"Hört auf, euch ständig zu hinterfragen!"

Erfahrene IT-Frauen reden Klartext

18. Januar 2016
Von Anja Dilk
Diskriminiert fühlen sie sich nicht, aber oft genug müssen sie sich erklären, und in vielen Projekten sind sie nach wie die einzige weibliche Entwicklerin. Engagierte Informatikerinnen arbeiten an allen Fronten, um dem weiblichen IT-Nachwuchs zum Durchbruch zu verhelfen.

Wenn Daniela Berger auf eine Computermesse geht, hört sie fast immer diesen einen Satz: "Mit wem bist du denn da?" Dass sie selbst hier beruflich zu tun hat, kommt den meisten gar nicht in den Sinn. Wenn Berger mit Rock und Lippenstift in einem Kundengespräch erscheint, sieht sie immer wieder Zweifel in den Gesichtern. Dass sie der Programmierprofi in der Runde ist, können sich viele nicht recht vorstellen.

Nicht, dass ITler oder Kunden Vorurteile gegenüber Frauen in der IT pflegten. "Im Gegenteil, aufrichtig empört weisen sie das zurück", sagt Berger. Es sind vielmehr kleine, unbewusste Diskriminierungen, die für die Entwicklerin zum Alltag gehören. Von "Microaggressions" spricht Berger und zum Glück ist die leidenschaftliche Programmiererin ziemlich immun dagegen. "Ich habe ein dickes Fell."

Um Frauen in die IT zu locken, braucht es letztlich Vorbilder - immer die einzige zu sein, ermüdet.
Um Frauen in die IT zu locken, braucht es letztlich Vorbilder - immer die einzige zu sein, ermüdet.
Foto: Ollyy - shutterstock.com

"Coden Frauen anders?"

Vielleicht liegt das daran, dass sie von Kindesbeinen mit der IT verwachsen ist. Der Vater war leidenschaftlicher Programmierer, die Brüder eiferten ihm nach. Berger studierte Computerlinguistik, ein "toller Mix aus Sprache und Entwicklung". Als sie einmal ihren Vater fragt: "Coden Frauen anders?", ist er entrüstet. "Was soll denn an einem Quellcode männlich oder weiblich sein?"

Die Einstellung prägt sie heute noch. "Ich habe ein anderes Sprungbrett mitbekommen". Doch sie weiß, dass es vielen Frauen anders geht. Dass es sie belastet, sich immer wieder erklären zu müssen. "Toll, du machst wirklich IT?" Dass es sie nervt, immer wieder in eine Sonderrolle geschoben zu werden, wie in den testosteronschweren Vorlesungen an der Uni. "Guten Tag, die Herren, meine Dame". Selbst Daniela Berger geht manchmal der Hut hoch, wenn ihr wohlwollend attestiert wird, dass sie "etwas Fürsorgliches" in die Entwicklerrunde bringe. "Ich will nicht fürsorglich sein, sondern schlicht eine hervorragende ITlerin."

Weibliche Entwicklerinnen sind pragmatischer

In zehn Jahren hat sie selbst erst dreimal mit einer anderen Entwicklerin zusammengearbeitet. Dabei seien Frauen in der IT wichtig, weil sie eine andere Perspektive in die Branche trügen - die der weiblichen Nutzerin. Immer noch, kritisiert Berger, gebe es Java-Script Plug-ins, deren Beispielbilder aussähen wie aus einem Pirellikalender. Und erst ein Jahr nach dem Launch in iOS9 bezog der Apple HealthKit, der sonst selbst die feinsten Körperdaten berücksichtigt, auch den Einfluß des weiblichen Zyklus auf die Gesundheitsparamater mit ein.

"Männliche Programmierer haben die Lebenswirklichkeit weiblicher User nicht auf dem Schirm", sagt Berger. Oder, wie Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG-Metall sagt: "Weibliche Entwicklerinnen sind pragmatischer im Umgang mit Technik. Sie fragen mehr nach dem Nutzen, statt sich für Spielereien zu begeistern." In einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft werde dieser nüchterne Blick immer wichtiger.

Christiane Benner ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied bei der Ig Metall.
Christiane Benner ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied bei der Ig Metall.
Foto: IG Metall

Bis dieser nüchterne Blick in die IT-Szene Einzug nimmt, wird es wohl noch eine Weile dauern. Die erfolgreichen Karrieren von Top-Frauen wie Sabine Bendiek,seit kurzem Chefin von Microsoft Deutschland, Angelika Gifford, seit 2014 in der deutschen Geschäftsführung von Hewlett Packard, oder IBM-Deutschlandchefin Martina Koederitz, im September 2015 ausgezeichnet als Managerin des Jahres, sind wenig mehr als Leuchttürme.

Selbst die relativ hohen Studierendenzahlen stimmen nur verhalten optimistisch: 30 Prozent der ITK -Studenten sind weiblich, 20 Prozent machen einen Abschluss, gerade mal 15 wählen tatsächlich IT-Jobs. "Das liegt auch an der extrem hohen Arbeitsbelastung und den wenig familienfreundlichen Arbeitsbedingungen in der Branche", vermutet IG-Metall-Vorstandsfrau Benner. "Frauen sind weniger bereit, das zu akzeptieren." Nach einer aktuellen Umfrage der Gewerkschaft arbeiten ITler durchschnittlich 43 Stunden die Woche; der Alltag ist geprägt von permanenten Umstrukturierungen, globaler Zusammenarbeit und hoher Geschwindigkeit.