Strategien


Dax und MDax

Digitalisierung nur bei ProSiebenSat.1 im Vorstand

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Von den 80 Dax- und MDax-Unternehmen verankert einzig der Medienkonzern die Digitalisierung ganz oben. Auch CDOs sucht man fast vergebens, so eine Studie von Heidrick & Struggles.
Die großen deutschen Konzerne treiben die Digitalisierung zu wenig voran, kritisiert Heidrick & Struggles.
Die großen deutschen Konzerne treiben die Digitalisierung zu wenig voran, kritisiert Heidrick & Struggles.
Foto: wavebreakmedia - shutterstock.com

Die digitale Herausforderung ist "noch nicht ausreichend in den Chefetagen der größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland angekommen", erklärt Wiebke Köhler, Partnerin der Unternehmensberatung Heidrick & Struggles. Sie ist Co-Autorin der Studie "The german digital governance & leadership study", die 80 Firmen unter die Lupe genommen hat, nämlich die Dax30 und MDax50-Konzerne.

Die Consultants wollten wissen, wo die Verantwortung für die DigitalisierungDigitalisierung liegt und wie sie organisiert wird. Fazit: Nur ein Unternehmen, nämlich ProSiebenSat.1ProSiebenSat.1, siedelt das Thema auf Vorstandsebene an. Christian Wegner ist dort Vorstand Digital & Adjacent. Damit ist der promovierte Betriebswirt für Digital & Adjacent, Digital Entertainment und Digital Commerce & Ventures zuständig. Top-500-Firmenprofil für ProSiebenSat.1 Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Nur wenige tragen den Titel CDO

Insgesamt hat lediglich rund jeder fünfte Konzern (21 Prozent) die Funktionen eines Digitalisierungs-Verantwortlichen eingerichtet. Der trägt übrigens nur in fünf Prozent der Firmen den Titel CDO (Chief Digital Officer), bei 16 Prozent ist er anders bezeichnet.

Verbleibt eine satte Mehrheit von 79 Prozent der Unternehmen ohne eine solche Funktion. In diesen Fällen nehmen meist digital versierte CIOs oder Chief Technology Officer (CTO) die Digitalisierung in die Hand. Nicht selten sind es auch Chief Financial Officer (CFO), Chief Marketing Officer (CMO) oder Chief Operations Officer (COO).

Noch immer berichten 40 Prozent an den CFO

Stichwort Finanzchef: An ihn berichten 40 Prozent der obersten Digital-Entscheider. Weitere 14 Prozent berichten an den Vorstands-Chef des Unternehmens, neun Prozent an den COO und elf Prozent an verschiedene andere Vorstandsressorts. Jede zehnte Firma siedelt digitale Funktionen dagegen innerhalb der Geschäftsfelder an, die obersten Verantwortlichen berichten dabei gar nicht an den Vorstand. Insgesamt bescheinigt Köhler den DAX- und MDAX-Konzernen "Schwächen" bei der organisatorischen Einbettung der Entscheider.

Dabei will Köhler die jeweiligen Branchenspezifika nicht übersehen. "Beispielsweise in B2B- und Produktionsunternehmen ist der Fokus auf Digitalisierung typischerweise weniger stark vorangeschritten wie in B2C-Branchen und auch stärker an der Automatisierung der Prozesse anstatt der Kundenschnittstelle oder der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle ausgerichtet", sagt sie. Die Beraterin betont: "Jedoch werden sich im Zuge der Digitalisierung im 21. Jahrhundert ganze Branchen wie der Einzelhandel, Banken, Versicherungen, Energieversorger und auch die Automobilbranche neu erfinden müssen."

Ratschläge für die Digitalstrategie

Köhler und ihre Kollegen geben den Flaggschiffen Folgendes mit auf den Weg:

1. Sie sollten einen sehr gut sichtbaren Verantwortlichen - der Chief Digital Officer (CDO) heißen kann, aber nicht muss - mit weitreichenden Kompetenzen und Ressourcen etablieren.

2. Digital gehört schon in der Umbauphase des Unternehmens auf die Vorstandsebene. Bietet sich ein eigenes Vorstandsressort für Digital nicht oder noch nicht an, sollten die digitalen Aktivitäten ähnlich der Strategie beim CEO aufgehängt sein.

3. Wer die Digitalisierung lediglich auf mittleren Hierarchieebenen verankert, treibt das Thema nicht schnell und intensiv genug voran. Wo eine klare Ausrichtung auf eine einheitliche Strategie fehlt, droht die Gefahr, dass sich einzelne Bereiche in unabgestimmten Aktivitäten verlieren.

Heidrick & Struggles führt die derzeitigen Probleme auch auf die Firmenkultur zurück. Konkret: Die großen deutschen Konzerne sind nach wie vor zu stark an einem hierarchischen Prinzip ausgerichtet. Sie orientieren sich zu wenig an internen und externen Netzwerken. Die Berater sehen hier zunächst einmal die Personalabteilungen gefordert.

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