Streaming-Boom vs. Realität

Bücher statt Binge Watching

15. Januar 2016
Keine physischen Datenträger mehr im Wohnzimmer - Medieninhalte kommen nur noch per Streaming auf die Bildschirme. Wie weit ist das Idealbild des modernen, vernetzten Medienhaushalts von der Realität entfernt?

Mancher hält Seriensucht und Angst vor Spoileralarm inzwischen für Massenphänomene. In vielen Familien, Freundeskreisen oder Büros scheint es oft nur eine einzige Frage zu geben: Welche Serie(n) guckst Du zurzeit? Einige stehen bereits kurz vor dem Burnout wenn sie daran denken, was sie alles noch sehen müssen, wollen oder könnten. Der Traum vom idealen Leben sähe dann so aus: eine von physischen Datenträgern und analogen Medien befreite Wohnung, die nun mehr Platz für mehr Bildschirme bietet, auf denen dank zahlreicher Streaming-Abos TV-Serien und Filme nonstop laufen. Dann braucht man nur noch die nötige Freizeit, um all die tollen Inhalte auch rezipieren zu können.

Binge Watching gehört bei vielen Nutzern von Streaming-Diensten zum guten Ton. Gemeint sind damit stundenlange Serien-Marathons.
Binge Watching gehört bei vielen Nutzern von Streaming-Diensten zum guten Ton. Gemeint sind damit stundenlange Serien-Marathons.
Foto: Andrey Popov - shutterstock.com

Süchtig nach Streaming: Ein Phänomen greift um sich

Serienjunkies gibt es in allen Altersgruppen und natürlich auch unter den Prominenten: "Ich bin totaler Serienfan", sagte etwa der "Deutschland 83"-Schauspieler Jonas Nay im dpa-Interview. Regisseur Volker Schlöndorff nannte sich im dpa-Gespräch "süchtig" nach US-Serien wie "Homeland", "Breaking Bad" oder "The Wire". Und auch "Tatortreiniger" Bjarne Mädel tappte nach eigener Auskunft in die "Serienfalle" und tendiert zum sogenannten Binge Watching. Bestsellerautorin Charlotte Roche (37) sagte im "Spiegel": "Alles, was in Serien passiert, ist krasser und besser als im echten Leben." Sie gucke "vier, fünf Stunden am Tag", eine Art "Lebensflucht". "In einer Serie lernt man die Figuren ja viel besser kennen als in einem Kinofilm, die werden fast wie Familienmitglieder."

Allein in den USA gibt es hunderte dieser TV-Produktionen. Es geht dabei um Formate wie "House of Cards", "The Man in the High Castle", "The Walking Dead", "Orange Is the New Black", "Jessica Jones", "True Detective", "Fargo", "Narcos", "Bloodline", "Mr. Robot", "Mozart in the Jungle", "Transparent" und viele weitere. Bald könnte es Amerikas boomende Kreativitäts-Industrie mit einer platzenden Serienblase zu tun bekommen. Doch noch dauert der Hype an. In Deutschland scheint das gesellschaftliche Phänomen hingegen nur in Teilen der Bevölkerung anzukommen. Vor allem bei Jüngeren gehört es mittlerweile zu den liebsten Freizeitbeschäftigungen, in die neuesten amerikanischen Serien mit ihren komplexen Charakteren und vielschichtigen Storys abzutauchen. Doch für die Mehrheit der Gesamtbevölkerung gehören Netflix, Amazon Prime Video, Maxdome und Watchever eher nicht zum alltäglichen Leben. Vielen scheint es auszureichen, wenn ausgesuchte Serienerfolge mit einiger Verzögerung bei den großen deutschen Free-TV-Sendern laufen.

YouGov-Studie: Deutsche nicht im Streaming-Fieber

In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur wählten 38 Prozent die Option "Film-Streaming", wenn sie unter gängigen Unterhaltungsmedien angeben sollten, worauf sie persönlich dauerhaft verzichten könnten. Als weniger entbehrlich wurden dagegen gedruckte Bücher (von nur 13 Prozent der Befragten) sowie das klassische Fernsehen (14 Prozent), Musik-CDs (21 Prozent) und DVDs (24 Prozent) genannt. Beim Streaming zeigt sich, wie gespalten die Gesellschaft beim Medienkonsum ist: Ältere (ab 55) machen es oft gar nicht und können dementsprechend gut darauf verzichten - nämlich zu 50 Prozent. Am beliebtesten ist Streaming demnach bei Menschen zwischen 25 und 34: nur 24 Prozent halten es in dieser Altersgruppe für verzichtbar. Unter den 18- bis 24-Jährigen finden es 27 Prozent verzichtbar. In einer anderen Umfrage fand YouGov heraus, dass nur sechs Prozent ihre TV-Serien "immer in der Originalfassung" ansehen. Die Mehrheit bevorzugt hingegen die Synchronfassung. Bei denjenigen, die die Originalfassung schauen, schaltet etwa die Hälfte desöfteren englische oder deutsche Untertitel als Hilfe hinzu.

Auf die Frage, welches Unterhaltungsmedium die Leute regelmäßig benutzen - also mindestens einmal pro Woche - antworteten lediglich 21 Prozent mit "Film-Streaming" in der YouGov-Umfrage für dpa. "Musik-Streaming" (etwa per Spotify, Tidal, Napster, Deezer oder Apple Music) lautete die Antwort bei 17 Prozent der Befragten. Dagegen nannten 89 Prozent das klassische Fernsehen, 52 Prozent gedruckte Bücher, 43 Prozent Musik-CDs und 30 Prozent DVDs. Bei der Frage, was die Leute unter bestimmten Kulturprodukten im letzten halben Jahr für sich selbst kauften, lag ganz altmodisch das gedruckte Buch mit 53 Prozent an der Spitze der Antworten. Auf den Plätzen folgten die Kinokarte (39 Prozent), die CD (33 Prozent) und die DVD (31 Prozent).

Ob das Buch nun wirklich am beliebtesten ist oder nur genannt wird, weil es in der Nation der Dichter- und Denker die sozial erwünschteste Antwort zu sein scheint, bleibt dabei unklar. Ehrlicherweise: "Nichts davon" kauften laut Umfrage 23 Prozent. (dpa/fm)

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