Die wöchentliche CIO-Kolumne

Dicke Luft und frische Brise

21. Oktober 2002
Heinrich Seeger arbeitet als IT-Fachjournalist und Medienberater in Hamburg. Er hat über 25 Jahre IT-journalistische Erfahrung, unter anderem als Gründungs-Chefredakteur des CIO Magazins. Er entwickelt und moderiert neben seiner journalistischen Arbeit Programme für Konferenzen und Kongresse in den Themenbereichen Enterprise IT und Mobile Development, darunter IT-Strategietage, Open Source Meets Business, droidcon und VDZ Tech Summit. Zudem gehört er als beratendes Mitglied dem IT Executive Club an, einer Community von IT-Entscheidern in der Metropolregion Hamburg.
Offenbar haben manche Meinungsführer die Nase voll vom Krisenmief; in der vergangenen Woche gab es so viele gute Nachrichten und optimistische Prognosen wie schon lange nicht mehr. Ob das auf ein Ende der Konjunkturkrise hindeutet, lässt sich aber noch nicht sagen; ein stabiles Wachstum der IT-Branche vorauszusagen, erfordert großen Optimismus.
Heinrich Seeger, Chefredakteur CIO
Heinrich Seeger, Chefredakteur CIO

Der Ton der Schlagzeilen ist momentan nicht ganz so düster wie bisherin diesem Jahr: Gartner Dataquest zufolge zog der weltweite PC-Absatz,rückläufig seit Mitte 2001, im dritten Quartal erstmals wieder an, undzwar um knapp 6 Prozent. Ganz so viel haben die Kollegen von IDC zwarnicht zu bieten, aber auch sie zählen im positiven Bereich: plus 3,8Prozent. Von "guten Zeichen" und einem "Hoffnungsschimmer" ist in dendie Statistiken begleitenden Texten der Marktforscher die Rede. An soetwas saugt man wie an der Orange beim Marathonlauf. Und dann nochdas: Die Geschäftsergebnisse von MicrosoftMicrosoft aus dem ersten Quartal deslaufenden Geschäftsjahres (per 30. September) haben ebenfalls positivüberrascht und schickten die Börsenkurse weltweit auf einenzwischenzeitlichen Höhenflug. Alles zu Microsoft auf CIO.de

Weil jedoch die Gründe für Microsofts Quartalserfolg im Nachhinein soeinfach zu erklären sind, überwiegen die Zweifel, ob der Markführermit seinen Zahlen das Signal zur Wende am IT-Markt gegeben hat.

Die Gründe: Microsoft hat unter vernehmlichem Murren vieler Kundensein neues Lizenzmodell (mieten statt kaufen) letztlich doch aufziemlich breiter Front durchsetzen können. Die Zahl der Abschlüssereichte immerhin dafür aus, dass CEO Steve Ballmer nunmehr einräumenkonnte, für einige Kunden werde es künftig wohl teurer als zuvor,Betriebssoftware und Anwendungen des Weltmarktführers einzusetzen. Dievorab zu zahlenden Lizenz- und Wartungsgebühren waren imBerichtsquartal fällig und trieben den Umsatz auf 7,75 MillardenDollar hoch, mehr als eine halbe Millarde über den Erwartungen derAnalysten. Auch der Gewinn (netto 2,73 Milliarden Dollar) übertraf dieErwartungen deutlich.

Die Zweifel: Die Leistung für diese Einnahmen muss Microsoft in denkommenden Qurtalen und Jahren erbringen - ohne damit Umsatz zu machen,geschweige denn Profit. Das Quartalsergebnis war also, mit den Wortenvon Finanzchef John Connors, "wirklich einmalig". Also kein Präjudizfür bessere Zeiten, kein Signal zum Aufbruch, kein Krisenabpfiff durchden Marktführer.

Gartner bemüht sich jedoch unverdrossen, den Ball hochzuhalten: Lautdem "Business Confidence Index" des Analystenhauses zeugt es vonunternehmerischer Weitsicht, in Krisenzeiten die knappen Mittelzusammenzukratzen, um nicht auf IT-Investitionen und -Innovationenverzichten zu müssen. Befragungen in 1000 europäischen Unternehmenhätten ergeben, dass Unternehmen mit hohen IT-Ausgaben im vergangenenJahr im Durchschnitt 2,4 Prozent mehr Gewinn gemacht hätten alsOrganisationen, in denen der Rotstift regierte. Diese sind im ÜbrigenGartner zufolge in Deutschland deutlich zahlreicher als etwa inSpanien oder England.