Studie von Forrester

Die Software-Welt ist aus den Fugen geraten

06. Oktober 2015
Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Klassische Anbieter müssen den Umzug in die Cloud schaffen, bevor ihnen die On-Premise-Umsätze wegbrechen und SaaS-Herausforderer das Geschäft machen.

Der Markt für Business-Software ist geprägt von hohen Kosten, geringer Flexibilität und starker Herstellerabhängigkeit - so die Bestandsaufnahme von Forrester Research in der kürzlich erschienenen weltweiten Studie "Digital Innovation Reshapes The Future Of Business Applications". Das wollen die Anwender, die nach mehr Flexibilität und intensiveren Kundenbeziehungen streben, nicht mehr mitmachen. Für sie entsteht ein Konflikt: Wie viele Ressourcen sollen noch in das Renovieren und Upgraden vorhandener Legacy-Anwendungen gesteckt werden? Und wie gelingt es, den Budgetanteil für kundennahe CRM-, Marketing- und Vertriebs- oder Analytics-Lösungen aus der Cloud zu erhöhen?

Oftmals sind die Budgets durch pflegebedürftige ERP-Anwendungen gebunden, die meist noch stationär installiert und im Unterhalt teuer sind. Das wird auch erst einmal so bleiben: 26 Prozent der europäischen und amerikanischen Softwareentscheider sagen, es sei für sie eine "kritische Priorität", ihre Legacy-Anwendungen zu modernisieren. Weitere 49 Prozent räumen dieser Aufgabe immer noch eine "hohe Priorität" ein. Aktualisierte ERP-Lösungen sind aber nicht das, was Business-Entscheider heute würdigen. Sie wenden sich an ihre IT, weil sie Analysedaten brauchen - zum Kundenverhalten etwa, zu betrieblichen Abläufen, Leistungsmetriken, Finanzergebnissen, Marktentwicklungen, Mitarbeiter-Performance etc. Business Intelligence einschließlich Analytics, Big Data und Entscheidungsunterstützung steht auf der Agenda oben.

SaaS bringt Entlastung

Mit Software as a Service (SaaS) setzt sich ein Betriebsparadigma durch, das Unternehmen Flexibilität und Entlastung verspricht. Für Software-Updates zeichnet nicht mehr der Anwender, sondern der Anbieter selbst verantwortlich. Fast 60 Prozent der Softwareentscheider in Europa und den USA wollen die Nutzung von SaaS-Lösungen intensivieren. Für Anwendungen mit Kundenbezug plant sogar die Hälfte der Unternehmen, SaaS-Lösungen zu nutzen. Auch auf Gebieten wie Einkauf, Personal, Finance und Supply Chain kommen SaaS-Anwendungen immer häufiger zum Zuge.

Langfristig sind klassische ERP- und BI-Programme bedroht. Für den On-Demand-Ansatz sprechen Fle­xibilität und Einfachheit, schnelles Deployment und regelmäßige, störungsfreie Updates. IT-Abteilungen haben keinen Aufwand mehr mit Wartungs- und Support-Aufgaben. Sie können sich auf Anwendungen und Projekte konzentrieren, die ihr Kerngeschäft voranbringen.

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Forrester glaubt, dass in den kommenden drei Jahren reine SaaS-Anbieter wie Salesforce, Netsuite oder Workday gegenüber den klassischen Softwarehäusern Marktanteile gewinnen werden. Ihr Vorteil: Sie haben keinen Aufwand mit der parallelen Pflege von On-Premise-Software. Außerdem soll es einen Übernahmestreit um aussichtsreiche SaaS-Startups geben. Sowohl traditionelle Softwarehäuser mit ihren meist gut gefüllten Kassen als auch aufstrebende SaaS-Player werden zukaufen. Welche irrationalen Summen dabei bisweilen über den Tisch gehen, macht Forrester am Beispiel der Concur-Übernahme durch SAP deutlich: 8,3 Milliarden Dollar blätterten die Walldorfer für den Anbieter von Reisekosten-Management-Software hin, obwohl dieser nur 700 Millionen Dollar jährlich umsetzte.

