Autisten im Beruf

Der etwas andere Kollege

09. Juni 2015
Von Lisa Hegemann
Viele Autisten haben Probleme, einen Job zu finden – obwohl sie teils beste Qualifikationen mitbringen. Spezialprogramme wollen das ändern. Trotzdem traut sich nicht jeder Autist, seine Diagnose öffentlich zu machen.

Als das Team-Treffen in Paris auf den Tag des jährlichen Firmenlaufs fällt, ist für Peter Schmidt klar: An dem Meeting wird er nicht teilnehmen können. Denn der Lauf ist seit dem Jahr 2000 ein fester Bestandteil seines Lebens. Schmidt, Angestellter bei einem französischen Pharmakonzern, kann ihn nicht ausfallen lassen.

Als der IT-Spezialist zu seinem Chef geht und ihn über die Problematik informiert, betont dieser, wie wichtig das Treffen sei, schließlich wolle das Pariser Team ihn, Schmidt, gerne kennenlernen. Er müsse mitkommen. "Dann bin ich in den nächsten vier Wochen für Sie nicht zu gebrauchen", sagt Schmidt zu seinem Chef. Der Ausfall des Laufes würde seine Struktur durcheinander bringen. Und die Struktur ist für ihn lebenswichtig.

Peter Schmidt ist Autist. Der promovierte Geophysiker hat das Asperger-Syndrom. Für ihn sind kurzfristige Änderungen in seinem Terminplan ein Problem. Gerät seine Struktur durcheinander, dann sei er "wie ein Computer, der sich aufgehängt hat", erklärt Schmidt beim Gespräch in seinem Haus in Gadenstedt: "Dann geht nichts mehr." Deshalb braucht er klare Regeln. Seine Kollegen und Vorgesetzten müssen Schmidt beispielsweise 24 Stunden vorher warnen, wenn sie für einen Termin in sein Büro kommen oder wenn ein Treffen ansteht.

Schmidt zeigt damit ein Verhalten, das nicht untypisch für Autisten ist. Denn Veränderungen können eine Person mit der Diagnose Autismus oder speziell dem Asperger-Syndrom vor Probleme stellen. Das macht es für sie nicht nur im Job schwierig, sondern das macht es für sie schwierig, überhaupt eine Anstellung zu finden.

Allerdings gibt es Unterschiede: "Nicht alle Autisten können ein normales Arbeitsverhältnis eingehen", sagt Hermann Cordes, erster Vorsitzender des Instituts für Autismusforschung an der Jacobs University Bremen. Das Spektrum reiche von Autisten mit Professoren-Niveau, deren Intelligenzquotient zwischen 140 und 150 liegt, bis hin zu Schwerbehinderten, die niemals einen Job ausüben könnten.