Change Management

Abnehmende Leistung in Gruppen

27. Juni 2014
Kraus ist geschäftsführender Gesellschafter der international agierenden Unternehmensberatung Dr. Kraus & Partner, für die über 100 Berater, Trainer und Projektmanager arbeiten. Der diplomierte Wirtschaftsingenieur ist u.a. Autor des "Change Management Handbuch" und zahlreicher Projektmanagement-Bücher. Seit 1994 ist er Lehrbeauftragter an der Universität Karlsruhe, der IAE in Aix-en-Provence und der Technischen Universität Clausthal.
Die individuelle Leistung nimmt mit zunehmender Gruppenstärke ab - 8 Personen im Team leisten weniger als 4 Einzelpersonen. Georg Kraus über den Ringelmann-Effekt.
Georg Kraus ist Geschäftsführender Gesellschafter von Dr. Kraus & Partner.
Georg Kraus ist Geschäftsführender Gesellschafter von Dr. Kraus & Partner.
Foto: Dr. Kraus & Partner

Kennen Sie den Ringelmann-Effekt? Maximilian Ringelmann, ein französischer Agraringenieur, untersuchte im Jahr 1882 die Leistung von Pferden. Er fand heraus: Die Leistung zweier Pferde beim gemeinsamen Ziehen einer Kutsche ist nicht doppelt so hoch wie die eines einzelnen Pferds.

Fasziniert von dieser Entdeckung dehnte Ringelmann seine Untersuchungen auf Menschen aus. Er ließ jeweils zwei Männer an den Enden eines Taus ziehen und maß die Kraft, die jeder einzelne entfaltete. Er kam auf eine durchschnittliche Zugkraft von 63 Kilogramm pro Person. Dann ließ er 2er-Teams an den Tauenden ziehen. Ihre gemeinsame Zugkraft betrug im Schnitt nur 118 Kilogramm. Und bei drei 3er-Teams etwa 160 Kilo - also deutlich weniger als 3 mal 63 Kilo.

Aufgrund seiner Versuche entwickelte Ringelmann eine Formel, um zu berechnen, wie hoch die Leistung beziehungsweise Effizienz von Gruppen ist, abhängig von der Zahl ihrer Mitglieder. Dieser Formel zufolge erbringen zwei Personen, die gemeinsam eine Aufgabe verrichten, nicht 2 mal 100 Prozent Leistung, sondern nur etwa 2 mal 93 Prozent - und drei Personen nur 3 mal 85 Prozent und 8 Personen gar nur 8 mal 49 Prozent.

Acht Personen erbringen also gemeinsam nicht einmal dieselbe Leistung wie vier einzelne Personen. Ringelmanns Erklärung hierfür: Je größer eine Gruppe ist, umso weniger wird die individuelle Leistung wahrgenommen. Entsprechend sinkt der persönliche Einsatz.

Stets ein Schuss Magie

Wie lässt sich dieser sogenannte Ringelmann-Effekt vermeiden? Diese Frage beschäftigt viele Manager - selbst wenn sie den Namen Ringelmann noch nie gehört haben. Sie fragen sich: Was kann oder muss ich tun, um eine positive Leistungskultur in unserem Unternehmen zu erzeugen? Genau an diesem Punkt kommt das Thema Change Management ins Spiel. Denn bei ihm geht es letztlich darum, Wege zu organisieren, um Spitzenleistungen zu erzielen.

Woraus besteht Wandel? Damit ein Unternehmen eine leistungsstarke Organisation wird, müssen die drei Zahnräder Strategie, Struktur und Kultur ohne Reibungsverluste ineinander greifen. Also gilt es, Antworten auf die Fragen zu finden:

  • Wohin geht die Reise (Strategie)?

  • Welchen (organisationalen) Rahmen brauchen wir hierfür (Struktur)?

  • Welche Menschen mit welcher Einstellung und Haltung benötigen wir hierfür (Kultur)?

Team beim Tauziehen
Team beim Tauziehen
Foto: Maximilian Haupt - Fotolia.com

Die Strategie? Sie lässt sich im Top-Management entwickeln. Und die Struktur? Sie lässt sich top-down etablieren. Doch wie sieht es mit den Menschen aus, die die Strategie und Struktur mit Leben füllen müssen? Um sie als Mitstreiter zu gewinnen und zu einer Einstellungs- und Verhaltensänderung zu bewegen, ist ein differenzierteres Vorgehen notwendig - denn ihre Leistungsfähigkeit und -bereitschaft hängt von vielen Faktoren ab.

Und genau dies macht das Entwickeln von leistungsstarken Organisationen so schwer. Beim Versuch, sie zu entwickeln, stehen Manager vor einer ähnlichen Herausforderung wie der Bundestrainer beim Planen des Auftritts der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der anstehenden Weltmeisterschaft in Brasilien.

Der Bundestrainer kann mit seinen Assistenten basierend auf einer Analyse der Spielweise der anderen Mannschaften (sozusagen einer Marktanalyse) und der Kompetenzen seiner Spieler das tollste Spielsystem (also die Strategie) für sein Team austüfteln. Er kann zudem die erforderlichen Rahmenbedingungen schaffen, dass sich seine Mannen während des Turniers voll auf ihre Aufgabe konzentrieren können. Doch ist damit der Erfolg garantiert? Nein, denn hiermit hat der Bundestrainer nur Erfolgsvoraussetzungen geschaffen. Wie berauschend und erfolgreich sein Team tatsächlich spielt, hängt primär davon ab, inwieweit er die Köpfe seiner Mannen erreicht und es ihm gelingt, aus den verschiedenen (Spieler-)Typen ein Team zu formen, das sich ergänzt und für das gemeinsame Ziel brennt.

Vor derselben Herausforderung stehen Manager beim Versuch, ihre Unternehmen zu leistungsstarken Organisationen zu entwickeln. Auch dann ist neben Erfahrung und Können stets ein Schuss Magie gefragt.

Georg Kraus ist Geschäftsführender Gesellschafter von Dr. Kraus & Partner.