Der Kickstarter-Traum

Ein Startup ohne Profitgier

26. Mai 2015
Die anfängliche Euphorie um Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter ist abgeflaut. So mancher Geldgeber musste die Erfahrung machen, dass Erfinder auch einfach scheitern können. Doch Erfolgsgeschichten und große Namen sorgen für Aufmerksamkeit.

Die Finanzierungsplattform Kickstarter will anders sein als andere Internetfirmen. "Wir versprechen weiterhin, das Unternehmen nie zu verkaufen und nie an die Börse zu gehen", sagt Mitgründer und Chef Yancey Strickler. "Wenn Geld für ein Unternehmen in den Mittelpunkt rückt, ist die Gefahr zu groß, dass man aus den Augen verliert, warum man das alles gestartet hat."

Foto: Kickstarter

Stattdessen wolle sich das Team auf die "Mission" konzentrieren, Menschen, die Ideen haben, mit Internet-Nutzern zusammenzubringen, die ihnen Geld geben. Seit der Gründung von Kickstarter vor sechs Jahren kamen so rund 1,5 Milliarden Dollar für mehr als 85.000 Projekte zusammen. Beim Start der deutschen Version vor zwei Wochen wurden mehrere Projekte gleich am ersten Tag finanziert. Doch viele Geldgeber mussten mit dem Crowdfunding auch ernüchternde Erfahrungen machen. So manches Projekt wurde er mit großer Verspätung vollendet - und einige auch gar nicht.

Ein typisches Beispiel dafür war myIDkey, ein USB-Stick mit Fingerabdrucksensor, der Passwörter speichern und automatisch ausfüllen sollte. Die Entwickler holten sich Anfang 2013 knapp 500.000 Dollar bei Kickstarter und bekamen weitere drei Millionen Dollar Startup-Kapital von klassischen Investoren. Wie von Kickstarter grundsätzlich gefordert, gab es einen funktionierenden Prototypen. Doch in den Monaten danach scheiterte das Projekt kläglich. Die Entwickler verstrickten sich in technischen Anpassungen und Softwareproblemen. Am Ende bekamen nur wenige der über 3900 Geldgeber ihre Geräte - und auch die funktionierten eher dürftig.

Die Kickstarter-Gründer (v.l.n.r.) Charles Adler, Perry Chen und Yancey Stricker
Die Kickstarter-Gründer (v.l.n.r.) Charles Adler, Perry Chen und Yancey Stricker
Foto: Kickstarter

"Wir sind transparent, was das Risiko angeht", sagt Strickler. Die Erfinder müssen über mögliche Probleme aufklären. Es ist verboten, nur mit Computerentwürfen Geld für Geräte einzusammeln. Kickstarter prüft, welche Projekte zugelassen werden. Und die Geldgeber selbst fungieren als zusätzlicher Filter: Weniger als 40 Prozent der vorgestellten Projekte schaffen überhaupt ihr Finanzierungsziel. Kickstarter bekommt dann seine Gebühr - egal, ob am Ende geliefert wird.

Der Mythos Kickstarter lebt für Erfinder und Geldgeber aber von den Erfolgsgeschichten, den Leuchtturm-Projekten. So sammelte fast drei Jahre vor der Apple Watch ein kleines Team über zehn Millionen Dollar für die Computer-Uhr Pebble ein. Auch hier gab es zwar Verzögerungen, doch inzwischen verkaufte Pebble über eine Million Geräte. Das neue Modell Pebble Time mit farbigem E-Paper-Display steht vor dem Marktstart, auch wenn es nun gegen eine Vielzahl von Konkurrenten antreten muss. Obwohl die Firma inzwischen auch auf klassischen Kanälen Kapital einsammelte, dufte die Pebble Time noch einmal bei Kickstarter antreten und ist der aktuelle Rekordhalter mit Zusagen von knapp 20,4 Millionen Dollar.

Die Pebble Time hat ein farbiges E-Paper-Display.
Die Pebble Time hat ein farbiges E-Paper-Display.
Foto: Pebble

Es war so etwas wie ein Sonderfall, betont Strickler. "Sie haben mit uns angefangen. Sie haben es sich damit verdient, weiterhin auf der Plattform zu bleiben." Eigentlich habe Kickstarter aber schon viele etablierte Unternehmen abblitzen lassen. "Wir wollen kein Marketing-Kanal für große Firmen sein, die nur einen neuen Fernseher oder etwas ähnliches auf den Markt bringen wollen." Eine Ausnahme wäre höchstens: "Wenn es ein einzelner Entwickler irgendwo im vierten Stock ist, der eine Idee hat, haben wir kein Problem damit - aber dann muss er auch der Eigentümer davon bleiben." Zugleich habe es bei Kickstarter schon viele Diskussionen darüber gegeben, wie man zwischen großen und kleinen Unternehmen unterscheiden könne.

Kein Problem hat Strickler hingegen damit, wenn Stars wie Regisseur Spike Lee oder bekannte Schauspieler wie Zach Braff ("Scrubs") für ihre Projekte bei Kickstarter sammeln und dabei auf Millionensummen kommen. Er glaube auch nicht, dass damit Geld oder Aufmerksamkeit von einfachen Erfindern und Künstlern abgezogen wird. "Kickstarter ist kein Nullsummenspiel, es gibt keinen großen Geldkuchen, der auf diese Weise von wenigen verschlungen wird", betont er. "Die Leute, die Zach Braff oder Spike Lee zum ersten Mal zu Kickstarter gebracht haben, gaben kurz darauf eine Million Dollar für andere Projekte aus." Das habe die Plattform insgesamt bekannter gemacht.

"Auch etablierte Künstler haben nicht genug kreative Freiheit", gibt Strickler zu bedenken. Auch sie müssten vor der Macht von Geldgebern bewahrt werden, die nur auf Profit aus sind. "Die meisten kulturellen Projekte wären sehr schlechte Investitionen - denn das ist nicht ihr Ziel. Ihr Zweck ist es, einfach zu existieren." Wer hätte etwa verloren, wenn der neue "Star-Wars"-Film eine Kickstarter-Kampagne gewesen wäre? "Nur der Disney-Konzern, der jetzt Milliarden verdienen wird."

So ist es für Strickler kein Zufall, dass in den USA die meisten Kickstarter-Projekte aus dem Musikbereich kämen. "Die Kernfrage, die sich ein traditioneller Geldgeber stellt, ist: Wird dieses Produkt erfolgreich und profitabel sein? Bei einer Finanzierungsplattform muss sich der Unterstützer nur fragen, ob ihm etwas gefällt." Für die Zukunft wolle er Kickstarter stärker zu einem Werkzeug für kreative Zusammenarbeit machen, das über die Finanzierung hinausgeht. (dpa/tc)

Kommentare zum Artikel

Daniel Neumann

Ich denke, dass in Deutschland das Thema Crowdfunding noch weitestgehend unbekannt ist, manchmal schaffen es die Leuchtturmprojekte visibel zu werden, das stimmt.
Kickstarter zieht aber mit jedem deutschen Projekt, wie z.B. Miito, Senic oder StoryHome mehr und mehr deutsche Nutzer nach, denn jedes neue Projekt hat ja seine eigene Community um sich herum - mal sehen wie es in 2 Jahren aussieht, wenn Gesetzgebung und First-Mover den Weg bereitet haben...

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