuen Namen erhalten und bescheren uns einen Post-Dotcom-Hype.“


Damir Tomicic Geschäftsführer, Axinom „Das Gute an Ajax ist, dass wir nun den Benutzer wiederentdeckt haben.“

Verteufeln möchte Tomicic Ajax deshalb aber auf keinen Fall, im Gegenteil ist auch er der Ansicht, dass nach der langen Dominanz serverseitiger Entwicklung nun endlich das Benutzer-Interface wieder in den Vordergrund rückt: „Das Gute an Ajax ist, dass wir nun den Benutzer wiederentdeckt haben.“


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