Suchtgefahr

App schlägt bei Smartphone-Sucht an

17. Februar 2014
Für immer mehr junge Leute ist das Smartphone ein ständiger Begleiter. Wissenschaftler warnen vor neuem Suchtpotenzial. Bonner Forscher wollen herausfinden, wie stark zum Handy gegriffen wird - mit einer neuen App.

Viele Jugendliche legen ihr Handy kaum noch aus der Hand. Oft haben sie ein Smartphone, mit dem sie ins Internet gehen, mit Freunden kommunizieren oder Spiele herunterladen. Bei Vielnutzern bleibt das Smartphone selbst bei der Nachtruhe oder im Unterricht angeschaltet.

Bonner Forscher wollen nun mit Aufzeichnungen beleuchten, inwieweit eine Suchtgefahr droht. Dazu soll die eigens entwickelte App "Menthal" dienen, die Smartphone-Nutzer kostenlos herunterladen können, um ihr Verhalten zu messen und zu kontrollieren.

Die meisten Nutzer tendieren nach Beobachtungen der Wissenschaftler dazu, die Zeit am Handy zu unterschätzen. In einer Pilotstudie anhand der App untersuchte das Forscherteam mit Psychologen und Computerwissenschaftlern der Universität Bonn das Verhalten von 50 Studenten über einen Zeitraum von sechs Wochen. Resultat: Alle zwölf Minuten aktivierte ein Durchschnittsnutzer sein Smartphone.

Einer der Leiter der Studie, der Psychologe Dr. Christian Montag, spricht von "erschreckenden Ergebnissen": "Im Schnitt wurde das Handy am Tag 80 Mal aktiviert." Ein Viertel der Probanden habe das Hand länger als zwei Stunden pro Tag genutzt. "Die Frage ist, wann wird die Smartphone-Nutzung problematisch und wann beginnt die Sucht?"

Zusammen mit dem Informatikprofessor Alexander Markowetz und weiteren Wissenschaftlern hat Montag mit "Menthal" eine App entwickelt, die exakt festhalten soll, wie oft und wann das Smartphone aktiviert wird und welche Dienste und Anwendungen man nutzt.

Viele jüngere Menschen wollen ständig erreichbar sein. Man könnte ja wichtige Nachrichten etwa über FacebookFacebook oder den Kurznachrichten-Dienst Whatsapp verpassen. "Auch in Vorlesungen sind viele permanent online", sagt ein 20-jähriger Student. Vor allem gehe es um Kommunikation mit Freunden und Bekannten. Alles zu Facebook auf CIO.de

Angesagt ist dabei aktuell das sogenannte Instant Messaging via WhatsApp. Dort kann man bei einer Internetverbindung und über die Handynummer Nachrichten sowie Fotos und Videoaufnahmen rasch hin und her schicken. Man sieht auch, wer jeweils "online" oder "verfügbar" ist. Klassische SMS, das gewöhnliche Telefonat oder E-Mails sind in den Hintergrund getreten.

Das neue Kommunikationsverhalten wird auch in der Bonner Pilotstudie belegt: Da steht Whatsapp an der Spitze der Smartphone-Zeit vor Facebook und Spielen, weit dahinter rangieren Telefonieren und SMS.

Auch Spiele-Apps wie aktuell etwa Quizduell sind auf dem Smartphone beliebt. Das Hitspiel "Flappy Bird" wurde vor wenigen Tagen zurückgezogen. Der vietnamesische Entwickler bekam nach eigenen Angaben Gewissensbisse. Es sei eigentlich zur Entspannung gedacht gewesen, habe sich aber zu einem Produkt mit Suchtpotenzial entwickelt, erklärte er den ungewöhnlichen Rückzieher auf dem Höhepunkt des Erfolgs.

Die App "Menthal" sei wie eine "digitale Waage", mit der man sein eigenes Suchtpotenzial einschätzen könne, sagt Montag. Die meisten Studien zur Handynutzung hätten sich bislang auf Selbsteinschätzungen verlassen, die auch subjektiv verfälscht sein könnten.

Übermäßiger Umgang mit dem Smartphone könne suchtähnliches Verhalten hervorrufen, erläutert Montag. Um das Befriedigungsniveau zu halten, sei ein immer höherer Konsum nötig. Ähnlich wie bei anderen Suchtmitteln gebe es bei Nichtnutzung auch Entzugserscheinungen. Und ähnlich wie bei Drogen gebe es eine "ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Medium".

Innerhalb kurzer Zeit hat laut Montag ein Run auf "Menthal" eingesetzt: "Seit dem Start Mitte Januar haben wir bereits mehr als 100 000 User." Die kostenlose App kann auf SmartphonesSmartphones mit dem Betriebssystem AndroidAndroid geladen werden, eine iOS-Version für Apples iPhones ist nicht geplant. Alles zu Android auf CIO.de Alles zu Smartphones auf CIO.de

Wer die App nutzt, kann nicht nur sein eigenes Gefährdungspotenzial besser einschätzen, sein Verhalten wird auch von den Forschern ausgewertet. Über einen Server werden die anonymisierten Daten an das Bonner Team geleitet. Es will die Informationen unter Einhaltung strenger und transparenter Datenschutz-Regelungen für die psychologische Handy-Forschung und das neue Forschungsfeld der Psycho-Informatik nutzen. (dpa/rs)