Die wöchentliche CIO-Kolumne

Aufgedonnerte Karteileiche: die Greencard

07. Juli 2003
Heinrich Seeger arbeitet als IT-Fachjournalist und Medienberater in Hamburg. Er hat über 25 Jahre IT-journalistische Erfahrung, unter anderem als Gründungs-Chefredakteur des CIO Magazins. Er entwickelt und moderiert neben seiner journalistischen Arbeit Programme für Konferenzen und Kongresse in den Themenbereichen Enterprise IT und Mobile Development, darunter IT-Strategietage, Open Source Meets Business, droidcon und VDZ Tech Summit. Zudem gehört er als beratendes Mitglied dem IT Executive Club an, einer Community von IT-Entscheidern in der Metropolregion Hamburg.
Was hat das Abstimmungsverfahren im Bundesrat mit dem IT-Arbeitsmarkt zu tun? Der Zusammenhang ist so absurd wie einfach: Weil bei der Abstimmung über das geplante Zuwanderungsgesetz in der Länderkammer ein Formfehler begangen wurde, wird wahrscheinlich eine Verordnung der sozialdemokratischen Bundesregierung bis auf weiteres ihre Geltung behalten, die als Vorläufer des Zuwanderungsgesetzes gedacht war. Dabei stört es offenbar nicht, dass diese Verordnung - die Rede ist von Gerhard Schröders Greencard-Regelung - mittlerweile absurde bis menschenverachtende Auswirkungen zeitigt.

20 000 befristet einzustellende IT-Fachkräfte für deutsche Unternehmen sollte sie bringen, die Verordnung - Fachkräfte, die im März 2000, als der Bundeskanzler auf der Cebit mit seiner "Greencard" an die Öffentlichkeit trat, schon gar nicht mehr so dringend benötigt wurden. Zumindest warnten seinerzeit bereits Gewerkschaften davor, die Jobs inländischer IT-Profis zu gefährden durch eine Maßnahme ohne gewissen Erfolg. Hinweise auf die Opposition des amerikanischen Ingenieursverbands IEEE gegen das zeitlich begrenzte Fachkräfte-Visum H1B fruchteten nichts. - Dieses ist übrigens viel eher mit dem deutschen Greencard-Konzept vergleichbar. - Der Kanzler hatte Rückenwind, und die Sache lief an.

Der Erfolg blieb jedoch aus: Statt 20 000 kamen bis heute nur gut 11 000 Programmierer, Systemanalytiker und Netzwerkexperten; gut 3500 konnten ihre Jobs mit einer weiteren befristeten Arbeitserlaubnis verlängern. Das macht etwa 15 000 Greencards, ein Viertel weniger als geplant. Aber selbst diese Zahl ist offenbar zu hoch: Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit melden sich immer mehr ehemalige Greencard-Inhaber in Deutschland arbeitslos, jeder Fünfte während des ersten Jahres. Das Innenministerium von Baden-Württemberg war bereits im Februar dieses Jahres zu dieser Erkenntnis gelangt. Und die Bonner Zentralstelle für Arbeitsvermittlung berichtet gar von Abschiebung: In den schnellsten Fällen bereits 72 Stunden nach Vertragsende hatten kommunale Ausländerbehörden Greencard-Inhaber auf den Heimweg geschickt.

Diese Praxis hat das Bundesinnenministerium zwar inzwischen wieder kassiert; die Betroffenen erhalten bis zu einem halben Jahr Aufschub. Aber nur, wer innerhalb dieser Gnadenfrist einen neuen Job findet, darf in Deutschland bleiben. Wie die Aussichten dafür bei der gegenwärtigen Arbeitsmarktlage für einen gerade Gefeuerten ohne gute deutsche Sprachkenntnisse sind, braucht man nicht weiter zu erörtern.

Wer nicht mehr gebraucht wird, kann gehen oder ersetzt werden - durch neue Greencard-Inhaber! Wer nicht bereits eine gewisse Zeit im gelobten Land Deutschland weilt, sondern direkt aus Indien, der Ukraine oder Russland kommt, hat sicherlich noch bescheidenere Ansprüche an das Gehaltsniveau. Da müssen die Unternehmen nicht so genau nachrechnen, um wieviel der Neue das Gehaltsbudget belastet. Und wenn er nicht mehr benötigt wird, ist mit keinem großen Widerstand gegen die Entlassung zu rechnen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wir reden keiner Abschottung des deutschen IT-Arbeitsmarkts gegen preisgünstige und leistungswillige Fachkräfte aus Offshore-Ländern das Wort. Im Gegenteil: Nur wer Offshore-Quellen nutzt, ob per Projektvertrag oder mit der Greencard als Vehikel, kann den Personalanteil an den IT-Gesamtkosten im Rahmen halten.