Deutschland 2024

Fachkräftemangel: Ohne Asiaten geht es nicht

Alexander Freimark wechselte 2009 von der Redaktion der Computerwoche in die Freiberuflichkeit. Er schreibt für Medien und Unternehmen, sein Auftragsschwerpunkt liegt im Corporate Publishing. Dabei stehen technologische Innovationen im Fokus, aber auch der Wandel von Organisationen, Märkten und Menschen.
Deutsche Unternehmen jammern gerne über den Fachkräftemangel. Um Strategien dagegen sollen sich andere Institutionen kümmern. Oder die Asiaten. Dabei ist das Potenzial im deutschen Arbeitsmarkt noch immer gewaltig.
Arbeitsmarkt I: Arbeitgeber suchen nach Mitarbeitern, die mehr Erfahrung mitbringen.
Arbeitsmarkt I: Arbeitgeber suchen nach Mitarbeitern, die mehr Erfahrung mitbringen.
Foto: cio.de

Stockenten haben sich längst daran gewöhnt, dass auf ihren Teichen auch Mandarin-Ducks paddeln. Derweil diskutieren Arbeitsmarktexperten wie eh und je über den Mangel an qualifizierten Experten für die Datenverarbeitung. "Die EDV-Branche selbst könnte durch On-the-Job-Ausbildung geeigneter Hochschulabsolventen anderer Fachrichtungen erheblich zum Schließen des Fachkräftemangels beitragen", hieß es in der "Computerwoche" - vor 34 Jahren, 1980, in dem Jahr, als MicrosoftMicrosoft und IBMIBM einen Vertrag über die Entwicklung von MS-DOS abschlossen. Und 2014? Das Jahr war gerade einmal neun Tage alt, da forderte der Branchenverband Bitkom wieder: "Hightech-Unternehmen brauchen Zuwanderung." Alles zu IBM auf CIO.de Alles zu Microsoft auf CIO.de

Die Wette

Der vermeintliche FachkräftemangelFachkräftemangel hatte auch Ulrich Bäumer dazu veranlasst, mit dem CIO-Magazin im IT-Jahrbuch 2014 eine Wette einzugehen: "In zehn Jahren werden asiatische Dienstleister 15 Prozent der Wertschöpfung in deutschen Unternehmen erbringen", prognostizierte der Partner der internationalen Anwaltskanzlei Osborne Clarke. Obwohl ein bekanntes Problem, seien durchgreifende Lösungen für den Fachkräftemangel nicht in Sicht. Dies betreffe etwa die Ausbildung im Land, aber auch die Gewinnung von Fachkräften aus Nearshore- sowie Offshore-Regionen. Eine Folge der Entwicklung: die noch engere Einbindung asiatischer Dienstleister und der Aufbau eigener F&E-Abteilungen deutscher Unternehmen vor Ort in Asien. "Diese Einbindung wächst bis 2024 auf einen Anteil, der 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht", schätzt Bäumer. Alles zu Fachkräftemangel auf CIO.de

Recruiting in Deutschland schwierig

Bei einem deutschen BIP von 2736 Milliarden Euro im vergangenen Jahr würde sich ein Betrag von über 400 Milliarden Euro ergeben, der gemäß der Wette 2024 durch asiatische Dienstleister erbracht werden müsste. Nicht berücksichtigt ist dabei die Veränderung des BIP in dieser Zeitspanne. Laut Bitkom wird die gesamte IT-Branche in Deutschland 2014 auf ein Volumen von 76,8 Milliarden Euro kommen. Damit ist klar, dass die 15 Prozent nicht allein aus der IT stammen können. Das Erreichen der 400 Milliarden Euro hängt an allen Branchen. Entwicklungsingenieure anderer Fachgebiete müssen mitberücksichtigt werden.

