HANS-JOACHIM-NITSCHKE

Broker im Internet

01. Oktober 2001
Von Meike Hebestreit
Als Gründungsmitglied der Comdirect Bank ist Hans-Joachim Nitschke im Vorstand zuständig für die IT, die zu den Kernkompetenzen einer Direktbank zählt. Seine Aufgabe: das klassische Bankgeschäft an die neuen Technologien zu koppeln.
Hans-Joachim Nitschke
Hans-Joachim Nitschke

DER ANRUF kam an einem Freitag. Hans-Joachim Nitschke saß in seiner kleinen Commerzbank-Filiale in Bremen und freute sich auf ein entspanntes Wochenende. "Herr Nitschke, wir möchten, dass Sie für uns eine neue Direktbank aufbauen. Bitte überlegen Sie sich bis Montag, ob Sie den Job machen wollen", so der Anrufer aus der Frankfurter Zentrale.

Daten und Fakten zur Comdirect Die 1994 als Tochtergesellschaft der Commerzbank gegründete GmbH wurde 1999 in die Comdirect Bank AG umfirmiert und ist seit Juni 2000 börsennotiert. 58 Prozent hält das Mutterhaus, 21 Prozent besitzt T-Online und zwanzig Prozent sind im Streubesitz.Am Ende des ersten Halbjahres 2001 betreute die Comdirect zusammen mit den internationalen Tochtergesellschaften in Frankreich, Großbritannien und Italien sowie in Österreich und der Schweiz mehr als 631000 Kunden mit rund 596000 Depots. Mit rund sechzig Millionen Visits und über 175 Millionen Seitenaufrufen pro Monat gilt die Website der Comdirect als eine der meistbesuchten europäischen Finanzseiten im Internet.Der Einstieg ins Filialgeschäft ist seitens der Comdirect nicht zu erwarten. Allerdings steht das zweite Internet- Projekt der Commerzbank parat, das Finanzportal Comport. Über eine Multikanal-Strategie soll es Kunden sowohl im Internet als auch im Filialgeschäft mit Dienstleistungen der Commerzbank versorgen. Mittelfristiges Ziel des Comport ist die Abwicklung von Geldtransaktionen im Internet, wozu sowohl Business-to-Consumer- (Reisen, Konzerttickets) als auch Business-to-Business- Projekte aufgesetzt wurden.Wettbewerber Die Comdirect gilt als Branchenführer der Online-Broker, gefolgt vom Nürnberger Anbieter Consors und der Direkt Anlage Bank. Durch die Krise an den internationalen Aktienmärkten ist der Wettbewerbsdruck durch reine Neuemissions-Broker wie die Berliner Systracom, die jüngst Insolvenz beantragen musste, oder die Frankfurter Netipo AG schwächer geworden.Kernkompetenzen Im Vordergrund steht bei Direktbanken der pure Bankservice. Standardisierte Finanzprodukte werden per Internet, Telefon, Fax und Brief vertrieben. Bei der Comdirect bildet das Wertpapiergeschäft den Schwerpunkt. Neben dem Online-Brokerage will die Comdirect künftig auch mobile Berater einsetzen. Die sollen Produkte wie Fonds, Tagesgeld-Konten oder Riester-Produkte auf Basis einer persönlichen Beratung an den Kunden bringen. Vorteil: Solche Produkte sind weniger konjunkturanfällig als das angestammte Brokerage. Zudem können auch solche Internet-Investoren erreicht werden, denen eine persönliche Beratung wichtig ist. Konkurrenten wie die Advance Bank oder die Direkt Anlage Bank bieten dies bereits an.
Daten und Fakten zur Comdirect Die 1994 als Tochtergesellschaft der Commerzbank gegründete GmbH wurde 1999 in die Comdirect Bank AG umfirmiert und ist seit Juni 2000 börsennotiert. 58 Prozent hält das Mutterhaus, 21 Prozent besitzt T-Online und zwanzig Prozent sind im Streubesitz.Am Ende des ersten Halbjahres 2001 betreute die Comdirect zusammen mit den internationalen Tochtergesellschaften in Frankreich, Großbritannien und Italien sowie in Österreich und der Schweiz mehr als 631000 Kunden mit rund 596000 Depots. Mit rund sechzig Millionen Visits und über 175 Millionen Seitenaufrufen pro Monat gilt die Website der Comdirect als eine der meistbesuchten europäischen Finanzseiten im Internet.Der Einstieg ins Filialgeschäft ist seitens der Comdirect nicht zu erwarten. Allerdings steht das zweite Internet- Projekt der Commerzbank parat, das Finanzportal Comport. Über eine Multikanal-Strategie soll es Kunden sowohl im Internet als auch im Filialgeschäft mit Dienstleistungen der Commerzbank versorgen. Mittelfristiges Ziel des Comport ist die Abwicklung von Geldtransaktionen im Internet, wozu sowohl Business-to-Consumer- (Reisen, Konzerttickets) als auch Business-to-Business- Projekte aufgesetzt wurden.Wettbewerber Die Comdirect gilt als Branchenführer der Online-Broker, gefolgt vom Nürnberger Anbieter Consors und der Direkt Anlage Bank. Durch die Krise an den internationalen Aktienmärkten ist der Wettbewerbsdruck durch reine Neuemissions-Broker wie die Berliner Systracom, die jüngst Insolvenz beantragen musste, oder die Frankfurter Netipo AG schwächer geworden.Kernkompetenzen Im Vordergrund steht bei Direktbanken der pure Bankservice. Standardisierte Finanzprodukte werden per Internet, Telefon, Fax und Brief vertrieben. Bei der Comdirect bildet das Wertpapiergeschäft den Schwerpunkt. Neben dem Online-Brokerage will die Comdirect künftig auch mobile Berater einsetzen. Die sollen Produkte wie Fonds, Tagesgeld-Konten oder Riester-Produkte auf Basis einer persönlichen Beratung an den Kunden bringen. Vorteil: Solche Produkte sind weniger konjunkturanfällig als das angestammte Brokerage. Zudem können auch solche Internet-Investoren erreicht werden, denen eine persönliche Beratung wichtig ist. Konkurrenten wie die Advance Bank oder die Direkt Anlage Bank bieten dies bereits an.

