Führungsrolle

Chef als Fürst in seinem Reich hat ausgedient

02. Dezember 2015
Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Mit der Digitalisierung verändert sich auch die Rolle der Führungskräfte. Wie, wissen allerdings nur die wenigsten.

"Mit der Digitalisierung zeichnet sich ein grundlegender Wandel ab. Unternehmen sind gerade dabei, sich neu zu erfinden?, beobachtet Tobias Kämpf, Wissenschaftler am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München. Während viele über neue Geschäftsmodelle nachdenken und mit innovativen Formen der Zusammenarbeit experimentieren, fehle oft ein Konzept für die Rolle von FührungskräftenFührungskräften. "Das alte Leitbild des Chefs als Fürst in seinem Reich hat ausgedient", ist Kämpf überzeugt. Alles zu Führung auf CIO.de

Analyst prophezeit viele Firmenpleiten

Doch was kommt dann? Das Tempo, mit dem technische Innovationen und Startups traditionelle Branchen und deren Geschäftsmodelle durcheinander wirbeln, lässt Unternehmen wenig Zeit. "Es wird viele Firmen zerreißen", glaubt Dan BielerDan Bieler von Forrester Research im Hinblick auf die Digitalisierung. Der Analyst wagt die Prognose, dass die Hälfte der Unternehmen einen Transformationsprozess mit offenem Ergebnis durchlaufen, sprich nicht überleben. Mit Industrie 4.0, Big Data und technologischen Innovationen veränderten sich auch die Art und Weise, wie Menschen in Organisationen zusammenarbeiten. Profil von Dan Bieler im CIO-Netzwerk

Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran - und lässt so vielen Unternehmen wenig Zeit sich entsprechend zu wappnen.
Die Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran - und lässt so vielen Unternehmen wenig Zeit sich entsprechend zu wappnen.
Foto: Family Business - shutterstock.com

Das Forschungsprojekt "Wissensarbeit im Unternehmen der Zukunft nachhaltig gestalten", kurz "Wing", widmet sich auch der Frage nach dem Selbstverständnis von Arbeitskräften und Managern. Gefördert wird Wing vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Kooperationspartner ist unter anderem die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Wie sieht also die Organisation der Zukunft aus? Bringen Transparenz und kollaborative Plattformen automatisch mehr Demokratie und Mitbestimmung ins Unternehmen oder ermöglichen sie vielmehr die absolute Kontrolle und führen zum digitalen Fließband? Noch scheint alles möglich. "Noch haben wir keine Blaupause für die neue Rolle von Führungskräften, doch bis zum Projektende 2017 wollen wir gemeinsam mit unseren Praxispartnern aus den Unternehmen Lösungen für zukunftsfähige Führungskonzepte erarbeiten", sagt Kämpf.

Manager sitzen zwischen allen Stühlen

Alte Gewissheiten verschwinden. Während sich die Arbeitswelt in den vergangenen Jahren rasant verändert hat, sitzen heute viele Manager zwischen allen Stühlen. Introvertierte Experten und durchsetzungsstarke Alpha-Tiere gelten gleichermaßen als verstaubt. Ein moderner Manager kümmert sich um seine Mitarbeiter, begleitet den Wandel, motiviert sein Team zu Höchstleistungen und sorgt dafür, dass sich alle wohlfühlen. "Ist die Führungskraft noch Chef oder Diener eines selbständigen Teams?", bringt Kämpf das Dilemma des unteren und mittleren Managements auf den Punkt. Zahlengetrieben und Druck von oben, selbstbewusste und fordernde Mitarbeiter von unten, schränken den Gestaltungsspielraum ein.

Näher am Mitarbeiter sein, jedes Teammitglied coachen, gleichzeitig für ein 20- oder 30-köpfiges globales Team verantwortlich sein und die strategische Linie vorgeben, das funktioniert kaum reibungslos. Die steigenden Ansprüche spüren die mittleren Manager in ihrer Sandwich-Position. "Manche drohen an den Ansprüchen von oben und unten zu zerbrechen", fürchtet Kämpf und sieht deshalb Führungskräfte als Burn-out-Risikogruppe.

Manager und Führungskräfte müssen sich verändern, denn die Digitalisierung verlangt andere Kompetenzen als nur die eines dirigierenden Chefs.
Manager und Führungskräfte müssen sich verändern, denn die Digitalisierung verlangt andere Kompetenzen als nur die eines dirigierenden Chefs.
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