Nie wieder Halligalli

Das Leben nach dem Insolvenzverfahren

16. Juni 2014
Ein Kredit fürs Auto, teure Handy-Rechnungen und ein Stapel gelber Mahnbescheide. Matthias H. hatte 75000 Euro Schulden. Er zieht die Reißlinie - und sieht heute in der Insolvenz seine Rettung.

Matthias H. klopft dreimal auf den Tisch. "Alter, neues Leben. Dafür hat sich der ganze Mist sowieso gelohnt." Der 38-Jährige sitzt neben seinen Unterlagen für seine Verbraucherinsolvenz. Sechs Jahre lang wurde sein GehaltGehalt gepfändet. Jetzt ist er schuldenfrei - und sieht sich geläutert. Dafür habe er die sechs Jahre auch gebraucht. Am 1. Juli gibt die Reform der Verbraucherinsolvenz privaten Schuldnern unter bestimmten Bedingungen die Möglichkeit zum wirtschaftlichen Neubeginn bereits nach drei Jahren. Alles zu Gehalt auf CIO.de

"Ich weiß: Kein anderer als ich hat diesen Murks fabriziert", sagt H., der in Wirklichkeit anders heißt. Gut sei die Gesetzesänderung für jene, die unverschuldet in die Lage kommen, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können. Zwar gehen Insolvenzrechtsexperten davon aus, dass die Mehrheit der Schuldner die erforderlichen 35 Prozent der Forderungen plus Verfahrenskosten für die Verkürzung auf drei Jahre ohnehin nicht aufbringen kann. "Aber, wer wie ich Halligalli macht und sich dann wundert, dass er Schulden hat, ändert sich nicht in drei Jahren", sagt H., der am Ende insgesamt 75 000 Euro Schulden hatte, bei 70 Gläubigern. Als er vor sechs Jahren den Insolvenzantrag stellte, forderten nicht alle Geld zurück, aber er hatte doch 46 000 Euro zurückzuzahlen.

"Schulden sind so vielfältig wie die Bevölkerung", sagt Schuldnerberaterin Marion Schmidt. Die Juristin betreut bei der Verbraucherzentrale in Frankfurt Professoren und Analphabeten, Arme und Reiche. Über 95 Prozent der Insolvenzverfahren bundesweit seien masselos; es kann nicht gepfändet werden, weil die Schuldner nicht genug Vermögen haben. H. ist erleichtert, dass er seine Schulden tatsächlich abtragen konnte.

Mit 19 wurde er Vater, "ungewollt, wie man schon so schön sagt", erzählt er und steckt sich eine Zigarette an. Zwei Ausbildungen brach er ab, den Unterhalt für die Tochter konnte er nie zahlen. Was er verdiente, gab er sofort aus, für ein Auto, fürs Handy, für Versandhausbestellungen. Die Rechnungen hat er ignoriert. "Weil man hat ja das Geld für den täglichen Spaß gebraucht." Ihm sei alles egal gewesen.

Inzwischen hat er einen festen, gut bezahlten Job. Aber erst seit dem Ende des Verfahrens bekommt er das volle Gehalt. Rund 1200 Euro seien ihm im Monat geblieben, den Rest führte sein Arbeitgeber ab. "Da tritt dir das Leben in den Arsch und sagt: Mein Freund, so nicht!" Die hohen Sonderzahlungen, die zweimal im Jahr sein Gehalt fast verdoppeln, gingen gar nicht erst auf sein Konto. Aber H. sagt auch: "Die Zeit vorher war wesentlich schlimmer." Das schlechte Gewissen, der Gerichtsvollzieher als Stammgast in seiner Wohnung. "Jeder Gläubiger kommt und sagt: Ich krieg noch Geld von dir." Und treibt es mit nötigem Nachdruck ein. H. hat schließlich die Reißlinie gezogen.

Wenn H. seine Zukunft beschreibt, spricht er vom Überlegen, vom Abwägen. Das Insolvenzverfahren habe Ordnung in sein Leben gebracht, er habe gelernt. "Halligalli - auf keinen Fall wieder", sagt er. (dpa/rs)

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