Mehr Kundenorientierung durch vertikale Vernetzung

Digitalisierung muss integrativ sein

10. Februar 2015
Ima Buxton arbeitet als freie Redakteurin in München. Sie schreibt schwerpunktmäßig zu Strategie- und Trendthemen.
Das tiefgreifende Verständnis des digitalen Kunden ist ein Erfolgsfaktor für Unternehmen. Doch im Alleingang verharren Firmen in ihrer eigenen Ideenwelt. Mithilfe vertikaler Vernetzung lässt sich die geballte Innovationskraft für mehr Kundennähe nutzen.

In den vergangenen Monaten waren vermehrt Stimmen zu hören, die deutsche Unternehmen vor einem Verschleppen und Verschlafen der DigitalisierungDigitalisierung warnten. Marktforscher belegen klipp und klar, dass Firmen hierzulande im internationalen Vergleich mit der Entwicklung nicht standhalten können. Der Münchner Kreis etwa - eine unabhängige Plattform für Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft - legt in seiner "Zukunftsstudie 2014" die Schwachstellen der deutschen Wirtschaft bei der Digitalisierung offen. Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Laut ihrem Vorsitzenden, Professor Arnold Picot, mangelt es deutschen Managern vor allem an der nötigen Weitsicht und Veränderungsbereitschaft. Die Digitalisierung erfordere ein Neudenken und ein Neugestalten bestehender Prozesse, mahnte Picot bei der Vorstellung der Studie. Dem steht der Untersuchung zufolge ein wenig offenes Innovationsklima in deutschen Unternehmen entgegen, sowie ein Management, das "stark den tradierten, an Unternehmensgrenzen orientierten Denkweisen verhaftet ist."

"Kompetenzen der Dienstleister mit den eigenen Stärken vernetzen"

Einer, der das reflektiert, ist Dr. Ferri Abolhassan, Geschäftsführer der T-Systems International GmbH und verantwortlich für die IT-Division des Unternehmens. Seiner Ansicht nach trifft "die Aufforderung, das Denken und Handeln in Unternehmensgrenzen aufzubrechen, ganz unmittelbar die IT-Dienstleister." Denn die Veränderung, die disruptive Technologien wie Cloud und Analytics sowie die großen Trends am Markt - hin zu intelligenten Netzen, Industrie 4.0 und M2M - forcierten, sei von jedem Provider für sich genommen nicht zu bewältigen.

Dr. Ferri Abolhassan, Geschäftsführer der T-Systems International GmbH und verantwortlich für die IT-Division des Unternehmens
Dr. Ferri Abolhassan, Geschäftsführer der T-Systems International GmbH und verantwortlich für die IT-Division des Unternehmens
Foto: T-Systems

"Allein die Vielfalt der heute verfügbaren Cloud-Services und diese dann in unterschiedlichsten Kundenbelangen End-to-End zu managen, erfordert es, mit den besten Partnern und Best-in-Class-Lösungen zu arbeiten", so Abolhassan. So läge im Partnering für IT-Dienstleister die große Chance, deren Kompetenzen mit den eigenen Stärken zu vernetzen. Wobei Abolhassan betont: "An der Stelle jedoch kommen Qualität und Sicherheit ins Spiel, schon um auch selbst als Dienstleister verlässlich zu bleiben". Das habe in Partnerschaften eine "ebenso große Bedeutung wie in jedem Technologie-Projekt".

Doch mit der Überwindung eigener Unternehmensgrenzen tun sich Firmen noch schwer. Zu diesem Ergebnis kommt auch das Beratungsunternehmen KPMG, das in einer aktuellen Studie gleichfalls das wenig freundliche Digitalisierungsklima in Deutschland untersucht.

