Rhätische Bahn

Das Krokodil bekommt eine WLAN-Antenne

30. Juni 2014
Horst Ellermann ist Herausgeber des CIO-Magazins.
Pünktlich zur 125-Jahr-Feier hat die Rhätische Bahn ihre neue Mobilstrategie umgesetzt. Diese passe für Hardware aller Art, sagt Informatik-Leiter Urs Püntener. Selbst eine Lok von 1929 funkt mit.
Die etwas zu groß geratene Modelleisenbahn mit ihrer Spurbreite von genau einem Meter eignet sich einfach zu gut als Best Practice für gelebte Mobilität.
Die etwas zu groß geratene Modelleisenbahn mit ihrer Spurbreite von genau einem Meter eignet sich einfach zu gut als Best Practice für gelebte Mobilität.
Foto: Rhätische Bahn AG

Seit Anfang Mai feiert die Bahn des Schweizer Kantons Graubünden ihr 125-jähriges Bestehen. Parallel dazu veranstaltete Citrix in Los Angeles seine Hausmesse "Synergie". Auch dort hatte die Rhätische Bahn ihren Auftritt: Neulich war ein Kamerateam aus Amerika in Graubünden, um die kleinen Schmalspurzüge für die Synergie zu filmen. Die etwas zu groß geratene Modelleisenbahn mit ihrer Spurbreite von genau einem Meter eignet sich einfach zu gut als Best Practice für gelebte Mobilität. Selbst dem guten alten Krokodil von 1929 hat Informatik-Leiter Urs Püntener eine WLAN-Antenne aufgesetzt. Die berühmte Lok kommt bei der Rhätischen noch zum Einsatz - wenn auch in Braun und nicht in Grün, der Farbe, die der Lok in Deutschland zu ihrem Spitznamen verhalf (im Bild unten ist ein vergleichbares Märklin-Modell zu sehen).

Das außergewöhnliche Krokodil ist auch weniger mitteilungsfreudig als die anderen Loks im Schuppen. Wortkarg geradezu, verglichen mit den modernen Triebwagen, bei denen Bremsen, Türen und rund 30 andere Gerätschaften täglich ihr Befinden berichten. Das Krokodil sagt nicht viel mehr als "Ich bin wieder da", wenn es am Lesegerät in Landquart vorbeischnurrt, wo sich die Hauptwerkstätte für Rollmaterial befindet. Und wo die meisten Mitarbeiter der Rhätischen Bahn stationiert sind - wenn sie denn arbeiten. "Unser Business findet nicht im Büro statt", erklärt Püntener. Von den 1460 Mitarbeitern haben nur 400 einen stationären Arbeitsplatz. Zugpersonal und Mitarbeiter des Gleisunterhalts sind alle mobil. Ergo hat Püntener seine eigene Strategie für Mobile ITMobile IT Alles zu Mobile IT auf CIO.de

Vergleichbares Märklin-Modell.
Vergleichbares Märklin-Modell.
Foto: Gebr. Märklin & Cie. GmbH

Mitarbeiter und Loks kurven auf 384 Kilometern Strecke durch die Berge. Um die Pässe hochzuklettern, schrauben sich die Züge durch Tunnel in Spiralform. Bis zu sieben Prozent Steigung schafft ein Zug ohne Zahnradantrieb auf diese Weise. Die Rhätische hat dieses Limit für die Loks gnadenlos ausgereizt. 30 Prozent der Strecke liegen oberhalb von 1500 Höhenmetern. Am Bernina Pass steigen die roten Züge sogar auf 2253 Meter, um dann wieder bis ins italienische Tirano auf 429 Meter hinunterzurollen. "Von den Gletschern bis zu den Palmen", zitiert Püntener den Werbespruch des Bernina Express, der gleich zwei Probleme andeutet:

Problem A: Die Palmen sind ziemlich weit weg vom Headquarter in Chur. "Ich kann nicht dem Lehrling sagen, in Tirano ist gerade ein PC ausgefallen, hol den mal eben", sagt Püntener. Der Zug braucht mehr als vier Stunden dorthin - one way.

