Wollust, Neid und Co. gefährden Projekte

Die sieben Todsünden in der IT-Welt

29. August 2013
Von Nicolas Zeitler
Die Hauptlaster aus der römisch-katholischen Lehre sind auch in der Welt der Informationstechnologie zuhause. Unersättlichkeit beim Sammeln von Daten behindert Abläufe in Firmen ebenso wie Faulheit und Jähzorn bei Verantwortlichen.

Wollust, Unersättlichkeit, Habgier, Trägheit, Neid, Jähzorn und Eitelkeit – die sieben Todsünden gelten als besonders schwere Verfehlungen des menschlichen Daseins. Dan Tynan, Autor bei unserer amerikanischen Schwesterpublikation Infoworld, hat sich umgehört, wie sich diese Vergehen in der IT-Welt niederschlagen.

Mehr Probleme als Erfolge: Falsches Verhalten oder falsche Entscheidungen bei IT-Verantwortlichen halten viele Abläufe in Unternehmen auf.
Mehr Probleme als Erfolge: Falsches Verhalten oder falsche Entscheidungen bei IT-Verantwortlichen halten viele Abläufe in Unternehmen auf.
Foto: Photographee.eu - Fotolia.com

1. Wollust

Die Wollust kann sich Tynan zufolge in der Geschäftswelt ganz unterschiedlich äußern. Als Gier nach Macht oder bestimmten Positionen etwa. Am schlimmsten aber sei dieses Laster in der IT-Welt, wenn es auf neue Technologie ziele. So schreibt etwa der IT-Autor James J. De Luccia, dass viele IT-Manager der Sucht erlägen, neue Technologie als Selbstzweck einzuführen.

Die eingesetzte Hardware funktioniere noch bestens, dennoch statte der IT-Leiter die Firma mit neuen Rechnern aus, um auf der Höhe der Zeit zu sein. So geschehen bei einem Verbrauchsgüter-Hersteller im Nordosten der USA, den De Luccia nicht näher nennen möchte. Die Systeme liefen, SLAs wurden eingehalten, die Anwender waren zufrieden. Gleichwohl erlagen die IT-Manager ihrer Sucht nach neuer Technik: Sie kauften neue Prozessoren und stiegen auf eine neue Datenbank von Oracle um.

Die Software des Unternehmens unterstützte jedoch die neue Oracle-Datenbank nicht, außerdem verbrauchte die neue Hardware so viel Strom, dass es zu Ausfällen in der Energieversorgung für die Produktion kam. De Luccias Fazit: Neue Technologie muss immer notwendig und praxistauglich sein. Die schiere Technik-Lust dagegen verursacht hohe Kosten.

2. Unersättlichkeit nach Informationen

Nicht ganz so folgenschwer, aber weiter verbreitet ist Tynan zufolge das maßlose Sammeln von Daten, verbunden mit dem Unwillen, sie mit anderen zu teilen. Viele sähen darin ein Mittel, sich selbst einen Informationsvorsprung zu verschaffen und dadurch die eigene Stelle zu sichern.

"Ich habe einmal mit einem IT-Manager zusammengearbeitet, der niemandem Informationen über die Netzwerk-Infrastruktur geben wollte", erinnert sich Josh Stephens von Solarwinds, einem Hersteller von Programmen für die Netzwerksteuerung. "Vieles delegierte er, aber den Kern des Netzwerks wollte allein er kontrollieren. Dieser Mann mochte es, der einzige zu sein, den man bei Problemen anruft."

Als der Manager einmal übers Wochenende außer Landes war, fielen die Systeme der Firma aus. Sie wieder in Gang zu bringen hätte mit seinem Wissen eine Stunde gedauert, stattdessen nahm es eineinhalb Tage in Anspruch. Hätte der Abwesende sein Wissen mit Kollegen geteilt, hätte der Ausfall weniger schwere Folgen gehabt.

Eine andere Spielart der Unersättlichkeit beobachtet Marcelo Schnettler, der bei einer kleinen Beratungsfirma im US-Staat New Jersey arbeitet: Projekte an sich zu reißen. "Viele Manager wollen Projekte unbedingt annehmen, weil sie sich damit Aufmerksamkeit verschaffen", sagt Schnettler. Die Folge: Viele IT-Abteilungen laufen auf ständiger Überlast, die Mitarbeiter arbeiten 60 bis 80 Stunden jede Woche und trauen sich kaum noch, Urlaub einzureichen. Komme es in dieser Lage noch zu Zwischenfällen, gebe es kaum Luft, darauf schnell zu reagieren.

3. Habgier und Geiz

Überbordende Ansprüche können IT-Projekte zum Scheitern bringen. Michael Krigsman, CEO bei einer auf fehlgeschlagene IT-Projekte spezialisierten Beratungsfirma, will darin ein "teuflisches Dreieck" erkannt haben. Die Kunden stellen unrealistische Anforderungen, Berater versprechen etwas, von dem sie schon wissen, dass es unmöglich ist, und die Technologie-Anbieter sind zwischen beiden gefangen.

Gerade die Berater befänden sich in einer Art Zwickmühle: Sie könnten dem Kunden zwar sagen, dass seine Wünsche nicht erfüllbar seien. Dann liefen sie allerdings Gefahr, das Projekt zu verlieren. Gerate ein Projekt dann wegen der überhöhten Kundenansprüche in Schieflage, verdiene der Berater zudem mehr, weil er für die Behebung der Pannen zusätzliche Arbeitsstunden berechnen könne. Um das zu vermeiden, schlägt Krigsman vor, in Projektverträge strenge Erfolgs- und Strafklauseln aufzunehmen.

Vor allem bei kleineren Firmen führten Habgier und Geiz oft dazu, dass überall versucht werde zu sparen, beobachtet Craig Vickers, Partner bei IT Now, einem Dienstleister für Managed Services. "Einmal wollte ein Kunde ein Call Center für 50 bis 60 Mitarbeiter aufbauen", erzählt er. "Wir schlugen eine gebündelte T1-Leitung für die Telefone vor, stattdessen montierte der Kunde einfach sechs DSL-Modems an die Wand – das war für ihn auf den ersten Blick billiger."

Die Folge: Die Netzwerke waren nicht verbunden, die angeschlossenen Drucker funktionierten nicht. "Wir mussten das gesamte System neu bauen, das war letztlich viel teurer", resümiert Vickers.