Verordnete Funkstille

Firmen gehen gegen E-Mails nach Feierabend vor

02. Dezember 2013
E-Mail-Flut nach Dienstschluss. Bei vielen Arbeitnehmern füllen berufliche E-Mails auch in ihrer Freizeit die Postfächer. Einige Unternehmen haben das Problem erkannt - und kappen die Server ab.

Bei immer mehr Mitarbeitern im Volkswagen-Konzern gibt das Smartphone nach Feierabend weitgehend Ruhe. Der E-Mail-Server für die mobilen Geräte leitet außerhalb der Kernarbeitszeiten keine Nachrichten mehr weiter. In Randzeiten, am Wochenende und an Feiertagen werden dadurch mittlerweile 3500 Beschäftigte, zum Beispiel Ingenieure und Entwickler, von dienstlichen E-Mails verschont. Kein nörgelnder Chef, keine quengelnden Kunden - zumindest in der Freizeit. Ein Schritt, der dem neuen IG-Metall-Chef Detlef Wetzel gefallen dürfte. Er setzte das Thema jetzt wieder auf die Tagesordnung. Wetzel sieht auch die Politik in der Pflicht, der ständigen Erreichbarkeit nach Feierabend ein Ende zu setzen.

Der Arbeitspsychologe Tim Hagemann von der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld hält solche E-Mail-Sperren für sinnvoll. Wenn ein Arbeitnehmer ständig erreichbar sei, könne das ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. "Wenn man im Beruf Probleme lösen muss, schaltet das Gehirn automatisch auf Hochleistungsmodus", erklärt der Experte. Andere Ressourcen würden dafür allerdings zurückgefahren, zum Beispiel die Magen-Darm-Funktion und das Immunsystem. Wer permanent für den Chef im Standby-Modus sei, der sei deshalb besonders anfällig für Stresserkrankungen. Magengeschwüre, Bluthochdruck, aber auch eine hartnäckige Erkältung könnten stressbedingt sein.

Viele Unternehmen haben das Problem inzwischen erkannt und versuchen, die Freizeit ihrer Mitarbeiter besser zu schützen. Bei der Telekom haben sich alle leitenden Angestellten verpflichtet, ihren Mitarbeitern nach Dienstschluss, am Wochenende und im Urlaub keine E-Mails hinterher zu schicken. "Wir wissen, was so eine Nachricht nach Feierabend für E-Mail-Kaskaden auslösen kann. Viele Dinge können genauso gut am nächsten Tag geklärt werden", sagt ein Telekom-Sprecher. Wenn sich bereits während der Arbeitszeit andeute, dass es noch Absprachebedarf nach Feierabend geben könnte, müsse die Erreichbarkeit vorher vereinbart werden.

Auch der Autohersteller Daimler will die E-Mail-Flut eindämmen. In einem Pilot-Projekt konnten einige Mitarbeiter bereits an Ostern und in den Sommerferien ihr Postfach so einstellen, dass E-Mails, die sie im Urlaub erreichen, automatisch gelöscht werden. Der Absender erhielt einen Hinweis und eine Abwesenheitsnotiz, in dem ein Vertreter genannt wurde. "Derzeit werden die Voraussetzungen dafür auch in anderen Bereichen geschaffen", sagt ein Daimler-Sprecher. Wann allerdings alle Mitarbeiter in den Genuss der E-Mail-freien Freizeit kommen, ist noch unklar. Das Vorhaben hatte Daimler Ende vergangenen Jahres angekündigt.

Arbeitspsychologe Hagemann warnt allerdings vor starren Verboten. Für viele Arbeitnehmer erleichtere es das Familienleben, wenn sie auch nach Feierabend noch an ihre E-Mails kommen. "Dann werden erst die Kinder ins Bett gebracht und dann können sich die Eltern noch einmal in Ruhe einem wichtigen Projekt widmen. Viele können vorher gar nicht richtig abschalten", meint Hagemann.

Für global arbeitende Unternehmen sei es außerdem oft schwierig, überhaupt Termine für Telefonkonferenzen zu finden, die nicht außerhalb der regulären Arbeitszeit liegen, sagt der Experte. Der Industriekonzern Siemens verzichtet deshalb ganz auf besondere E-Mail-Regeln nach Feierabend. "Im Rahmen des betrieblich Möglichen und der gesetzlichen Bestimmungen sollten Mitarbeiter selbst entscheiden können, wann sie moderne Arbeitsmedien nutzen und wann sie diese abschalten", heißt es aus dem Unternehmen.

Wissenschaftler Hagemann sieht die ständige Erreichbarkeit ohnehin als Problem, das vor allem Führungskräfte betrifft. Je höher man in der Hierarchie aufsteige, desto eher müsse man sich an Mail-Verkehr nach Feierabend gewöhnen. Auch die strenge Regelung bei VW gilt nur für Tarifbeschäftigte - nicht für Führungspersonal. (dpa/rs)

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