15 Jahre CIO

Echtzeit war gestern

Einen seiner ersten Artikel schrieb René Schmöl, Jahrgang 1982, mit 16 Jahren für die Tageszeitung Freies Wort. Es war ein Interview mit Hape Kerkeling. Dieser Erfolg motivierte ihn, weiterzumachen. Nach sieben Jahren im Lokaljournalismus und einer Ausbildung zum Verlagskaufmann folgte ein Volontariat bei der Verlagsgruppe Handelsblatt. Die zwei aufregendsten Jahre seines Lebens. Seit 2007 ist Schmöl in unterschiedlichen Positionen für IDG tätig. Momentan als Chef vom Dienst Online. Er kümmert sich um das Portal cio.de.
Das CIO-Magazin feiert seinen 15. Geburtstag. Trendforscher Sven Gábor Jánszky blickte auf die nächsten 15 Jahre und skizzierte das Predictive Enterprise. Kunden werden Software mehr vertrauen als Beratern.

Wir stehen im Bekleidungsgeschäft vor dem Spiegel und betrachten, ob uns das Hemd steht. Immerhin hieß ja die Empfehlung vom Verkäufer, dass uns dunkles Blau besonders gut kleidet. Doch nun macht der Spiegel zusätzlich eigene Vorschläge, was zu uns passt und welche Kombinationen möglich wären. Und siehe da: Die Tipps vom elektronischen Bekleidungsberater gefallen uns besser als die vom Verkäufer. Das Beispiel zeigt, wie Software unser Leben immer stärker beeinflussen kann. "Software übernimmt die Macht zwischen Mensch und Geräten", sagte Trendforscher Sven Gábor Jánszky von 2b ahead ThinkTank aus Leipzig.

Trendforscher Sven Gábor Jánszky von 2b ahead ThinkTank sagte voraus, dass wir schneller als in Echtzeit leben werden.
Trendforscher Sven Gábor Jánszky von 2b ahead ThinkTank sagte voraus, dass wir schneller als in Echtzeit leben werden.
Foto: Joachim Wendler

Jánszky lieferte noch weitere Beispiele, die seine These untermauern sollten. So sei Watson von IBM inzwischen der beste Krebsexperte der Welt. Die Software durchforstet mit künstlicher Intelligenz alle verfügbaren Quellen bezüglich einer gestellten Frage und stellt die Daten dem Arzt zur Verfügung. Der so abgesicherte Diagnosen stellen und bessere Therapien einleiten kann. Ohne Watson hätte er diese Möglichkeit nicht. Die beunruhigende Frage lautet allerdings, wie ändert sich dann die Arbeitswelt eines Arztes? Watson trifft vermutlich mehr richtige Diagnosen und Entscheidungen als der Mediziner.

Fortschritt läuft nicht mehr linear, sondern exponentiell

Wie Software uns schon heute Entscheidungen abnimmt, zeigt auch das Beispiel der Assistenzsysteme in Autos. Bis autonom fahrende Fahrzeuge die Straßen befahren, wird nicht mehr viel Zeit vergehen. Wahrscheinlich wird dieser Zeitpunkt sogar früher eintreten als wir erwarten, denn der Fortschritt in Zeiten der DigitalisierungDigitalisierung verläuft laut Jansky nicht mehr linear, sondern exponentiell. Die Geschwindigkeit nimmt rasant zu. Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Trendforscher Jánszky löste mit seinen Thesen teils heftige Diskussionen unter den rund 30 CIOs aus, die sich anlässlich des fünfzehnjährigen Bestehens des CIO-Magazins in der Panorama-Lounge über den Dächern Münchens eingefunden hatten.

Vor seinem Blick in die Zukunft hatte Michael Beilfuß, Verlagsleiter der IDG Business Media GmbH, einen kurzen Blick in den Rückspiegel geworfen. Im Gründungsjahr der CIO, 2001, was war denn da eigentlich los? Zum Beispiel übernahm HP den Computerhersteller Compaq, Apple stellte den iPod vor und der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, sagte die noch heute geflügelten Worte "Und das ist auch gut so!"