Es wurde ein langes Wochenende. Direktbank? Die Beschaulichkeit des Lebens in einer Filiale eintauschen gegen das Risiko einer Neugründung? Umzug mit Frau und Kindern? Nitschke ging pragmatisch vor, packte seine Familie ins Auto und fuhr ins 120 Kilometer entfernte Quickborn. Das Städtchen im Speckgürtel Hamburgs war bereits als Standort der künftigen Direktbank auserkoren. Ein schmuckloser Bürobau nahe der Autobahn in einem damals noch kaum erschlossenen Gewerbegebiet musste den Gründungsvätern reichen -- eine Direktbank hat schließlich keinen Kundenverkehr. Doch die Aussicht auf ein nettes Haus im Grünen und die vertraute norddeutsche Landschaft ließen den gebürtigen Ostfriesen zu dem Schluss kommen: "Die Ecke ist okay." Nach zehn Jahren in einem sicheren Job verspürte er große Lust, die Herausforderung anzunehmen. "In einer Filiale ist man einer unter vierzig Mitarbeitern. Bei einer Neugründung dabei zu sein, bedeutet, mitbestimmen und eigene Vorstellungen realisieren zu können."

 Hans-Joachim Nitschke, Jahrgang 1949, wuchs auf der Nordsee- Insel Borkum auf. Vor dem Studium der Betriebswirtschaft arbeitete er beim Evangelischen Hilfswerk Innere Mission. Seine Karriere als Banker führte ihn nach Hamburg, Leer und Bremen, wo er vor seinem Wechsel zur Comdirect als Abteilungsleiter Organisation in der Gebietsfiliale der Commerzbank tätig war. Seit 1994 ist er Mitglied der Comdirect-Geschäftsführung, seit der Umwandlung zur AG 1999 als Mitglied des Vorstands zuständig für IT, Organisation, Personal und Revision.
Hans-Joachim Nitschke, Jahrgang 1949, wuchs auf der Nordsee- Insel Borkum auf. Vor dem Studium der Betriebswirtschaft arbeitete er beim Evangelischen Hilfswerk Innere Mission. Seine Karriere als Banker führte ihn nach Hamburg, Leer und Bremen, wo er vor seinem Wechsel zur Comdirect als Abteilungsleiter Organisation in der Gebietsfiliale der Commerzbank tätig war. Seit 1994 ist er Mitglied der Comdirect-Geschäftsführung, seit der Umwandlung zur AG 1999 als Mitglied des Vorstands zuständig für IT, Organisation, Personal und Revision.

Die Herren in der Frankfurter Vorstandsetage legten den Aufbau der Comdirect Bank mit der Berufung Nitschkes sowie seiner Kollegen Christian Jessen und Bernt Weber in erfahrene Banker-Hände. Das Quickborner Trio machte sich zunächst denn auch brav ans Werk und befolgte gewissenhaft die Order, keine Commerzbank- Kunden für den neuen Geschäftsbereich abzuwerben. Irgendwann jedoch setzte sich die Erkenntnis durch, dass Mainhatten weit genug weg ist, um auch mal etwas Neues zu wagen. "Mit einer Idee haben wir unseren Chef richtig geschockt", erinnert sich Nitschke, und seine Augen funkeln hinter den ovalen Brillengläsern. Ein neues Sparprodukt sollte mit dem Wort "Das WahnZins-Konto" beworben werden. Das sei "nicht Banker-like", so die Reaktion einiger.

Ein lässiges "Hi" zum Chef

Sieben Jahre später haben sich die Comdirectler der branchentypischen Steifheit maßvoll entledigt. Die Sakkos bleiben bei sommerlichen Temperaturen schon mal über der Lehne hängen, dem Chef schallt zum Gruß ein lässiges "Hi" entgegen. "Das müssen Sie sich mal in Frankfurt vorstellen", sagt Nitschke und grinst. Ansonsten sucht man in dem weißblauen Zweckbau vergeblich nach den Insignien der New Economy: keine Mitarbeiter, die auf Alu-Scootern durch die Flure rollen, weder Kicker noch Espresso-Maschine im Empfangsraum. Auf der Visitenkarte des Bankchefs steht schlicht "Diplom-Ökonom" und "Mitglied des Vorstands", hippe englische Titel fehlen. Und das, obwohl die Comdirect ihr Geschäft heute fast ausschließlich übers Internet abwickelt.