Stress, Hektik und keine Ruhe

Der Kampf gegen die Zeitknappheit

07. Dezember 2015
Von Thorsten Giersch
Noch nie haben die Menschen mehr Freizeit gehabt. Und noch nie hatten sie gefühlt weniger Zeit für sich. Warten, Muße, Ruhe – Fehlanzeige! Wer aus der Mühle herauskommen will, muss Ungewöhnliches wagen. Ein Plädoyer.

Schon beim ersten Mord der Geschichte ging es darum, wie ein Mensch seine Zeit verbringt: Der vom mühseligen Ackerbau geplagte Kain erschlägt seinen Bruder Abel, den müßiggängerischen Hirten. Der zornige Gott schickt Kain in die Diaspora: "Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein", heißt es in der Bibel bei Genesis 4, 12. So kam die Unruhe in das Leben der Menschen.

Doch es dauerte noch ein paar Jahrhunderte, bis der Mensch sich dem Diktat der Zeit vollends unterordnete: Mit der Erfindung der Uhr begann eine Epoche, die den Namen "Moderne" bekommen hat. War der Lebensrhythmus bisher bestimmt von der Natur, nahm der Mensch die zeitlichen Abläufe nun selbst in die Hand und erschuf sich die Illusion grenzenloser Planbarkeit.

Dem Dichter Friedrich Hölderlin gelang es, den Menschen dieser Ära im Schwellenjahr 1800 mit vier kurzen Worten ein allzu passendes Motto entgegenzurufen: "So eile denn zufrieden." Das Leben wird sich dramatisch beschleunigen, ahnte Hölderlin hellseherisch voraus. Und der Mensch wird dies sogar bejahen, obwohl es sein Leben nicht angenehmer macht.

Heute kaum vorstellbar, dass gerade die effiziente Exportnation Japan erst deutlich später die Uhr "geschenkt" bekam. Wie so vieles in dieser Ära importierten sie von den Europäern auch das Zeitsystem. Bis 1871 gab es im Japanischen nicht mal ein Wort für "Zeit". Dort wie auch in Europa und anderswo hat die Erfindung der Uhr etwas grundlegend anderes aus dem Menschen gemacht. So ätzte der Schriftsteller Kurt Tucholsky 1919: "Dieses Tempo, diese irrsinnige preußische Art, sich das Leben kaputtzumachen. Anderswo wird auch gearbeitet, und sicherlich so intensiv wie bei uns - aber man macht nicht solchen Salat daraus."

Seit Tucholsky hat sich die Lebenserwartung beinahe verdoppelt und von einer 38-Stunden-Woche konnten ArbeiterArbeiter damals nur träumen. Dennoch erleben wir heute Zeitknappheit mehr denn je, fühlen uns gehetzt und gestresst. Zur Schau gestellte Zeitnot suggeriert, dass man zu den Leistungsträgern der Gesellschaft gehört. Wer immer Zeit hat, gilt schnell als Loser. Die Sucht nach Effizienz wirkt pathologisch. Und viele von uns wissen gar nicht, wie wir da reingeraten sind. Alles zu Karriere auf CIO.de

Wer da rauskommen und wieder Herr über seine Zeit werden will, muss mehr tun, als auf Ratschläge von selbst ernannten Zeitmanagern zu hören. Es gehört reichlich Selbstdisziplin dazu, das Warten wieder zu lernen, sich reizfreie Momente zu schaffen und sich Mußestunden zu erlauben. Denn auch die Freizeit gestalten wir mit Kalender und Uhr.

Freie Zeit ist selten und vielleicht ist es vielen Menschen sogar unangenehm, sich in Mußestunden mit sich selbst und dem eigenen Leben zu beschäftigen: "In dem vergeblichen Bemühen, diese Leere mit Amüsement und Zerstreuung zu füllen, wird das Leben kurz", schreibt der Philosoph Ralf Konersmann in seinem aktuellen, höchst beachtenswerten Buch "Die Unruhe der Welt". Hier erklärt der erfolgreiche Publizist, wie der Drang zum ständigen Wandel in die Menschheit kam und warum vor allem die Europäer die Unruhe als ihr Schicksal erkannt und sogar bejaht haben.

Unser heutiger Sprachgebrauch spiegelt unser Denken wider: Wir sparen Zeit, managen sie, verlieren sie, investieren sie oder schlagen sie gleich tot. Und wir beschleunigen die Zeit: Wir verbrauchen Energievorräte, die über Jahrmillionen gebildet wurden, in wenigen Jahrzehnten.

Wir reduzieren die Artenvielfalt, für die die Evolution gewaltige Zeit brauchte, ebenfalls mit Rekordtempo. Staaten bauen in Monaten Schuldenstände auf, die in Jahrzehnten nicht abzuzahlen sind. Es gilt der Begriff des Schriftstellers Alexander Kluge vom "Angriff der Gegenwart auf den Rest der Zeit".