Vertrauen lässt sich nicht digitalisieren, das ist falsch

Seitdem gab es unzählige neue Entwicklungen in Technik und Business, doch konstant geblieben ist über all die Jahre das Vertrauen der CIO-Community in die Medienmarke CIO. Vertrauen lässt sich halt nicht digitalisieren. Falsch, Vertrauen lässt sich sehr wohl digitalisieren, meinte Trendforscher Jánszky. Schon heute verlassen wir uns auf Assistenzsysteme im Auto, und die Software im Spiegel wird uns mindestens ebenso gute wenn nicht sogar bessere Bekleidungstipps geben wie der Verkäufer.

Auch werde sich die Arbeit von Beratern in Banken oder Versicherungen verändern, weil Kunden einer Software vertrauen würden, die ihnen das beste Angebot in Echtzeit unterbreitet. Dann sind Berater überflüssig und der Kunde wechselt den Anbieter mit wenigen Klicks oder Sprachkommandos. "Vertrauen ist das Ergebnis von erfüllten Erwartungen", sagte Jánszky. Wem es gelingt, die Wünsche der Kunden frühzeitig zu erahnen und dann voll zu erfüllen, werde vertrauen genießen. In Zeiten von Predictive Analytics hätten Maschinen hier durchaus ihre Vorzüge.

Über den Dächern von Köln im Hotel Wasserturm fand der zweite CIO Rooftop Talk statt. Mit Thesen wie "Digitalisierung schmilzt die Standardbereiche weg" oder "Experten weden zu Coaches oder verlieren gegen Technologie" brachte Trendforscher Jánszky die 23 Gäste zum staunen und nachdenken. "Die Herausforderung für CIOs ist es, ein intelligent prognostizierendes Betriebssystem zu schaffen", sagte Jansky in seinem Fazit. Thomas Noth, ehemaliges Vorstandsmitglied der Talanx, brachte schließlich noch die alltäglichen Zwänge eines CIO in die Diskussion mit ein: "Irgendwann trifft auch die modernste App auf die Legacy."

Die Predictive Company kommt

Der nächste Entwicklungsschritt nach Cloud, Plattformgedanken und Echtzeit werde "Predictive" sein, sagt Jánszky. Während bei Industrie 4.0Industrie 4.0 Mensch und Maschine in Echtzeit miteinander kommunizierten, wisse die Predictive Company im Voraus, was ihre Kunden wollen. "Wir werden schneller als in Echtzeit leben", brachte es der Trendforscher auf eine griffige Formel. Alles zu Industrie 4.0 auf CIO.de

Vice President Information Technology Gerhard Hiegemann von der Swiss Re Europa (Mitte), Geschäftsführerin Hanna Hennig von der EON Business Services GmbH (rechts) mit Bernd Hennig (links)
Vice President Information Technology Gerhard Hiegemann von der Swiss Re Europa (Mitte), Geschäftsführerin Hanna Hennig von der EON Business Services GmbH (rechts) mit Bernd Hennig (links)
Foto: Joachim Wendler

Doch was macht eigentlich der Mensch, wenn die Software sich als Schicht zwischen Mensch und Geräte schiebt und die Entscheidungsmacht übernimmt? Jánszkys ehrliche Antwortet darauf lautete, er wisse es auch noch nicht.

Fragen über Fragen

Noch bleiben also viele Fragen offen. Für Unternehmen lautet die Frage, wie behalten sie die Kontrolle über ihre Produkte und verhindern, dass sich Dritte in die Wertschöpfungskette einnisten und - Beispiel Uber - die Kontrolle übernehmen? CIOs und IT-Abteilungen müssen sich mit der Frage beschäftigen, welchen Beitrag sie leisten können, damit ihr Unternehmen nahe am Kunden ist und dessen Vertrauen genießt. Und schließlich steht über allem die Frage, wie sich das Zusammenspiel zwischen Mensch und Software verändert, wenn letztere immer mehr Entscheidungen übernimmt. Die Antworten auf diese Fragen kennt wohl niemand, vieles steckt noch in den Anfängen.

Umso wichtiger ist es, sich schon jetzt intensiv mit diesen wichtigen Fragen auseinandersetzen. Wenn Jansky recht hat, und der digitale Fortschritt nicht linear sondern exponentiell voranschreitet, dann ist es ein Fehler sich zurückzulehnen und die Entwicklungen auszusitzen Die meisten Prognosen, so versichert der Trendforscher, treffen früher ein als vorausgesagt.