Internetabhängigkeit

Die Verlierer der digitalen Revolution

08. Juni 2015
Von Thorsten Giersch
Die digitale Transformation bietet viele Chancen, fordert aber auch einen Preis. Ein oft ignorierter ist die dramatisch steigende Zahl an Internetabhängigen. Längst ist dies auch ein Problem für Unternehmen.

Abhängig vom Internet. Wir sehen Teenager vor Bildschirmen, die Spiele wie "World of Warcraft" zocken. Viele zucken mit den Schultern: Typisch in dem Alter. Lass sie doch ein paar Nächte durchzocken. Sie kommen schon wieder zur Besinnung. So manche Sucht wird hierzulande verniedlicht, üblicherweise wird höchstens Alkohol als ernst zu nehmendes Problem genannt oder der Missbrauch von Medikamenten. Gemessen an der Zahl der Betroffenen sind diese beiden Abhängigkeiten auch weiterhin weit vorn, aber die Zahl derer, die süchtig nach dem Internet sind, steigt rapide an.

Die umfangreichsten Zahlen bietet eine Studie vom Bundesministerium für Gesundheit. Demnach sind hierzulande 800.000 Menschen abhängig vom Internet. Dazu kommen 3,6 Millionen Menschen, die unter Internet-Missbrauch leiden. Ihr Umgang mit dem Medium gilt als "problematisch" - bei Alkoholkranken benutzt man dieselben Definitionen.

Der Großdenker und Internetpionier Jaron Lanier sagte bereits 2010 warnend: "Wir sollten zum Nutzen zukünftiger Generationen über die digitalen Schichten nachdenken, die wir jetzt legen." Offensichtlich haben wir das in den vergangenen fünf Jahren nur unzureichend getan. Und das Problem betrifft längst nicht mehr nur frustrierte Lehrer, denen die Schüler vor Müdigkeit im Unterricht wegdämmern. Und auch nicht mehr nur frustrierte Ehefrauen, deren Männer sich mit dem Rechner einschließen, weil Cybersex ihnen so viel mehr bieten kann als sie. Es ist ein gesellschaftliches Problem, dass auch Unternehmen betrifft, die deswegen Milliarden Euro an Wertschöpfung verlieren.

Ein Grund, warum Internetabhängigkeit noch nicht voll anerkannt ist, dürfte darin bestehen, dass valide Forschungsergebnisse noch nicht ausreichend vorhanden sind. Der Mediziner und Buchautor Bert te Wildt macht keinen Hehl daraus, dass Ärzte und Psychologen rein wissenschaftlich betrachtet noch ein wenig im Trüben fischen. Dennoch kann er aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen Urteile bilden: "Die Internetabhängigen sind die Verlierer der digitalen Revolution."

Für te Wildt gibt es eine simple Logik: "Die sozialen NetzwerkeNetzwerke ersetzen reale Kontakte. Der Cybersex ersetzt den realen Sex. Und die Erfolge im Computerspiel ersetzen die Anerkennung in Schule, Ausbildung und Beruf." Für einen gewissen Zeitraum könne die virtuelle Welt darüber hinwegtrösten, was im realen Leben fehlt. Alles zu Netzwerke auf CIO.de

Te Wildt ist Oberarzt der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des LWL-Universitätsklinikums Bochum. Er behandelt seit Jahren Internetabhängige und hat seine umfangreichen Erfahrungen im aktuell erscheinenden Buch "Digital-Junkies" aufgeschrieben. Die Lektüre lohnt sich nicht nur für aufgeschreckte Eltern, auch angesichts des kleinen Mankos, dass die knapp 400 Seiten viele vage Formulierungen beinhalten. Ärzte wie te Wildt mögen es nicht, wenn Forschungsergebnisse fehlen. Aber der Autor ersetzt diese so gut es geht mit Belegen aus seinem großen Erfahrungsschatz.

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