Problem B: In den Tälern Graubündens beziehungsweise in den 115 Tunnels auf der Strecke funktioniert das Mobilfunknetz nicht flächendeckend, alle Infos müssen auch offline verfügbar sein. Püntener hat das mit Citrix Xen App und Citrix XenMobile gelöst. Dahinter liegt eine Windows Farm mit 54 Xen-App-7.1-Servern.

Urs Püntener Leiter Informatik der Rhätischen Bahn: "Unser Business findet nicht im Büro statt (...) Unterschätzen Sie die Mitarbeiter nicht. Das sind alles Leute, die mit IT groß geworden sind."
Urs Püntener Leiter Informatik der Rhätischen Bahn: "Unser Business findet nicht im Büro statt (...) Unterschätzen Sie die Mitarbeiter nicht. Das sind alles Leute, die mit IT groß geworden sind."
Foto: Rhätische Bahn AG

Püntener ist seit 2011 IT-Leiter der Rhätischen Bahn. Er hat gleich mehrere Arten von Informatik zu betreuen: a) die Schnittstellen zu den Kundeninformationssystemen, also die Anzeigentafeln auf den Bahnhöfen, b) die "multidimensionale" IT, womit Püntener die Systeme für Hoch- und Tiefbau, Immobililenverwaltung, FinanzenFinanzen, Personal, Fertigung und, das Wichtigste, die Zug- und Personaldisposition meint. Und c) die "inexistente" Informatik - so nennt Püntener die IT, die hinter den Papierfahrkarten liegt. Auch die können ohne Informatik nicht erstellt werden, wie es der externe Berater noch glauben wollte, der Püntener bei der Einstellung begleitet hat. Der Consultant sei noch stolz darauf gewesen, dass auf keinem Zug ein Computer mitgefahren sei. Top-Firmen der Branche Finanzen

2012 hat Püntener angefangen, zunächst einmal die Infrastruktur fit zu machen. Die zwei Rechenzentren hat er redundant vernetzt und um ein Backup bereichert. Dafür nutzt er das neben der gesamten Strecke liegende Glasfasernetz. Die Bahn stellt für den Kanton Graubünden eine Lebensader dar, die von Pendlern und Touristen ebenso wie von Behörden und Logistikunternehmen genutzt wird - auch im Krisenfall. Außerdem findet im Januar wieder das World Economic Forum in Davos statt, wo außer der Rhätischen keine andere Bahn hinführt.

2013 hat Püntener Citrix 7.0 inklusive Citrix Mobile eingeführt. Seitdem laufen bei der Rhätischen Bahn nur noch 200 Ultrabooks und rund 40 Fat Clients für Spezialanwendungen wie CAD, dafür aber fast 500 Thin Clients, 450 TabletsTablets und 475 SmartphonesSmartphones. In sechs Monaten hat Püntener die alte Strategie geändert: "Jetzt sind wir hardwareunabhängig", strahlt der IT-Leiter. "Es war uns wichtig, dass wir davon nicht mehr dominiert werden." Nun sei es egal, ob der Kunde Windows, Linux, AndroidAndroid, OS X oder iOS nutzt. Bring Your Own Device sei nun möglich, ist aber kein Thema. Alles zu Android auf CIO.de Alles zu Smartphones auf CIO.de Alles zu Tablets auf CIO.de

Besonders stolz ist Püntener auf die iPads, die jetzt in jedem Führerstand mitfahren. "Da hätten wir auch ein System für mehr als 50.000 Franken pro Lok einbauen können", erklärt Püntener: "Bei 50 Loks wäre das allerdings in die Millionen gegangen. Dank der iPads haben wir gerade mal 150.000 Franken ausgegeben." Das sei bei der konservativen und sicherheitsbetonten Zielgruppe der Lokführer bei der Rhätischen Bahn begeistert aufgenommen worden, während ihre Kollegen bei den anderen Bahnen sich zuerst dagegen organisieren wollten, sagt Püntener. Mittlerweile seien aber alle Schweizer Bahnen dabei, dieses Modell zu kopieren oder zu prüfen.

