Schwarmdummheit

Das Team macht uns dumm

21.06.2016
Von Anja Dilk
Solange sich Manager nur an Zahlen orientieren, haben weder Exzellenz noch Schwarmintelligenz eine Chance, sagt Vor- und Querdenker Gunter Dueck.

Schwarmintelligenz wird im Internet-Zeitalter als Weisheit der vielen, die virtuell vernetzt zusammenarbeiten, gefeiert. In globalen Unternehmen machen Sie eher Brutstätten für Schwarmdummheit aus. Wie das?

Gunter Dueck: In den gefeierten Beispielen von Schwarm­intelligenz arbeitet meist eine Gruppe von Menschen enthusiastisch an einem Ziel. Freiwillig und getrieben vom idealistischen Wunsch, ein kon­kretes Problem gemeinsam zu lösen, das alle Teammitglieder im Gesamten überblicken. Niemand außerhalb hat "ein Target" vorgegeben. Die Einigkeit in der Sache bündelt Energien so sehr, dass mehr als die Summe der Teile herauskommt. Ist das Problem gelöst, gehen alle ihrer Wege. Für ein neues Problem tut sich ein neuer Schwarm zusammen.

Gunter Dueck war Mathematikprofessor und bis August 2011 Chief Technology Officer bei IBM. Heute arbeitet er als freier Autor, Netzaktivist, Business Angel und Speaker.
Gunter Dueck war Mathematikprofessor und bis August 2011 Chief Technology Officer bei IBM. Heute arbeitet er als freier Autor, Netzaktivist, Business Angel und Speaker.
Foto: Michael Herdlein

In Unternehmen aber geben andere die Ziele vor.

Gunter Dueck: Ja, und man versucht unterschiedliche Probleme in immer gleicher Umgebung mit den immer gleichen Leuten zu lösen. Zudem zersplittern die Energien der Gruppe durch Interessenkonflikte. Streit wird in Meetings ausgetragen. Kompromisse sind keine Energiefokussierung, sondern meist schwarmdumme Good-enough-Lösungen, mit denen man mühevoll weiterleben muss. Je größer das Unternehmen, desto größer die Schwarmdummheit, weil es immer schwieriger wird, die Ener­gien aller zu bündeln.

Wie reagiert das Management?

Gunter Dueck: Es schimpft auf die Mitarbeiter, weil es glaubt, durch Stress und Druck die Ziele doch zu erreichen. Geht gefälligst die Extrameile! Doch der Stress erzeugt nur neue Konflikte. Verzweifelt versuchen Mitarbeiter, die Probleme durch Überstunden zu lösen. Das bringt nichts, weil das Problem in den Interessenkonflikten der Abteilungen liegt. Also zieht das Management das Tempo weiter an, es will schneller als die anderen schwarmdummen Wettbewerber sein, die intern natürlich dasselbe fordern. Die Mitarbeiter merken, dass noch mehr Energie zersplittert. Teamgerede, Dokumen­tations- und Zahlenwahn, das Schnell-schnell-Durcheinander machen alle fertig. Überstress wird zum Normalzustand. Wir sind hamstergerädert ...

... und die Organisation gerät aus den Fugen.

Gunter Dueck: Ja, wir haben keine Zeit mehr, nicht geschaffte Arbeit nachzuholen, weil wir zu viel arbeiten. Fehler, die einmal vorkommen, können nicht in Ordnung gebracht werden - keine Zeit! Wegen jeder kleinen Panne gerät das Ganze in Unordnung. Wir haben begonnen, im Chaos zu leben. Wir strampeln in alle Richtungen, um wenigstens uns selbst zu retten, und enden im Gezänk mit den Kollegen, denen es genauso geht.