Strategien


Multi-Speed IT

9 Kennzeichen eines agilen Unternehmens

28. September 2015
Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Herzstück ist für Accenture ein IT-Betrieb, der als Multi-Speed IT läuft. Künftig befindet sich die IT-Strategie auf gleicher Ebene wie die Geschäftsstrategie.
Transformation von Geschäftsmodellen heißt für Accenture vor allem auch Transformation der IT.
Transformation von Geschäftsmodellen heißt für Accenture vor allem auch Transformation der IT.
Foto: isak55 - shutterstock.com

Das vielzitierte Schlagwort von der Agilität hat sich der Berater Accenture vorgenommen. Der Titel des Whitepapers "Agile Enterprise - mit der IT auf der Überholspur" zeigt bereits, welch zentrale Rolle die Consultants der IT zuschreiben.

Ein agiles Unternehmen zeichnet sich demnach durch neun Charakteristika aus. Das sind:

1. Technologiegetriebenes Produkt- und Innovationsmanagement

Laut Accenture soll die IT aktiv in die geschäftsgetriebenen Prozesse der Produktentwicklung sowie des Produktmanagements eingebunden sein. Die Verantwortlichen müssen also neue Kooperationsmodelle entwickeln und umsetzen. Sie führen IT, Geschäftsprozesse und Schnittstellen weiter zusammen, beispielsweise im Rahmen gemeinschaftlicher Innovationsprojekte.

Hier können Technology Labs dazu beitragen, das Nachfragemanagement stärker in Richtung Produktmanagement zu entwickeln. "Die Experten des Technology Lab identifizieren hier geschäftsrelevante neue Technologien, prüfen deren Anwendbarkeit und erproben neue Geschäftsmodelle in einer sicheren Umgebung (Sandbox-Verfahren)", schreibt Accenture.

2. Flexibles Investitions- und Portfoliomanagement

Die üblichen jährlichen IT-Budget- und Investitionspläne sind zu langfristig, kritisieren die Berater. Um heutigen Ansprüchen gerecht zu werden, müssten Unternehmen Investitionsentscheidungen nach dem Venture-Capital-Prinzip treffen. Das gilt nicht nur für Erstinvestitionen, sondern auch für die fortlaufende Steuerung. Entscheider müssen die Zyklen der optimalen Abstimmung zwischen Business und IT verkürzen.

3. Agile Entwicklung und DevOps-Konzept

Viele Unternehmen setzen agile Entwicklungsmethoden zur Verbesserung der Zusammenarbeit von Fach- und Entwicklungsabteilungen bereits erfolgreich ein. "Um vom Konzept agiler Entwicklung profitieren zu können, müssen Unternehmen ein entsprechendes Projektumfeld schaffen. Es sollte agile Entwicklung unabhängig von der Projektgröße, dem Standort und der Komplexität erlauben", erklären die Berater. Zentral definierte Kriterien zeigen an, ob ein Projekt von agilen Methoden profitiert oder ob sich im Einzelfall doch klassische Entwicklungsmodelle besser eignen.

DevOps (ein Kunstwort aus "Development" und "Operations") soll die Zusammenarbeit von Entwicklung und Betrieb verbessern und damit die Vorteile agiler Entwicklung, wie verkürzte Time-to-Market, umsetzen. Accenture rät, agile Prinzipien wie "Early Feedback" und kontinuierliche Verbesserung auf den Betrieb von Software und die Systemwartung anzuwenden. Wer Mitarbeiter des Betriebs in die agilen funktionsübergreifenden Teams einbindet, fördert den ganzheitlichen Erfahrungsaustausch.

"Für die Gestaltung eines agilen Umfelds ist der Einsatz agiler Entwicklungsmethoden sowie des DevOps-Konzepts entscheidend. Es ist essenziell, Rollen und Verantwortlichkeiten explizit zu definieren", so Accenture.

4. Transformationelles Architektur- und Releasemanagement

IT-Landschaften sind meist organisch gewachsen und beinhalten somit Legacys. CIOs müssen aber klassische und agile Entwicklungsarbeit synchronisieren. Eine wichtige Grundlage dafür bietet SOA (Service-orientierte Architektur).

