Wer folgt Berthold Beitz?

Der Tod des Patriarchen und die Folgen

02. August 2013
Nach dem Tod des charismatischen Stiftungschefs Berthold Beitz wird bei ThyssenKrupp vieles anders. Noch mehr Macht konzentriert sich auf den Konzernchef Heinrich Hiesinger - er hat beim dringend nötigen Umbau freie Hand.

Deutschlands größter Stahlkonzern ThyssenKrupp hatte viele Jahre lang in Wahrheit zwei Zentralen: Das offizielle Firmenhauptquartier in Düsseldorf, später in Essen - und das Büro von Berthold Beitz gegenüber der Villa Hügel. Mit dem Tod des einflussreichen Stiftungschefs Berthold Beitz wird sich das nach Einschätzung von Insidern ändern. Zur Nachfolge hüllen sich offiziell alle in Schweigen, aber eine charismatische Figur mit Führungsanspruch wie Beitz erwartet fast niemand als neuen Stiftungschef. Das bisher stark vom alten patriarchalischen Geist der Krupps geprägte Unternehmen wird künftig nach Ansicht von Beobachtern viel mehr als bisher ein ganz normaler Dax-Konzern.

Insgesamt 25,3 Prozent der ThyssenKrupp-Aktien hält die Stiftung und ist damit größter Einzelaktionär. Beitz war jahrzehntelang zugleich Chef des Stiftungsvorstands und des Kuratoriums in dem mächtigen Gremium - für heutige Vorstellungen eigentlich ein Unding. Im Aufsichtsrat des Dax-Konzerns sitzen drei Stiftungsentsandte, die zusammen mit den Arbeitnehmervertretern gravierende Veränderung oder gar einen Übernahmeversuch blockieren könnten - von einer "Stahlfestung" sprach das "manager magazin" einmal.

Solange Beitz an der Spitze stand, war die Stiftung ein Bollwerk. Jetzt kommt dagegen eine schon lange verabschiedete Satzungsänderung zum Tragen, die Beitz selbst angekündigt hatte. Nach seinem Tod werde Gewaltenteilung zwischen Vorstand und Kuratorium in der Stiftung eingeführt, der neue Vorsitzende solle wählbar und damit auch abwählbar werden und künftig sollten keine Aufsichtsratsmitglieder des Konzerns mehr im Stiftungskuratorium sitzen, hatte Beitz Mitte März der "Süddeutschen Zeitung" gesagt.

Die Entflechtung von Stiftung und Konzern wird dem ThyssenKrupp-Management mit Konzernchef Heinrich Hiesinger an der Spitze mehr Spielraum geben, erwarten Beobachter im Konzernumfeld - und das ist auch dringend nötig. Das Unternehmen schlingert, im vergangenen Jahr liefen rund fünf Milliarden Euro Verlust auf, Kartellverstöße belasten den Ruf und brachten schon über 190 Millionen Euro Bußgeld, und das ehrgeizige Übersee-Investment in Brasilien und den USA hat sich zum Milliardengrab entwickelt.

Die massiven Probleme des Konzerns hatten schon in den vergangenen Monaten - spätestens seit dem Ausscheiden des Aufsichtsratschefs Gerhard Cromme im März - Hiesinger weit mehr Macht zugespielt als sich das viele Kruppianer je vorstellen konnten. "Die Entkrustung hat doch längst begonnen", sagt etwa Aktionärsvertreter Marc Tüngler. Jetzt bekomme dieser Prozess weiteren Schwung.

Schon im Mai hatte Hiesinger, als er den Abbau tausender Stellen ankündigte, auch eine Neuregelung des Verhältnisses zur Stiftung angekündigt. Dazu zählte Hiesinger, dass ThyssenKrupp seine Jagdpachten abgibt, "klare Richtlinien" zur Nutzung des Firmenflugzeugs und für Reisen mit Dritten erlässt - Symbole für den Abschied von einer vergangenen Industrie-Ära.

Weiter auf der Tagesordnung steht auch die mögliche Kapitalerhöhung, die Hiesinger für die nächste Zeit ausdrücklich nicht ausgeschlossen hatte. Hier hatte die Stiftung lange auf der Bremse gestanden, weil ihr Anteil durch eine Kapitalerhöhung unter die Sperrminorität fallen würde - auch wenn Beitz ganz am Ende Grünes Licht für den Schritt angedeutet hatte.

"Was hätte Alfried dazu gesagt" - diese Frage stellte Beitz sich nach eigenem Bekunden immer wieder bei unternehmerischen Entscheidungen. Das geradezu magische Festhalten am Geist der Krupps - es dürfte für den weltweit engagierten Industriekonzern weiter an Bedeutung verlieren. (dpa/rs)

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