Strategien


Umstrittene Studie

Das Internet der Dinge im Jahr 2025

Werner Kurzlechner lebt als freier Journalist in Berlin und stellt regelmäßig Rechtsurteile vor, die Einfluss auf die tägliche Arbeit von Finanzentscheidern nehmen. Als Wirtschaftshistoriker ist er auch für Fachmagazine und Tageszeitungen jenseits der IT-Welt tätig.
Positive Auswirkungen bescheinigen die meisten Experten dem Internet of Things, so eine Studie der Meinungsforscher von Pew. Doch es gibt auch viel Kritik.
"Die Grenze zwischen Menschen und ihren Maschinen beginnt bereits zu verschwimmen", meint John Markoff von der New York Times.
"Die Grenze zwischen Menschen und ihren Maschinen beginnt bereits zu verschwimmen", meint John Markoff von der New York Times.
Foto: xiaoliangge - Fotolia.com

Vielleicht ist das Internet der Dinge wirklich das ganz große nächste Ding - und eine epochale Erleichterung im Alltag. Womöglich entwickelt es sich aber auch zu einer grandiosen Überforderung. Eine epochale Überforderung stellt in gewisser Weise eine groß angelegte Studie zum Thema dar, die das Pew Research Center kürzlich präsentiert hat. Die vielen schnell verdaulichen Studien zu IT-Fragen zeichnen ihr Bild in aller Regel so präzise, das es sofort sichtbar ist.

Das Meinungsforschungsinstitut Pew liefert stattdessen ein gigantisches Puzzle, in dem jedes einzelne Teil auch für sich selbst eine Botschaft enthält. Das überfordert erst einmal in gleichem Maße, wie es wahrscheinlich in einem vollen Raum mit vielen Menschen und ebenso vielen sprachsensiblen Computern der Fall wäre.

Wie die Borg aus Star Trek

"Das Konzept der Borg aus Star Trek fällt einem dazu ein", meint der New York Times-Journalist John Markoff zum Internet der Dinge. "Die Grenze zwischen Menschen und ihren Maschinen beginnt bereits zu verschwimmen." Markoffs Statement ist eines der ungefähr 1600 Puzzle-Teile, die Pew gesammelt hat und die sich im Kopf des Lesers vielleicht irgendwann zu einem stimmigen Bild zusammenfügen.

Das Studienkonzept: Das Pew Research Center wollte im Kern wissen, wie es mit dem Internet of Things (IoT) und unserer Welt im Jahre 2025 bestellt sein wird. Experten aus der IndustrieIndustrie, von Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen, aus der Beratung und aus anderen Feldern konnten ihre Meinung mitteilen. Top-Firmen der Branche Industrie

Die erwähnten rund 1600 Experten haben das gemacht, und Pew hat aus ihren Aussagen ein 66-seitiges Konvolut erstellt. Wer es liest, weiß vermutlich alles, was man sich momentan zum Internet der Dinge, Rechnern in der Kleidung, avancierter Spracherkennung und derlei denken kann.

Positiver Einfluss auf das Alltagsleben

Denkt man sich die Studie tatsächlich als Puzzle, so erstrahlt die Fläche größtenteils in hellsten Farben, während etwa ein Fünftel im Dunkel liegt. 83 Prozent nämlich haben die Leitfrage positiv, 17 Prozent negativ beantwortet. Sie lautete so: "Die Evolution eingebetteter Geräte und das Internet der Dinge/die Wolke der Dinge: Wenn bis dahin Milliarden an Geräten, Artefakten und Gegenständen miteinander vernetzt sind, wird sich das Internet der Dinge bis 2025 weit verbreitet und positiven Einfluss auf das alltägliche Leben haben?"

Die Kritiker

Naturgemäß spannend sind Antworten, die das glatt verneinen. "Nein, wir brauchen das nicht - und die meisten Leute haben dafür keinen Bedarf", sagt zum Beispiel Karl Fogel, Partner von Open Tech Strategies. Der Mitbegründer einer Beratung für Internet-Technologie und Biomedical Engineering geht davon aus, dass der Nutzen von am Körper getragener IT überschaubar ist. Entwickeln werde sich ein "Spielzeug für die Reichen", mit spezifischen Anwendungsfeldern wie Gefängnissen, Krankenhäusern und Armeen. Mehr aber auch nicht.

