"Ich knabbere am Compliance-Wahn"

Fünf Fragen, ein CIO

16. Juli 2009
Von Christa Manta
Im Gespräch mit Werner Degenhardt, CIO der Fakultät für Psychologie und Pädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Werner Degenhardt freut sich über die Möglichkeiten des Data Mining und ärgert sich über Compliance-Wahn und Überregulierung in der IT.
Werner Degenhardt freut sich über die Möglichkeiten des Data Mining und ärgert sich über Compliance-Wahn und Überregulierung in der IT.


1. Welches Thema aus dem Bereich BI fasziniert sie gerade?
Degenhardt: Ich interessiere gerade mich für die Aspekte des Data Mining. Unsere Kognitions- und Lernforscher am "Munich Center of the Learning Sciences" und am "Munich Center for Neurosciences" erheben sehr viele Daten. Das sind in hohem Maße unstrukturierte Text- und Bilddaten, die mit den üblichen Methoden nicht analysiert werden können. Wir wollen zum Beispiel wissen, wie das Gehirn funktioniert und machen mithilfe von bildgebenden Verfahren Aufnahmen - etwa davon, wie das Gehirn auf bestimmte Reize reagiert. Diese Bilder versuchen wir nun mit Data-Mining-Werkzeugen zu analysieren. Wir passen sozusagen die Tools der gängigen Anbieter für wissenschaftliche Zwecke an.

2. Welches Thema bereitet Ihnen Kopfschmerzen?
Degenhardt: Im Wesentlichen knabbere ich am Compliance-Wahn oder an der Überregulierung im Bereich der Informationstechnik. Bis heute ist ja die IT eine Disziplin, in der man schlecht definierte Probleme in den Griff bekommen und Lösungen für das Business finden muss. So wie die Compliance-Debatte geführt wird, erschwert es die Sache nur. Denn sie basiert auf Verboten, formuliert nur das, was man nicht darf. Was wiederum bei den Beteiligten zu einer "Cover your Ass"- Strategie führt. Dieser Begriff kommt aus dem Militärjargon und heißt frei ins Deutsche übersetzt: "Wer nichts macht, macht auch keinen Fehler."

3. Wie sieht Ihr Job in 20 Jahren aus?
Degenhardt: In 20 Jahren lebe ich auf einem kleinen Landstrich zwischen Pazifik und Gebirge, im südlichen Teil von Chile. Denn da bin ich schon in Rente. (lacht) Generell halte ich es für vermessen, die Frage zu beantworten. Ich kann mich nämlich an den Chef einer Weltfirma erinnern, der einst prophezeite: "640 KB should be enough for anyone." 640 KB (Arbeitsspeicher) sollten genug für jedermann sein.

4. Welches Buch lesen Sie gerade beruflich? Und privat?
Degenhardt: Für den Beruf lese ich gerade die "Bushido. Die sieben Tugenden des Samurai" von Inazo Nitobe. Da geht es um: Ehre, Mut, Aufrichtigkeit, Loyalität, Gerechtigkeit, Höflichkeit und Menschlichkeit. Und jetzt fragen Sie mich wahrscheinlich, was das mit meinem Beruf zu tun hat? IT-Projektarbeit ist zu 80 Prozent Menschenführung und nicht Technik. Ich will motivieren und nicht verbieten.
Privat lese ich einen Kriminalroman von Domingo Villar: Ojos de agua (Wasserblaue Augen).

5. Wofür hätten Sie gerne mehr Zeit?
Degenhardt: Diese Frage kann ich mithilfe einer Karte beantworten, die mir meine liebe Frau geschenkt hat. Die Karte zeigt zwei Männer in einem Kanu, die auf einem See paddeln. Der eine sagt zu dem anderen: "Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme so selten dazu."

Kommentare zum Artikel

comments powered by Disqus
Zur Startseite