Tipps für Topmanager

Ex-Telekom-Chef Ron Sommer über Machtverlust

25. Juli 2014
Ein Crash-Kurs in "normalem Leben" von der Ehefrau. Der Rücktritt als Chef der Deutschen Telekom war für Ron Sommer 2002 ein tiefer Einschnitt. Doch kurz vor seinem 65. Geburtstag wirkt der Manager zufrieden. Auch wenn ihn einige Entscheidungen seines Nachfolgers ärgern.
Ex-Telekom-Chef Ron Sommer im September 2006. Sein Abschied bei der Deutschen Telekom beschäftigt den Manager noch heute.
Ex-Telekom-Chef Ron Sommer im September 2006. Sein Abschied bei der Deutschen Telekom beschäftigt den Manager noch heute.
Foto: Telekom

Vom Hoffnungsträger zum Buhmann der Nation: In seinen sieben Jahren als Chef der Deutschen Telekom hat Ron Sommer alle Höhen und Tiefen erlebt. Kurz vor seinem 65. Geburtstag sprachen wir mit dem Manager über seine Verantwortung für den Niedergang der T-Aktie, die Schwierigkeiten des Machtverzichts und sein Leben nach der Telekom.

Herr Sommer, nach Ihrem Ausscheiden als Telekom-Chef vor 12 Jahren haben Sie sich in der Öffentlichkeit rar gemacht. Was tun Sie heute?

Ron Sommer: Das einzige, was ich aus der alten Zeit mitgenommen habe, ist mein Aufsichtsratsmandat bei der Münchener Rück. Ich bin außerdem Aufsichtsratsvorsitzender des größten russischen Telekommunikationsunternehmens, der MTS. Und in Indien sitze ich im Aufsichtsrat des Software-Entwicklers Tata Consultancy. Kaum jemand in Deutschland kennt das Unternehmen, aber es ist mit rund 75 Milliarden Dollar Börsenbewertung eines der wertvollsten Software-Unternehmen der Welt und steht mit seinen 300000 Software-Ingenieuren an der vordersten Front der digitalen Revolution. Da mitzumachen ist schon fast vergnügungssteuerpflichtig. Außerdem bin ich Aufsichtsrat eines indischen Mobilfunkanbieters.

Warum sind Sie so wenig in Deutschland aktiv?

Ron Sommer: Es war damals - zur Zeit meines Abgangs - schon eine sehr heftige Auseinandersetzung um meine Person und ich wollte nicht in eine Dauerdiskussion geraten. Darum habe ich mich erst einmal auf Dinge konzentriert, die mit Deutschland wenig zu tun hatten.

Die meisten Leute verbinden Ihren Namen vor allem mit dem Börsengang der T-Aktie. Nach dem Einbruch des Aktienkurses wurden Sie als Totengräber der Aktienkultur beschimpft. Zu Recht?

Ron Sommer: Wir hatten damals das Pech, dass wir uns mitten in einer Börsenblase befanden, die keiner erkannt hat. Aber in keinem anderen Land der Welt wurde dieses Thema so personalisiert. Was mich persönlich heute noch ärgert, ist, dass man nicht die unternehmerische Entwicklung der Telekom von einer Bundesbehörde zu einem erfolgreich global operierenden Telekommunikationsdienstleister bewertet hat, sondern sich ausschließlich auf die Entwicklung des Aktienkurses konzentriert hat. Als der Aktienkurs hochging, hat man mich bejubelt. Als er runterging, hat man gesagt, ich sei schuld.

Sie haben damals gesagt, die T-Aktie werde "so sicher wie eine vererbbare Zusatzrente" sein.

Ron Sommer: Ich glaube, dass ist einer der Sätze, die man mir in den Mund geschrieben hat. Ich glaube nicht, dass ich das gesagt habe. Das ist nicht meine Diktion. Allerdings: Meine Frau würde Ihnen auch bestätigen, dass ich mich an das eine oder andere nicht erinnern kann, woran ich mich erinnern sollte.

Im Juli 2002 sind Sie als Telekom-Chef zurückgetreten. Was ging da in Ihnen vor?

Ron Sommer: Am Tag der Aufsichtsratssitzung habe ich meine Familie gefragt, ob ich um meinen Posten kämpfen oder zurücktreten sollte. Mein einer Sohn sagte: Lass uns die Koffer packen und ab in die USA, ist doch viel schöner. Und der andere, der sehr sportlich orientiert ist, sagte: Du musst kämpfen und du musst gewinnen. Nach langem Kampf habe ich dann für mich beschlossen, dass es der richtigere Weg für die Telekom und für mich wäre zurückzutreten.

Wie haben Sie den Machtverlust verkraftet?

Ron Sommer: Das war sehr schwierig. Aber meine Frau hat mich immer geerdet und nach dem Abschied von der Telekom hat sie mir ein regelrechtes Down-to-earth-Programm verordnet. Wir sind zum Beispiel mit einer Low-Cost-Airline nach London geflogen. Ich kannte das ja gar nicht, bei der Sicherheitskontrolle das Sakko ausziehen zu müssen und abgetatscht zu werden. Das war gewöhnungsbedürftig. Und am Airport in London wartete keine Wagen, sondern sie hat mich zur U-Bahn geführt. Heute beherrsche ich alles, was ich brauche.

Was haben Sie mit der vielen freien Zeit angefangen?

Ron Sommer: Meine erste Entscheidung war, erst einmal ein Jahr keine Entscheidungen zu treffen. Ich war damals so emotional mit der Telekom verbunden, da war die Gefahr groß, eine falsche Entscheidung zu treffen. Da habe ich gesagt, du ziehst dich ein Jahr zurück und gehst einem Hobby nach, dem du immer nachgehen wolltest, aber nie nachgehen konntest. Das war die Fliegerei. Ich hab dann alle Fluglizenzen gemacht, die man so durcharbeiten konnte.

Als einer Ihrer größten Fehler als Telekom-Chef gilt der überteuerte Einstieg in den amerikanischen Mobilfunkmarkt. Das US-Geschäft war lange Jahre das größte Sorgenkind des Konzerns.

Ron Sommer: Die Kritik kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Die USA waren und sind ein Traummarkt. Es gibt nur wenige Wettbewerber. Der Fehler war, dass die Telekom nach meinem Weggang die USA ein paar Jahre massiv vernachlässigt hat, was Investitionen angeht. Das dürfen sie in der schnelllebigen Telekommunikationsbranche nicht. Ein anderer großer strategischer Fehler war der Rückzug vom russischen Markt, der Verkauf der Anteile an MTS. Das brachte zwar schnell Geld in die Kassen. Aber heute wären die Anteile doppelt so viel wert und strategisch wäre man viel weiter.

Und welchen Tipp haben Sie im Rückblick für Topmanager?

Ron Sommer: Meine Empfehlung ist, umgib dich mit jungen Leuten, die den Mut haben, einem 50-Jährigen zu sagen, wir sind eine Evolutionsstufe weiter als ihr und ihr macht da Fehler. Ich glaube es wäre auch gut, mehr jüngere Gesichter in den Aufsichtsräten zu haben. (dpa/rs)

Zur Person
Ron Sommer wurde am 29. Juli 1949 in Haifa (Israel) geboren. Er studierte Mathematik an der Universität in Wien und promovierte bereits im Alter von 21 Jahren. Später arbeitete er beim deutschen Computerbauer Nixdorf und im Sony-Topmanagement. Im Jahr 1995 übernahm er den Vorstandsvorsitz der Deutschen Telekom und brachte das Unternehmen an die Börse. Nach dem drastischen Einbruch des Börsenkurses trat er 2002 zurück.

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