Keine Killer-App für Blickverfolgung

Schick, der kleine Rechner in der Brille. Skeptiker monieren aber, dass Google die Menschheit nicht wirklich voran bringt - von Sorgen um den Datenschutz ganz zu schweigen.
Schick, der kleine Rechner in der Brille. Skeptiker monieren aber, dass Google die Menschheit nicht wirklich voran bringt - von Sorgen um den Datenschutz ganz zu schweigen.
Foto: Google

"Wenn die Waage in meinem Bad meinem Smartphone mitteilt, wie viel ich wiege, dann ist das nett, aber keine wirkliche Lebensveränderung", so Fogel weiter. Die smarte Uhr von Samsung und GoogleGoogle Glass erinnern den Skeptiker an Taschenrechner, die man in den 1970er-Jahren in Armbanduhren integriert hat: eine kurzlebige Modeerscheinung, aber kein Trend, interessant für manche, belächelt von vielen. "Blickverfolgung ist längst eine ausgereifte Technologie, aber wir haben dafür immer noch keine Killer-App", unkt Fogel weiter. "Ich erwarte nicht, dass derlei in elf Jahren die Herzen und Hirn beherrschen wird." Alles zu Google auf CIO.de

Bedenken am Studiendesign

Wie Computerworld.com berichtet, hat Fogel auch das Studiendesign in Frage gestellt. Die Methode sei insofern tendenziös, weil insbesondere Teilnehmer mit einem Eigeninteresse an IoT-Promotion für eine Teilnahme motiviert gewesen seien. Deshalb sei die Zustimmungsrate von über 80 Prozent auch zu hinterfragen. Lee Rainie, Leiter des Internet-Projektes von Pew, sagt selbst, dass die Aussagekraft der Studie eher im qualitativen als im quantitativen Bereich liege. Bei aller Zustimmung habe man auch viele kritische Stimmen gesammelt.

Die Euphoriker hören sich so an wie JP Rangaswami, Forschungschef von Salesforce.com. "Entscheidungen werden schneller und besser getroffen werden, und zwar auf Basis exakter Daten", so Rangaswami. Fehler im Denken und Planen könnten wirksamer als bisher ausgeschlossen werden.

Futuristischen Szenarien in Fülle

An futuristischen Szenarien mangelt es in der Studie nicht. Paul Saffo von Discern Analytics denkt an Milchtüten, die ihren Besitzern mitteilen, dass sie bald leer sind - und zwar genau dann, wenn die Milchtrinker sich in der Nähe von Supermärkten und Kiosken aufhalten. Social Media-Berater Laurel Papworth stellt sich Turnschuhe vor, die die Fitnessaktivitäten ihrer Träger zwecks Prämienanpassung direkt an die Versicherung weiterleiten.

Datenschutz nicht einmal im Dschungel

Unter Datenschutzaspekten mutet so etwas grenzwertig an. Die von Pew gesammelten Meinungen dazu lesen sich ambivalent. "Es wird überhaupt keine Privatsphäre mehr geben - nicht einmal im Dschungel, weit weg von der Zivilisation", schreibt Nick Wreden von der University of Technology Malaysia. "Mir gefällt das zwar nicht, aber Menschen haben immer wieder offenbart, dass sie für eine Dollargutschrift ihre Seele verkaufen würden."

"Das IoT wird umfangsreiche positive Effekte haben", mutmaßt Justin Reich vom Berkman Center for Internet & Society an der Universität Havard. "Genauso wird es aber negative Folgen geben." Lebenserleichterungen auf der einen, Datenschutzverletzungen auf der anderen Seite. "Es wird neue Wege geben, in Verbindung miteinander zu sein - aber auch Wege in die Isolation, in Menschenhass und Depression", so Reich weiter. Alles, was man an Smartphones liebe und hasse, werde sich verstärken.

Dinge reagieren auf Stimmkommandos

"Wir werden schlichtweg erwarten, dass die Dinge auf Stimmkommandos reagieren", schreibt Hal Varian, Chefökonom von Google, zum Jahr 2025. Licht an, Temperatur hoch, Fernsehpause - alles ganz bequem auf Zuruf. Man werde die Abläufe zu Hause auch aus der Ferne kontrollieren können, so Varian, vor allem vom Auto aus: "Diese Technologie wird so billig sein, dass sie völlig selbstverständlich in die meisten Anwendungen und Geräte inkorporiert sein wird."

Am Nutzwert der IoT für einzelne Branchen oder beispielsweise für Menschen mit Behinderung wird kaum Zweifel geäußert. An der Google-Wunschvision aber sehr wohl. "Das IoT ist zu komplex", meint etwa Jeff Michalski, Gründer der Relationship Economy eXpedition (REX). Es werde laufend Störungen geben und unbeabsichtigte Folgen.

Bedrückend, nicht befreiend

Bei der Suche nach mehr Effizienz macht nach Michalskis Einschätzung die Komplexität der Natur einen Strich durch die Rechnung. Irgendwann verlieren die Menschen seiner Meinung nach die Lust daran, ihre Handlungen und Gedanken von Geräten verfolgbar zu machen. "Unsere Kontrollgesellschaft fühlt sich bedrückend an, nicht befreiend", so Michalski.

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