Nur ein Drittel bindet Kunden oder Mitarbeiter konsequent über digitale Technologien ein

In der Erhebung "Survival of the Smartest 2.0" beurteilen die Unternehmen ihre eigenen Innovationsfähigkeit zwar überwiegend positiv. Bei genauerer Betrachtung einzelner Parameter zeigen sich jedoch Widersprüche. So bindet nur knapp die Hälfte der befragten Firmen ihre Kunden beziehungsweise Geschäftspartner in den Innovationsprozess mit ein.

Das Beratungsunternehmen PwC ermittelte mit seinem "Digitalisierungsbarometer 2014", dass sogar nur ein Drittel der Unternehmen Kunden oder Mitarbeiter konsequent über digitale Technologien in den Entwicklungsprozess von neuen Produkten einbindet.

Ein Versäumnis, das sich nachteilig auswirken kann, meinen die Studienautoren von KPMG, "etwa durch den Verlust von wertvollem Input seitens der Kunden oder Geschäftspartner, da diese beispielsweise wichtige Ideengeber sein können". Auch Einkaufs- oder Vertriebsprozesse seien deutlich effizienter, wenn alle Beteiligten auf relevante Veränderungen vorbereitet sind. Und ein weiterer Vorteil der frühzeitigen Einbindung von Kunden: Die Akzeptanz von Veränderungen könne deutlich gesteigert werden und daher auch als ein adäquates Mittel der Kundenbindung verstanden werden.

"Integration der Eco-Partnersysteme ist Herausforderung für die Zukunft"

Unternehmen, die das Thema Integration bereits auf ihrer Agenda haben, betrachten dessen Umsetzung als beträchtliche Herausforderung, wie aus Gesprächen von CIO.de mit IT-Leitern unterschiedlicher Organisationen hervorgeht.

So sieht Eugen Berchtold, Geschäftsführer der zur BayWaBayWa Group gehörenden RI-Solution GmbH, die spannende Herausforderung bei der Bewältigung der Digitalisierung in der Integration unterschiedlichster Partner. "Unser Business wird sich deutlich verändern durch die Integration der ganzen Eco-Partnersysteme", erläutert Berchtold. "Wir sind immer noch sehr 1:1 orientiert, aber in Zukunft werden wir deutlich mehr integriert werden in Systeme von Herstellern, Kunden, Sensordaten, Messdaten aus unterschiedlichster Quelle - das wird mit Sicherheit die große Herausforderung für die Zukunft werden." Top-500-Firmenprofil für BayWa

Eugen Berchtold, Geschäftsführer RI-Solution GmbH, BayWa Group, im Interview

"Die Integration unterschiedlicher Partner der Ecosysteme wird die spannende Herausforderung"

Ähnliches schwebt Sebastian SaxeSebastian Saxe, CIO bei der Hamburg Port Authority (HPA), vor: "Unser Ziel ist es, die Sensorik im Hamburger Hafen auszubauen und bei der HPA so etwas wie ein Port Traffic Center zu errichten, über das die Verkehrswege Straße, Schiene, Wasserstraße gesteuert werden können, so dass der Verkehrsfluss in einem Binnenhafen optimiert wird." Profil von Sebastian Saxe im CIO-Netzwerk

Thema Integration nicht zu eng fassen

Dieses Ziel ist ohne die Einbindung aller Akteure im Hamburger Hafen von den Lkw-Fahrern über die Kapitäne der Container-Schiffe bis hin zu den HPA-Mitarbeitern kaum möglich. Entsprechend sieht Saxe in der Integration ein zentrales Aufgabenfeld, das viel Überzeugungsarbeit erfordert: "Wir müssen bei uns im Haus, aber auch extern bei unseren Kunden die digitale Transformation anfassbar machen. Anfassbar machen heißt, wir müssen Prototypen machen, Geschichten erzählen, die es vorstellbar machen, was digitale Transformation eigentlich bedeutet. (…) Die größte Herausforderung ist dabei, die Schere im Kopf der Menschen zu überwinden."

Sebastian Saxe, CIO Hamburg Port Authority, im Interview

"Wir müssen auch extern bei unseren Kunden die digitale Transformation anfassbar machen"

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