Albtraum Transparenz

Es lebe das Geheimnis!

27. Oktober 2014
Wirtschaftswoche-Redakteur
Regierungen und Unternehmen unterwerfen sich blind den Forderungen nach immer mehr Transparenz - und ernten Misstrauen. Nur wer Geheimnisse achtet, kann auf Vertrauen hoffen. Ein Plädoyer für mehr Intransparenz.

Transparenz ist ein Superstar unter den Begriffen. Sie wird von Institutionen aller Art, Unternehmen, Ministerien, ja selbst von Geheimdiensten ehrfurchtsvoll und einschränkungslos für notwendig erachtet. Und als Superstar duldet sie keinen Widerspruch. Undenkbar, dass ein Unternehmer oder Amtschef verkündet: "Wir werden künftig etwas weniger transparent arbeiten."

Ja, selbst der Chef des Bundesnachrichtendienstes Gerhard Schindler sagte in diesen Tagen: "Nur wenn wir uns öffnen, wenn wir transparenter werden, in vertretbarem Rahmen unsere Arbeitsweise erklären, können wir unsere Vertrauensbasis in der Gesellschaft verbreitern". In Hamburg gibt es seit Oktober 2012 ein Transparenzgesetz, das auf die "Volksinitiative Transparenz schafft Vertrauen" zurückgeht. In Nordrhein-Westfalen eifert ihr die Initiative "NRW blickt durch" nach, die mit einem ähnlichen Gesetz "Korruption erschweren" und "Vertrauen in Verwaltung und Politik stärken".

Natürlich will kein vernünftiger Mensch Korruption in Behörden erleichtern oder von Unternehmen hinters Licht geführt werden. Und natürlich liebt niemand das Geheimnis des anderen, sondern stets nur das eigene. Aber ist konsequente Transparenz überhaupt möglich? Wohl kaum.

"Gesellschaften wie Einzelne könnten ohne ein Set von Geheimnissen nicht einmal überleben", schreibt der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme. Es ist, wie Böhme schreibt, "eine der großen Selbsttäuschungen unserer Gesellschaft, dass sie, auf Information und Aufklärung, auf Kommunikationstechniken und Massenmedien setzend, Geheimnisse aufzulösen glaubt; sie erzeugt Geheimnisse im selben Maße, wie sie diese beseitigt."