Armin Trost ist sich sicher, dass Bäumer die Wette gewinnen wird: "Jedes Unternehmen hat Zielfunktionen, bei deren Besetzung es sich heute mit geeigneten Kandidaten sehr schwer tut", berichtet der Professor für HR-Management an der Hochschule Furtwangen, der zuvor für das weltweite RecruitingRecruiting der SAPSAP AG verantwortlich war. Zwar bekämen Firmen Bewerbungen von Ingenieuren und IT-Experten auf den Tisch, aber meist nicht in der gewünschten Breite oder mit der thematischen Spezialisierung: "Berater und Produkt-Manager sind womöglich noch verfügbar, aber spezialisierte Entwickler für Enterprise-Apps und SAP HANA sind selten." Daher werde Asien für deutsche Unternehmen immer wichtiger, sagt Trost, der beobachtet hat: "Zunehmend werden Entwicklungsleistungen ausgeschrieben und ausgelagert." Alles zu Recruiting auf CIO.de Alles zu SAP auf CIO.de

Fachkräftemangel ist nur ein Scheinriese

Gibt es den Fachkräftemangel tatsächlich? "Das ist ein Scheinriese", entgegnet Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Je näher man an das Problem rangeht, desto kleiner wird es. Stattdessen sollte die Frage dahingehend eingeschränkt werden, ob es einen Mangel an hoch qualifizierten Arbeitskräften gibt, die bereit sind, zu den angebotenen Löhnen zu arbeiten. "Bei der Beschäftigungsgruppe haben die Reallöhne zuletzt sogar abgenommen", argumentiert Brenke. Indizien dafür, dass es bei Ingenieuren und IT-Kräften ausgeprägte Knappheiten auf dem Arbeitsmarkt gibt, sieht DIW-Experte nicht. "Es ist ein Versuch, hoch qualifizierte Arbeitskräfte zu möglichst geringen Preisen zu bekommen."

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus Nürnberg ist die Forschungsstelle der Bundesagentur, und Anja Kettner leitet hier die IAB-Stellenerhebung. Laut ihren Untersuchungen verlaufen 41 Prozent der Stellenbesetzungen im IuK-Bereich schwierig, berichten die befragten Unternehmen. Das ist mehr als im Durchschnitt aller Wirtschaftsbereiche von 33 Prozent. "Aber es ist weniger als im Bereich Metallerzeugung, im Gastgewerbe und im Gesundheits- sowie Sozialwesen", schränkt Kettner ein. Zudem bedeute "offene Stelle" nicht, dass die Position nicht besetzt werden könne. "Man kann die offenen Stellen für die kommenden Jahre nicht linear fortschreiben", wie dies in der Wette geschehen sei. Kettners Bilanz: Bei Fachkräften gibt es einen Engpass und keinen Mangel.

Hausgemachte Probleme

Dass die Entwicklung oft hausgemacht ist - viele Anzeichen deuten darauf hin: "In den vergangenen Jahren beobachten wir in unseren Befragungen den klaren Trend, dass Unternehmen gerade für Ingenieure und IT-Fachkräfte immer mehr Stellen ausschreiben, bei denen längere Erfahrungen im jeweiligen Berufsfeld verlangt werden." Dieser Anteil belaufe sich inzwischen bei den Ingenieuren auf rund 70 Prozent. Mit gravierenden Folgen für Absolventen, die bei vielen interessanten Positionen noch vor dem Start aus dem Rennen genommen werden. "Berufseinsteiger haben es so eher schwerer, in die Bereiche IT und Engineering reinzukommen", berichtet Kettner. Um überhaupt berufliche Erfahrung nachweisen zu können, müssen Absolventen den Umweg über Werkverträge oder schlecht bezahlte Praktika wählen.

Arbeitsmarkt II: Sofort zu besetzende Stellen.
Arbeitsmarkt II: Sofort zu besetzende Stellen.
Foto: cio.de

Auch Sebastian Braun sieht noch viel Potenzial im deutschen Arbeitsmarkt. Der Leiter des Forschungsbereichs Globalisierung und Wohlfahrtsstaat am Institut für Weltwirtschaft (IfW) der Universität Kiel argumentiert mit der allmählich steigenden Erwerbstätigenquote der Älteren sowie der Frauenerwerbstätigkeit, die in Ländern wie Schweden wesentlich höher ist als in Deutschland. "Da sind in erster Linie die Unternehmen gefordert", sagt Braun. Dabei verweist er auf eine IAB-Untersuchung, wonach derzeit nur sieben Prozent der Betriebe Ältere an Weiterbildungsmaßnahmen beteiligen. Besonders niedrig ist dieser Anteil bei kleinen und mittleren Betrieben. Und nur jede hundertste Firma hat spezifische Weiterbildungsangebote für Ältere.