Serie: Warum der CIO unverzichtbar ist

Die Spinne im Abteilungsnetz

08. November 2013
Werner Kurzlechner lebt als freier Journalist in Berlin und stellt regelmäßig Rechtsurteile vor, die Einfluss auf die tägliche Arbeit von Finanzentscheidern nehmen. Als Wirtschaftshistoriker ist er auch für Fachmagazine und Tageszeitungen jenseits der IT-Welt tätig.
Cloud Computing, Big Data, Social Media, Mobility und das neue Feld der Industrie 4.0 erzwingen ein funktionierendes Zusammenspiel über Abteilungsgrenzen hinweg. Der CIO ist prädestiniert dafür, die notwendigen Brücken zu bauen – und seine Budgetierungskenntnisse einzubringen.
Gea-CIO Hans van Melick geht davon aus, dass der CIO die bei Industrie 4.0 notwendig übergreifende Zusammenarbeit stimulieren kann.
Gea-CIO Hans van Melick geht davon aus, dass der CIO die bei Industrie 4.0 notwendig übergreifende Zusammenarbeit stimulieren kann.
Foto: GEA

Der CIO ist auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar und bleibt es auch: weil er im Unternehmen den Überblick über technologische und geschäftliche Prozesse hat und für die Integrationsarbeit ideal geeignet ist. So lautete der Tenor des ersten Beitrages unserer Serie. Dieser Gedankengang lässt sich ausweiten auf die Veränderungen, die mittlerweile mit dem Begriff „Industrie 4.0" etikettiert werden. Man kann den IT-Chef dann als denjenigen beschreiben, der am besten Brücken bauen kann.

"Austausch immer heftiger"

„Alles wird digitalisiert", sagt zum Beispiel Hans van Melick, CIO beim Spezialmaschinenbauer Gea Group. Der in Düsseldorf ansässige Konzern, in dem vor einigen Jahren die ehemalige Metallgesellschaft aufging und der heute unter anderem auf Prozesstechnik in der Nahrungsmittel- und Energiebranche spezialisiert ist, erscheint insgesamt als Musterbeispiel für die Stufen des Wandels, die ein Industrieunternehmen durchlaufen kann. Van Melick beschreibt einen ebenfalls radikalen Wandel der CIO-Rolle in recht kurzer Zeit. Zur klassischen Aufgabe der Organisation der Basis-IT seien zunächst das Management von Geschäftsprozessen und die Office Automation gekommen. Hinzu trete nun die technische Automatisierung. „Es gibt immer mehr Kommunikation zwischen Mensch und Maschine", beobachtet van Melick. „Der Austausch wird immer heftiger werden."

Konkret heißt das, dass es immer mehr Überlappungen zwischen IT und Produktion gibt. Die Software für Maschinen – zum Beispiel für 3D-Drucker – muss programmiert werden, es benötigt adäquate Kontrollsysteme auch für dieses innovative Feld der Überschneidung. Ein Feld, das nach van Melicks Ansicht idealerweise vom CIO bestellt wird – vorausgesetzt er ist in seiner Tätigkeit nicht auf Enterprise Resource Planning (ERPERP) und ein bisschen mehr begrenzt. Bei Industrie 4.0Industrie 4.0 geht es um ein Zusammenspiel von geschäftlichen und technologischen Prozessen. „Der CIO kennt beides", sagt van Melick. „Er ist in der Lage, die Verbindungen zu legen." Und ein Zusammenarbeit zu dirigieren, die von Ingenieuren auf der einen Seite der Skala bis hin zum Vertrieb auf der anderen reicht. Alles zu ERP auf CIO.de Alles zu Industrie 4.0 auf CIO.de

Vor diesem Hintergrund wächst nach Einschätzung des Gea-CIOs die Bedeutung des CIOs weiter. Es handelt sich bei Industrie 4.0 allerdings um eine sehr junge Entwicklung. In seinem Unternehmen seien diese Fragen bisher vor allem auf strategischer Ebene diskutiert worden, berichtet van Melick. Bisher gebe es lediglich einige Pilotprojekte, im kommenden Jahr sollen die Entwicklung weiter vorangetrieben werden.

Stefanie NaujoksStefanie Naujoks, Analystin bei Pierre Audoin Consultants (PAC) definiert Industrie 4.0 als vierte industrielle Revolution in der Produktion, in der die Fertigungsprozesse von sogenannten „Cyber-Physical Systems" gesteuert werden. Das Ziel sei es, die Effizienz und Flexibilität in der Produktion durch die Einführung von dezentral vernetzten und selbststeuernden Produktionsprozessen weiter zu steigern. Profil von Stefanie Naujoks im CIO-Netzwerk

„Ein wichtiger Erfolgsfaktor, um die Effizienz und Flexibilität in der Produktion zu erhöhen, ist ein optimales Zusammenspiel des produktionsspezifischen Know-hows aus der Produktion und dem IT-spezifischen Know-how der CIO-Organisation", so Naujoks. „So sollte das spezifische Know-how beider Bereiche für ProjekteProjekte in Richtung Industrie 4.0 konsolidiert werden." Zum einen könne die CIO-Organisation ihr Know-how in den Bereichen IT-Security, Big DataBig Data und Business Analytics einbringen. Zum anderen sei das Know-how zu produktionsspezifischen Abläufen und Steuerungsprozessen mittels Automatisierungstechnik, Sensoren und Embedded-Softwaresysteme in den Produktionsanlagen von zentraler Bedeutung für die Weiterentwicklung der Produktion in Richtung Industrie 4.0. Alles zu Big Data auf CIO.de Alles zu Projekte auf CIO.de

Um die Potenziale, die Industrie 4.0 in der Fertigung birgt, zu erkennen und zu realisieren, bedarf es laut Naujoks einer weiter forcierten Zusammenarbeit des CIOs mit den verschiedenen Produktionsbereichen. „Wichtig dafür ist es aber, dass die CIO-Organisation ihre Akzeptanz und ihren Einfluss in der Produktion weiter stärkt", sagt die Analystin. Obwohl heute erst wenige Fertigungsunternehmen mit dezentral vernetzten, selbststeuernden Produktionsprozessen in der Industrie 4.0-Epoche angekommen sind, werde das Thema „Industrie 4.0" langfristig von großer Bedeutung sein. Daher empfiehlt PAC den CIOs, es tunlichst auf ihrer Agenda zu haben.