User Experience

Wichtig neben der SaaS-Unterstützung ist das Design der Anwendungen. Kunden, Mitarbeiter, Partner oder wer immer Nutzer sein soll, haben inzwischen ausgiebig Erfahrungen mit Apps und Web-Anwendungen im privaten Umfeld gesammelt. Wer hier Aufmerksamkeit ernten und näher an seine Kunden heranrücken will, muss innovativ sein. Anwender werden bei der Auswahl von Software auch emotional entscheiden: Eine im Grundsatz positive Einstellung zur genutzten Software wird zu intensiverer Nutzung und damit zu mehr Effektivität führen.

Eine zielgruppengerechte, visuelle Aufbereitung der Applikationen wird zur Pflichtaufgabe. Neben grafischen Elementen und übersichtlicher Navigation sind reicher Content und dynamische Features wie Activity Streams oder Gamification wichtig. User Experience orientiert sich zunehmend an Web-Anwendungen und Apps. Responsive Design für eine optimale Nutzung auf allen Endgeräten ist unverzichtbar.

Forrester glaubt, dass alle großen Anbieter hier massiv investieren müssen. Die User Experience sei wettbewerbsdifferenzierend. Grundsätzlich werde sich dabei ein Mobile-first-Design durchsetzen. Zudem sei es wichtig, schnell und kontextbezogen einfache Anwendungen etwa über einen Enterprise App Store zur Verfügung zu stellen. Hier könne das Segment der Business-Anwendungen vom Consumer-Markt lernen.

Flexibler, bitte!

Anpassbarkeit ist eine weitere wichtige Eigenschaft von Business-Applikationen. Dabei ist es entscheidend, dass auch Anwender ohne technischen Background Konfigurationsänderungen vornehmen können. So lassen sich Implementierungszeiten und -aufwand senken. Ohne Unterstützung der internen IT können neue Prozesse implementiert, Kundenprogramme aufgesetzt oder organisatorische Einheiten eingebunden werden.

Darüber hinaus muss aber auch echtes Customizing möglich sein, ohne damit die Upgrade-Fähigkeit ein­zubüßen. Ist Entwicklungsarbeit nötig, hilft es, wenn native Entwicklungs-Tools bereitstehen, mit denen die IT und ihre Partner kundenspezifische Anpassungen oder industriespezifische Layer bauen können.

Laut Forrester werden die Business-Stakeholder immer mehr Kontrolle über die Anwendungen gewinnen, besonders im SaaS-Umfeld. Damit werden einfache Konfigurationsmöglichkeiten zu einem Differenzierungsmerkmal für SaaS-Provider. Gleichzeitig wachsen die Anwendungs-Ökosysteme weiter, insbesondere in der Cloud. Ein Beispiel sind die Entwicklungsplattform Force.com von Salesforce in Kombination mit dem Marktplatz AppExchange: Kunden können native Erweiterungen zu den Salesforce-Produkten erstellen oder auf dem Softwaremarktplatz finden. Dabei sind Inte­gration und Upgrade-Möglichkeiten bereits architektonisch verankert. Auch SAPs HANA Cloud Platform (HCP) und Microsofts Pinpoint repräsentieren signifikante PaaS- und Ökosystem-Ansätze, die mit den jeweiligen SaaS-Modellen integriert sind.

Software-Initiativen mit Priorität: Noch immer beschäftigen Updates von ERP- und CRM-Systemen die IT-Organisationen. Doch wachstumsfördernde IT-Projekte gewinnen massiv an Bedeutung. Basis: 1085 Softwareentscheider aus Nordamerika und Europa (mit mehr als 1000 Mitarbeitern); Angaben in Prozent; Quelle: Forrester's Business Technographics Global Software Survey 2014
Software-Initiativen mit Priorität: Noch immer beschäftigen Updates von ERP- und CRM-Systemen die IT-Organisationen. Doch wachstumsfördernde IT-Projekte gewinnen massiv an Bedeutung. Basis: 1085 Softwareentscheider aus Nordamerika und Europa (mit mehr als 1000 Mitarbeitern); Angaben in Prozent; Quelle: Forrester's Business Technographics Global Software Survey 2014
Foto: Forrester
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