Kunden sortieren auf dem Prüfstand

Das Geschäft mit dem Scoring

05. September 2014
Ob Handy-Vertrag oder Fernsehkauf: Unternehmen checken ständig, wie kreditwürdig Kunden sind - ohne dass die es mitbekommen. Es ist ein Millionengeschäft für Auskunfteien. Nun soll es auf den Prüfstand.

Der Fall hat sogar das Bundesverfassungsgericht erreicht: Eine Frau aus Hessen bekommt keinen Kredit für den Autokauf, weil sie einen schlechten Schufa-Eintrag hat. Später stellt sich heraus: Es war eine Verwechslung. Fälle wie diese werfen Schlaglichter auf das Scoring - jene statistischen Berechnungen, mit denen Unternehmen und BankenBanken abschätzen, ob sie von Kunden ihr Geld zurückerhalten werden. Top-Firmen der Branche Banken

Scorings sind ein wachsender Markt, Auskunfteien wie die Schufa setzen damit viele Millionen Euro um. Doch die Branche ist in Unruhe. Sie fürchtet schärfere Datenschutzauflagen. Hatten es die Auskunfteien bisher eher klaglos hingenommen, dass mit den Umsätzen auch die Kritik wuchs, gehen sie nun in die Offensive.

In Ministerien und Fraktionen werben sie mit neuen Studien für ihre Arbeit, bei der geheime Algorithmen die Kreditwürdigkeit von Verbrauchern errechnen. Es sind Daten, die Millionen Menschen betreffen - meist ohne dass diese es mitbekommen. "Scoring ist ein elementarer Bestandteil jeder Kreditvergabe", sagt etwa Peter Wacket, Geschäftsführer des Bankenfachverbands.

Wer beim Online-Kauf plötzlich nur per Vorkasse zahlen kann oder für seinen Kredit viel höhere Zinsen bezahlt als die Bankwerbung hoffen ließ, ist möglicherweise einem schlechten Scoring zum Opfer gefallen. Die persönliche Punktzahl (Score) errechnen Auskunfteien etwa aus der Zahlungsmoral, aber auch aus Geschlecht, Alter und Wohnanschrift.

Ein 91-Jähriger hätte es schwer, noch einen Kredit mit zehn Jahren Laufzeit zu bekommen, auch ein schlechtes Wohnumfeld senkt die Chancen - das aber entscheiden die Banken. Schufa, Creditform, Bürgel und andere liefern nur die Daten dafür, wie Thomas Riemann betont, der Geschäftsführer des Verbands Die Wirtschaftsauskunfteien.

Sie profitieren auch vom wachsendem Online-Handel. Wo der Händler dem Kunden nicht mehr über den Ladentisch in die Augen blickt, entscheiden Scorings über Vertrauen und Misstrauen. Ohne die Daten könnten Händler ihre Pflichten zur Risikominimierung nicht erfüllen, warnt Christoph Fischer-Wenk, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland. "Dann stünde der Kauf auf Rechnung zum Leidwesen Aller vor dem Aus."

Auch in der Bundesregierung hat das Scoring Unterstützer. "Hierdurch wird nicht nur der Kreditgeber gegen Zahlungsausfälle geschützt, sondern auch der Verbraucher gegen Überschuldung", betont das Innenministerium vor wenigen Tagen nach einer Anfrage der Linksfraktion. Ähnlich äußert sich eine jetzt veröffentlichte Branchenstudie, die den volkswirtschaftlichen Nutzen betont: ohne Scoring mehr Misstrauen und weniger Kredite.

Doch aus dem Verbraucherschutzministerium kommt Gegenwind. Niemand dürfe zum Opfer irgendwelcher Algorithmen werden, hatte Minister Heiko Maas (SPD) im Frühjahr gefordert und Reformen angekündigt. "Alle Unternehmen, die heute anhand von Kundendaten die Bonität von Verbrauchern einschätzen, sollen künftig verpflichtet werden, dies den Behörden zu melden."

Im Herbst will das Maas-Ministerium eine eigene Studie vorlegen. In Auftrag gegeben ist sie bei der GP-Forschungsgruppe, die den Auskunfteien schon einmal kein gutes Zeugnis ausstellte, und beim Kieler Datenschützer Thilo Weichert, der seit Jahren gegen die "statistische Verbraucher-Diskriminierung" angeht. Wenn die Studie auf dem Tisch liege, werden er sehr genau prüfen, ob die Vorgaben ausreichen, hat Maas angekündigt.

Das lässt die Unternehmen nichts Gutes ahnen. "Wir befürchten Einschränkungen durch den Gesetzgeber", sagt Branchenvertreter Reimann. Die Datensammler meinen, dass sie zu Unrecht keinen besonders guten Ruf haben. Der rührt auch aus der Geheimhaltung: Wer anfragt, erfährt zwar, welche seiner Daten gespeichert sind. Aber wie daraus der Score errechnet wird, bleibt unter Verschluss.

Allein die Größe der Bestände lässt manchen Datenschützer schaudern. Die Schufa hat nach eigenen Angaben 655 Millionen Einzeldaten zu mehr als 66,3 Millionen Verbrauchern und 4,2 Millionen Unternehmen gespeichert. 2013 gab sie mehr als 100 Millionen Auskünfte an Firmenkunden. Vor zwei Jahren musste sie nach öffentlicher Empörung die Forschung dazu einstellten, wie man über NetzwerkeNetzwerke wie FacebookFacebook und TwitterTwitter den Lebenswandel der Verbraucher unter die Lupe nehmen könnte. Alles zu Facebook auf CIO.de Alles zu Netzwerke auf CIO.de Alles zu Twitter auf CIO.de

Die Betroffenen können zwar falsche Daten bei den Auskunfteien monieren, haben sonst aber keinen direkten Einfluss auf ihr Scoring. Dem Verbraucherschutzministerium bleibt in einer Broschüre daher nur dieser Tipp: "Denken Sie daran: Generellen Einfluss auf seinen Score-Wert hat man auch, indem man Rechnungen zügig begleicht und Raten pünktlich zahlt." (dpa/rs)