Keine Hierarchien, keine Taktik - einfach Mal entspannen

Echte Freunde statt ein Business-Netzwerk

09. März 2009
Von Klaus Werle
Je höher Führungskräfte aufsteigen, desto mehr Angst haben sie davor, ausgenutzt zu werden. Kaum jemand ist noch ehrlich zu ihnen. Dabei werden von ihnen zunehmend Fähigkeiten gefordert, die sie nur in Freundschaften lernen können: Vertrauen, Teamgeist, Kompromissbereitschaft und Verhandlungsgeschick. Wie deutsche Manager Freundschaften pflegen.

Wenn Wulf Bernotat (60) im Januar mit drei guten Freunden in den jährlichen Golfurlaub startet, gilt eine eiserne Regel: Men only. Frauen wollen auch was vom Land sehen, mal ins Museum gehen oder ins Konzert, und das würde nur vom Abschlagen ablenken. Men only heißt auch: Das Quartett muss die elf Tage ohne weibliches Organisationstalent wuppen. Wie Männer so sind, haben sie die Zuständigkeiten klar aufgeteilt: Einer kümmert sich um die Verpflegung (Müsli zum Frühstück, Müsliriegel auf den Fairways). Einer macht die Kasse, ein anderer verwaltet die Ergebnisse der diversen Partien auf dem Laptop.

Und Wulf Bernotat ist der Fahrer. Der Eon-Chef, für gewöhnlich mit Dienstlimousine und Chauffeur unterwegs, kurvt dann im Mietwagen durch Südafrika oder Thailand, während seine Kumpel im Fond lümmeln und aufgekratzt rufen, er möge mal auf die Tube drücken. "Er macht das prima", sagt der Verpflegungsbeauftragte, "nur manchmal vergisst er seinen Koffer im Auto, weil sich darum sonst sein Fahrer kümmert."

Auf den Golftrips ist Bernotat nicht der Vorstandsvorsitzende eines Dax-Konzerns, sondern der Wulf, der sich ein Doppelzimmer teilt und abends auf der Terrasse noch ein Skatblatt anfasst. Seine Mitspieler sind der Inhaber eines Hamburger Herrenmodengeschäfts, ein Futtermittelhändler und der Besitzer eines Golfplatzes in Dithmarschen. Seit 20 Jahren fahren die vier zum Golfen, elf Tage im Januar, mal Florida, mal Mallorca, oft Südafrika. Auch als 1990 der Golfkrieg ausbrach und Bernotat bei Shell war oder während der Übernahmeschlacht um Endesa ließ er sich die Zeit mit seinen engsten Freunden nicht nehmen. "Ich freu' mich das ganze Jahr auf diese Tage", sagt der Eon-Chef. "Keine Hierarchien, keine Taktik - es ist wahnsinnig entspannend, einfach man selbst zu sein."

Dieser Artikel erscheint mit freundlicher Genehmigung von manager-magazin.de.
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Foto: manager-magazin.de

So, wie es der Schriftsteller Ralph Waldo Emerson formulierte: "Ein Freund ist ein Mensch, vor dem man laut denken kann." Doch je höher eine Führungskraft aufsteigt, desto geringer wird die Zahl der Menschen, die ehrlich zu ihr sind. Sicher, Topmanager wie Bernotat kennen Hunderte von Leuten - doch mit den meisten verbindet sie ein Geflecht aus gegenseitigen strategischen Interessen. Hilfst du mir, dann helf' ich dir. Selbst legendäre Zirkel wie die Baden-Badener Unternehmergespräche oder die Similauner, wo die Reitzles, Hainers und Koflers die Deutschland AG feiern, sind bei aller Kumpelei doch in erster Linie Business-Netzwerke.