EIN NETZ FÜR ALLE

30. Oktober 2002
Die Welt der Telefone und die der Computer waren lange völlig voneinander getrennt. In konvergenten IP-basierten Netzwerken wachsen Sprache und Daten nun zusammen - eine Entwicklung, die es Unternehmen ermöglicht, Geschäftsprozesse neu zu gestalten und dabei Geld zu sparen.

Frankfurt, Flughafen: John Ford ist aus der Maschine gestiegen und auf dem Weg zum Anschlussflug. Kundentermin. Zu dumm, dass die E-Mail mit den gestern abgesegneten neuen Preislisten, die ihm ein Kollege vom Vertrieb noch vor dem Abflug schicken wollte, ihn nicht rechtzeitig erreicht hat. Aber mittlerweile müsste sie eigentlich da sein. Zeit, zu einem Internet-Terminal zu hasten, ist nicht. Während ihn das Laufband durch die Terminals transportiert, ruft John stattdessen mit dem Handy seine E-Mail-Box an. „Sie haben drei neue E-Mails“, erklärt ihm eine Computerstimme. Eine ist die heiß erwartete Mitteilung aus dem Vertrieb. „Nachricht hören“, sagt John. Sekunden später liest die Computerstimme sie vor. Die neuen Zahlen lässt Ford sich auf sein Multimediatelefon übermitteln und speichert sie. In der Anschlussmaschine überarbeitet John das Material für die Präsentation und baut sie dort ein.

Es ist nicht das erste Mal, dass John schnell reagieren muss, obwohl er nicht in seinem Büro ist. Mobilität, Geschwindigkeit und Erreichbarkeit sind in der modernen Arbeitswelt zu wichtigen Erfolgsfaktoren geworden. Der strategische Einsatz eines konvergenten IP-basierten Netzwerks und intelligenter Anwendungen ist eine Antwort auf diese Anforderungen. Johns Unternehmen setzt auf so ein Netz, in dem die Welt der Telefone und der Sprachübermittlung mit der Welt der Datenübertragung verschmolzen ist. Diese beiden Welten waren lange voneinander getrennt. Als Paul Baran, einer der Erfinder der paketorientierten Datenübertragung, 1962 sein Buch „On Distributed Communications Networks“ veröffentlichte, hat er sich nicht träumen lassen, dass aus dem von ihm beschriebenen Internet-Protokoll (IP) einmal eine einheitliche Basis wird, auf deren Grundlage alle Kommunikationsnetze zusammenwachsen. Zu Barans Zeiten erlaubte vor allem das Telefon, über viele Kilometer hinweg in Echtzeit Informationen auszutauschen. Heute können Menschen wie John auch mit Hilfe des Internet-Protokolls grenzenlos kommunizieren. Die E-Mail war dabei nur ein erster Schritt. Weltweit verständigen sich heute Menschen mit Hilfe von Daten, die in kleine digitale Pakete zerteilt und über zentrale Internet-Rechner, die Router, durch die weltweiten Datennetze von einem Personalcomputer zum anderen übertragen werden. Chaträume oder Instant Messaging sind Beispiele dafür. Mittlerweile wird so auch Sprache ganz selbstverständlich in Datenpakete zerteilt übertragen, etwa bei der Computer-Telefonie-Technologie Voice-over-IP (VoIP) oder Videokonferenzsystemen.

Existierende Produktlinien laufen langsam aus

Private Branch Exchanges (PBX), also die traditionellen Nebenstellenanlagen, und das klassische Telefon haben Konkurrenz bekommen: Während die Zahl der verkauften Analog- und Digital-Telefone sinkt, steigt die der IP-basierten Telefone, die mit Hilfe der Datenpakete aus den Computernetzen arbeiten. Im ersten Quartal 2002 ging dem Beratungsunternehmen InfoTech zufolge der PBX-Verkauf um 12,4 Prozent zurück. Tendenz: weiter fallend. „Die Hersteller lassen existierende Produktlinien langsam auslaufen“, analysieren die InfoTech-Consultants.

Ihren Platz nehmen Konvergenznetze ein. Sie bieten heute eine einheitliche Infrastruktur zum Informationsaustausch, die auch Sprachdaten einschließt. Das unterscheidet sie von traditionellen Netzwerken, die entweder über Telefonleitungen die Stimme oder über Computernetze Daten transportieren. Die Gartner Group schätzt, dass 2005 rund 45 Prozent der neu installierten Telefonleitungen IP-basiert arbeiten werden; 2000 waren es noch zwei Prozent. In einem konvergenten IP-Netzwerk werden Computer, Telefone und andere Endgeräte verzahnt. John Ford und seine Kollegen nutzen unternehmensweit alle Telefone - egal, ob es sich um analoge, digitale oder schnurlose Geräte handelt - ebenso wie PC-Clients über ein einheitliches Netz. So ist es möglich, die Sprachübertragung mit jeder beliebigen Softwareanwendung zu verknüpfen. Johns Kommunikation lässt sich komplett über Unternehmensportale in die Geschäftsprozesse integrieren, zum Beispiel in das Warenwirtschaftssystem, mit dem er arbeitet. Wenn John eine Nachfrage zu einem dort gespeicherten Angebot hat, muss er nicht umständlich anhand von Bearbeitungskürzeln herausfinden, wer das Dokument im Workflow zuletzt geändert hat, und dessen Durchwahl im Unternehmenstelefonbuch suchen.