Das tun auch andere Analysten. Luis PraxmarerLuis Praxmarer von der Experton Group benennt hochverfügbare und -performante Netze, neue Applikationen, mobile Endgeräte und das Internet der Dinge als technologische Grundlagen von Industrie 4.0. „Das Zusammenführen der unterschiedlichen Bereiche sowie die nahtlose Kommunikation und CollaborationCollaboration der Menschen und Maschinen erfordert einen CIO mit Weitblick und guter Akzeptanz innerhalb des Unternehmens", befindet Praxmarer. Profil von Luis Praxmarer im CIO-Netzwerk Alles zu Collaboration auf CIO.de

Arbeitsfeld Smart Grids

Immer wichtiger wird vor diesem Hintergrund laut Pascal Matzke von Forrester Research der CIO als Schnittstelle zwischen Geschäftsbereichen. „Viele Transformationprojekte involvieren oftmals mehr als nur einen Geschäftsbereich", so Matzke. Smart Gridsoder auch Connected Cars seien oft das Ergebnis der Zusammenarbeit verschiedener Abteilungen wie Produktentwicklung, Marketing, Vertrieb und Kundenmanagement. „DieRolle des CIOsRolle des CIOs als Schnittstelle, der hilft skalierfähige Plattformen und Lösungen zu entwickeln und im Rahmen eines gemeinschaftlichen Ansatzes zur Anwendung zu bringen, wird ein entscheidender Faktor in der Entwicklung skalierfähiger, innovativer Produkte", urteilt der Analyst. Alles zu Rolle des CIO auf CIO.de

Einen Zusammenhang von Industrie 4.0 und Smart Grids erkennt auch Luis Praxmarer von Experton. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass – unter anderem in diesen Bereichen – das Gewicht des CIOs im Unternehmen dadurch wachsen kann, weil er wie eine Spinne in ihrem Netz die mittlerweile überall ausliegenden IT-technologischen Fäden zusammenknüpfen kann wie kein anderer. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass seine Rolle im eigenen Haus tatsächlich auf diese anspruchsvolle Weise definiert wird.

Der Kontext diesen Rollenwandels geht selbstredend weit über Industrie 4.0 im engeren Sinne hinaus. Lynn-Kristin Thorenz, Analystin bei IDC, erkennt eine zunehmende Komplexität strategischer IT-Initiativen und Investitionsentscheidungen. Diese wurzle insbesondere in der so genannten „dritten Plattform", also dem Fokus auf Technologien wieCloud ComputingCloud Computing, Mobility, Big Data und Social MediaSocial Media. „Vor diesem Hintergrund stehen auch schon neue tiefgreifende Trends wie Industrie 4.0 vor der Tür", so Thorenz. IT sei dann nicht mehr nur ein Enabler für das Geschäft, sondern IT sei das Geschäft. „Gerade das bringt für den CIO von morgen große Chancen mit sich", meint die IDC-Analystin. Alles zu Cloud Computing auf CIO.de Alles zu Social Media auf CIO.de

Neben der Gewährleistung des IT-Betriebs – laut Thorenz auch noch in vielen Jahren die Basisaufgabe des CIOs – und der Unterstützung von Innovationen macht IDC noch ein drittes Feld aus, in dem der CIO im skizzierten Zusammenhang eine immer wichtigere Rolle spielt. Er verfügt nämlich über spezifisches Wissen darüber, wie Geld sinnvoll ausgegeben werden kann und wie man derlei durchrechnet.

Quantifizierung als Chance

„IT-Abteilungen haben viele Jahre Erfahrung darin, Veränderungen im Unternehmen ganzheitlich in Euro und Cent zu quantifizieren", sagt Thorenz. Fachabteilungen fehle es hingegen bei der Budgetierung von Technologie-Investitionen im IT-Umfeld und bei der Rechtfertigung der finanziellen Implikationen oft an Erfahrung. „Dies ist eine Chance für CIOs, auch künftig eine entscheidende Rolle zu spielen", so die Analystin weiter. „Allerdings besteht die Herausforderung für CIOs vor allem darin, ihr Know-how auf die Geschäftsprozesse zu übertragen und mit den Fachabteilungen bei der Bewertung der Kunden- und Marktanforderungen viel enger zusammen zu arbeiten."

Das bedeute für viele CIOs oftmals also auch, neues Terrain zu betreten. „Reine IT-Investitionsentscheidungen im eigentlichen Sinne existieren aus Sicht von IT immer weniger", so Thorenz. „Jede Technologieinvestition ist eine Unternehmensinvestition wie alle andere Investitionen auch."

Serie: Warum der CIO unverzichtbar ist

Teil 1: Nur die IT hat den vollen Durchblick

Teil 3: Der CIO als Service-Makler

Teil 4: Der CIO als Aufbauhelfer

Teil 5: Die vielen Profile des CIOs