Aufgabe des CIO ist das Definieren und Umsetzen einer fachlichen und technischen Zielarchitektur auf verschiedenen Granularitätsstufen. Die Zielarchitektur soll es ermöglichen, die Release-Zyklen agiler und herkömmlicher IT-Komponenten zu entkoppeln. Ein weiter vorausschauendes Architekturmanagement soll Konsistenz und Wiederverwendbarkeit sicherstellen sowie Refactoring-Aufwände minimieren.

5. Service Brokerage

Accenture empfiehlt, den Bezug externer Services zu zentralisieren und einer professionellen Einkaufsabteilung für externe IT-Services zu übertragen. Diese braucht umfassende Kenntnisse zur optimalen Bündelung von Dienstleistungen und Produkten, um den Kundenbedarf exakt ermitteln und bedienen zu können. Außerdem "schafft eine Zentralisierung und Professionalisierung der Einkaufsabteilung Vorteile durch Skalierung vertraglicher Vereinbarungen und Optimierung von Dienstleistungskosten", wie die Consultants schreiben.

6. Zentrale Daten und Analytics

Big-Data-Technologien unterstützen bei Identifikation und Weiterentwicklung von marktgerechten Angeboten. Darüber hinaus setzen viele Unternehmen Analytics für die automatisierte Entscheidungsfindung ein. Wer die gesammelten Daten aufbereiten und nutzen will, braucht Data Scientists mit ausgeprägter Analyse-Fähigkeit, sowie Experten für domänenspezifische und -übergreifende Analytics, die möglichst eng mit dem Business zusammenarbeiten. Ideal ist aus Sicht von Accenture eine zentralisierte Shared-Service-Einheit.

7. Zentralisierte Verantwortung für Kundeninteraktion

"Unternehmen müssen über alle relevanten Kommunikationskanäle hinweg konsistent agieren, um in ihrem Produkt- und Serviceangebot homogen wahrgenommen zu werden", erklären die Berater.

Weil mit der kanalübergreifenden Gestaltung von Kundenerfahrungen die Komplexität steigt, sollte eine zentrale Stelle die Kundeninteraktion verantworten. Das erfordert tiefe Eingriffe in die Governance auf der Fachseite. So müssen zum Beispiel Produkt- und Marketingmanagement eng zusammenarbeiten. Für viele Unternehmen eine Herausforderung, wie Accenture feststellt.

8. Agile Unternehmenskultur und Belegschaft

Die strukturellen Änderungen des IT Operating Model wirken sich insbesondere auf die Mitarbeiter aus. Neue Rollen entstehen, Aufgaben sind neu zu verteilen und Verantwortungsbereiche verlagern sich. Die Mitarbeiter müssen sich also flexibel an die neuen Bedürfnisse anpassen und diese schnell erfüllen. CIOs müssen einerseits den IT-Trends des digitalen Wandels folgen, andererseits aber stets die übergreifenden Zusammenhänge im Auge zu behalten.

Über klassische Workforce Transformation Instrumente wie zum Beispiel Work Shadowing, Coaching, Workshops und Tools für Wissensmanagement wird dieser kulturelle Wandel allein nicht zu schaffen sein, so die Consultants. Unternehmen brauchen dafür Impulse von außen.

9. Eco-System Security, Strategy und Governance

"Wesentlich für eine Security-Strategie und -Governance in der digitalen Welt ist eine enge Verzahnung von Informationssicherheit mit der Geschäfts- und IT-Strategie. Besonders die zunehmende Vernetzung des Unternehmens mit dem Eco-System erfordert strikte Sicherheitsrichtlinien und flexible Security-Prozesse", schreiben die Consultants. Entscheider sollten sich auf das Etablieren durchgängiger End-to-End-Services und die Trennung von Verantwortlichkeiten zwischen den beteiligten Akteuren im Eco-System fokussieren.

Accenture sieht steigenden Bedarf nicht nur an technischen Sicherheitslösungen (insbesondere für mobile Endgeräte und vernetzte physische Komponenten im "Internet of things"), sondern auch an Schulungen und Trainings der Mitarbeiter. Die Berater empfehlen, die Verantwortung für Sicherheit und Governance in einer eigens geschaffenen Rolle im oberen Management zu verankern.

Aus Sicht von Accenture gruppieren sich diese neun Punkte um eine Multi-Speed IT herum. Diese bildet den Übergang zu einer Business-Zukunft, in der sich die IT-Strategie auf gleicher Ebene wie die Geschäftsstrategie befinden wird.

Zur Startseite