iPad-Probleme? Frag deine Kinder

Nach den Lokführern hat die Geschäftsleitung auch 250 Kadermitarbeiter mit iPads ausgerüstet - ohne Support. "Wir haben den Kadern gesagt: Wenn du ein Problem hast, frag deinen Sohn oder deine Tochter", erzählt Püntener. "Gründet Selbsthilfegruppen. Sucht euch eure Apps selbst." So lauten die anderen Vorschläge, die der Informatik-Leiter den Kollegen mit auf den Weg gegeben hat. Fazit: "Es gibt jetzt nicht mehr die böse Informatik, die vorschreibt, was der Mitarbeiter zu nutzen hat."

Die Informatik ist jetzt Partner und verbreitet gute Lösungen, die durch Mitarbeiter selbst entwickelt wurden. Ein Beispiel: Um die Bremsen eines Zugs einzustellen, muss der Lokführer die genaue Anzahl der Achsen und das Gesamtgewicht des Zuges kennen. Diese Infos bekam er früher auf einem Zettel gereicht. Zwei Zugbegleiter und ein Lokführer haben dafür nun ein eigenes Planungs- und Dispositionssystem gebaut. Die kleine App ist ohne die IT-Abteilung entstanden: "Unterschätzen Sie die Mitarbeiter nicht", sagt Püntener. "Das sind alles Leute, die mit IT groß geworden sind."

Fahrkarte knipsen mit sechs Geräten

Müssen sie auch. Der Job eines Zugbegleiters ist heute ohne IT gar nicht mehr denkbar. Je nach Zählweise sechs bis sieben Geräte mit insgesamt vier SIM-Karten trägt ein Schaffner der Rhätischen Bahn mit sich:

  • ein "ZPG"; hinter dem Zugpersonalgerät verbirgt sich ein Assistenzsystem inklusive Drucker und Kreditkartenlesegerät mit eigener SIM. Das Teil wiegt gut zwei Kilo und ist "sauteuer", wie Püntener anmerkt;

  • ein "ÖV"-Kartenleser, der die Tickets des öffentlichen Verkehrs inklusive der Postbusse lesen kann;

  • ein Lesegerät der Graubündener Tourismusverbände, damit auch alle Skifahrer unkompliziert zusteigen können;

  • ein Tablet und ein Smartphone für interne Belange der Rhätischen Bahn.

Macht zusammen rund 2,5 Kilo. "Intern machen wir gerne den Scherz, dass wir demnächst mit einem Wägelchen durch die Reihen gehen und fragen: Was möchten Sie mir denn heute zeigen?", unkt Püntener.

Unabhängig von dieser Gerätevielfalt, die nur politisch zu reduzieren ist, soll es 2014 mit der StandardisierungStandardisierung der Applikationen weitergehen: "Das wird wohl auch nie aufhören", sagt Püntener. 40 ProjekteProjekte pro Jahr mit Budgets von 50.000 bis zu 5.000.000 Schweizer Franken muss er mit seinen 17 Mitarbeitern stemmen. Vier davon sind ausgewiesene Projektleiter. Viel wichtiger als solche Zahlen ist Püntener allerdings das Gesamtbild: "Visionen haben, nicht Projekte", sagt der IT-Leiter. "Wenn du ein Schiff bauen willst, erzähl den Menschen vom Meer", hat Antoine de Saint-Exupéry einmal gesagt. Was erzählt man eigentlich Zugbegleitern, die den ganzen Tag durch die Berge kurven? Alles zu Projekte auf CIO.de Alles zu Standardisierung auf CIO.de

Unternehmen

Rhätische Bahn

Hauptsitz

Chur

Umsatz

circa 100 Millionen Schweizer Franken

Mitarbeiter

1460

Streckennetz

384 Kilometer, 592 Brücken, 115 Tunnels

Projekt

Mobile IT

Dauer

2012 bis 2014

Kosten

Invest: mehrere Millionen Franken

Betrieb: mehrere hunderttausend Franken jährlich

Einsparungen

circa 20 Prozent der IT-Betriebskosten; zwei Stellen im Support

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