BI im Kampf gegen die Schweinegrippe

Data Mining fast so schnell wie das Virus

28. Oktober 2009
Werner Kurzlechner lebt als freier Journalist in Berlin und stellt regelmäßig Rechtsurteile vor, die Einfluss auf die tägliche Arbeit von Finanzentscheidern nehmen. Als Wirtschaftshistoriker ist er auch für Fachmagazine und Tageszeitungen jenseits der IT-Welt tätig.
Business Intelligence (BI) ist nicht nur für Unternehmen nützlich. Intelligente Tools zur Analyse von Daten erweisen sich auch im Kampf gegen Pandemien wie die Schweinegrippe als unverzichtbares Rüstzeug.

In dieser Woche läuft bundesweit die Schweinegrippeimpfung an. Jeder Bürger ist frei in seiner Entscheidung, ob er sich gegen das H1N1-Virus schützen möchte oder nicht. Die Verunsicherung in der Bevölkerung erscheint dabei groß. Einerseits sind da die Besorgnis erregende Pandemiewarnung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Berichte über Todesfälle in aller Welt - auch in Deutschland. Andererseits breitet sich die Schweinegrippe zwar auch hierzulande aus, aber die Mehrzahl der über 22000 Erkrankungen in der Bundesrepublik verlief bislang glimpflich. Bundesweit sind bisher zwei Menschen gestorben, bei denen der neue Erreger als Todesursache nachgewiesen wurde. Einerseits besteht die Gefahr, dass das Virus mutieren könnte - mit dem Risiko von weit weniger harmlosen Krankheitsverläufen in der Zukunft. Andererseits haben die neuen Impfstoffe zwar die Hürde der europaweiten Zulassung genommen, aber eine größere Zahl an Tests hätten sich viele Bürger doch gewünscht - schließlich ist eine Impfung niemals ohne Risiko. Zusammengefasst ergibt sich also ein Mix aus schnell wachsendem, aber sehr unvollständigem Informationsstand, einer diffusen Risikolage und einem Zwang zur Entscheidung - Bedingungen also, die in Unternehmen alltäglich sind.

So gibt denn auch der Kampf gegen die Schweinegrippe einen Fingerzeig über den Nutzen, den beispielsweise Business Intelligence haben kann. Den an der H1N1-Front sind nicht nur die Produktentwickler der Pharmaindustrie und das medizinische Know-how der Forscher und Ärzte von entscheidender Bedeutung. Von enormem Gewicht ist ebenfalls das Management einer Fülle von Daten, von weltweiter bis hin zur regionalen Ebene. Nur durch die Analyse dieser Informationsfülle gelingt es, über die dynamischen Veränderungen auf der Schweinegrippe-Landkarte stets im Bilde zu sein. Gefragt sind dabei Daten möglichst in Echtzeit, und gerade veraltete Technologien erweisen sich als Hemmschuh. So ist das Beispiel Schweinegrippe ein Musterexempel für das Kern-Versprechen, das hinter BI-Technologie steht: in schnellstmöglicher Zeit valide Grundlagen für adäquates Handeln zu liefern.

Start-up entdeckte neue Grippe bereits vor den Behörden

Einen Anfang in dieser Geschichte machte bereits im Frühjahr eine kleine Firma aus Kirkland mit einer frechen Behauptung: Der Lösungsanbieter Veratect, ein zwei Jahre alter Start-up mit rund 50 Mitarbeitern, reklamierte für sich, die ersten Anzeichen der Schweinegrippe in Mexiko bereits Wochen vor der WHO und den US-amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) registriert zu haben. Das Geschäftsmodell von Veratect ist die Auswertung einer wesentlich größeren Informationsflut, als dies in den offiziellen Behörden geschieht. Analysten scannen mit Hilfe von am Computer generierten Algorithmen kleinste Ausschläge, die vom erwarteten Bild abweichen. Beobachtet werden Ereignisse wie Häufungen von Atemwegserkrankungen oder Arzneimittelverkäufe. Als Quelle wird so ziemlich alles ausgewertet, was das World Wide Web inzwischen hergibt: Blogs, Chatrooms, TwitterTwitter, Presseartikel und die Websites von Regierungsorganisationen. Nach eigener Darstellung des Unternehmens zeitigte diese Methode schnelle Erfolge beim Aufspüren der Schweinegrippe. Bereits am 6. April habe man Klienten über die Häufung von Atemwegserkrankungen im mexikanischen Bundesstaat Veracruz informiert, zehn Tage später habe man die behördlichen CDC über eine atypische Art der Lungenentzündung im Staat Oaxaca unterrichtet, so Veratect. Ein Schlüsselhinweis sei in dieser Phase aus der Bevölkerung in der Gemeinde La Gloria gekommen, wo die Epidemie auf den Schmutz einer örtlichen Schweinezuchtfarm zurückgeführt wurde. "Das Schuldzuweisungsspiel ist ein für uns relevanter Indikator", sagt Dr. James Wilson, Chefwissenschaftler bei Veratect. Alles zu Twitter auf CIO.de