Management-Strategien

Die Mitarbeiterführung der alten Griechen

13.07.2009
Von Olaf  Kraus

Führung ohne Macht

So einleuchtend, modern und vertraut das Führungsverhalten der Griechen bisher erscheint, so fremd und ungewöhnlich mutet zunächst die Tatsache an, dass die Führungsmacht des leitenden Personals extrem beschnitten war. Das ergibt sich teilweise aus der Art dieser Gemeinschaft. Bei den Griechen war jeder Hoplit ein freier Bürger und Unternehmer. Er musste nicht nur für Ausrüstung und ständiges Training aufkommen, er musste auch mindestens einen Knappen bezahlen (allein ließ sich die schwere Rüstung beim Marsch nicht tragen) und deshalb hohe Vorleistungen erbringen. Das Heer bestand also aus 10.000 "Ich-AGs".

Am ehesten lässt sich die Organisation als "Kooperative" beschreiben, die sich für eine bestimmte Unternehmung (ein Projekt) zusammentat; wie in einer Kooperative wurden die existenziellen Entscheidungen nicht von den gewählten (und jederzeit wieder absetzbaren) Führungsleuten getroffen, sondern stets von der Vollversammlung auf basisdemokratische Weise. Das sonst beim Militär vorherrschende System von Befehl und Gehorsam war hier weitgehend außer Kraft gesetzt. Aber: Dieses "Geschäftsmodell" war in seiner Zeit unübertroffen erfolgreich, es war dem zentralistischen, strikt hierarchischen Modell der Perser haushoch überlegen.

Die schwache Position der griechischen Führer zeigt sich auch in ihrer Besoldung: Ein Feldherr (Bataillonsführer, Stratege genannt) erhielt gerade einmal viermal so viel wie ein einfacher Soldat, und im gleichen Verhältnis wurde auch die Beute aufgeteilt.

Die praktische Führungsarbeit war also durch hohen Zwang zum Konsens gekennzeichnet, sodass die Fähigkeit, durch verbale Kommunikation zu überzeugen, zur wichtigsten Führungseigenschaft wurde. Vermutlich ist nur so zu verstehen, dass der Athener Xenophon sich in einem mehrheitlich aus Spartanern zusammengesetzten Heer während der Unternehmung an der Spitze halten konnte; denn Xenophon war ein begnadeter Rhetoriker, und er war durch Sokrates, einen der größten Geister der Menschheitsgeschichte, jahrelang in dialektischer Argumentationskunst geschult worden. Darüber hinaus waren von den Leitenden vor allem Soft Skills gefordert, wie "Führen durch Beispiel", hohe Motivationskunst, Glaubwürdigkeit, Persönlichkeit - für alle bringt Xenophon zahlreiche Beispiele.

Bei allen Vorteilen dieses griechischen Geschäftsmodells, es litt natürlich unter den umständlichen, zeitraubenden Abstimmungs- und Diskussionsprozeduren und war deshalb in bestimmten Situationen sehr ineffizient. Das wurde den Griechen vor allem gegen Ende des Zuges bewusst, als sie zunehmend auf Beute aus waren und ihre Organisationsstruktur schnelle taktische Manöver verhinderte. So rangen sie sich dazu durch, einen "Kommandeur" einzusetzen, der allein entscheiden konnte, und wählten hierfür Xenophons Kollegen Cheiristophos. Aber: Nach nur sechs Tagen wurde er wieder abgesetzt, die Gemeinschaft kehrte zu ihrem Leitbild zurück. Sie konnte einen einzelnen Befehlshaber nicht ertragen, es war nicht mit ihrer "Unternehmenskultur" vereinbar.

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