Manager in Philosophie-Seminaren

Hegel für den Vorstand

Holger Eriksdotter ist freier Journalist in Hamburg.
Klaus-Jürgen Grün, Privatdozent an der Universität Frankfurt, bietet Philosophieseminare für Führungskräfte an. Sie sollen den Kern einschlägiger philosophischer Positionen für den Berufsalltag nutzbar machen.

Bildungslücken zu schließen oder die rhetorischen Fähigkeiten zu verbessern ist nicht das Ziel der Seminare von Klaus-Jürgen Grün (www.philkoll.de). Philosophische Methoden bergen nach Überzeugung des Privatdozenten das Potenzial zum kritischen Umgang mit Informationen, fördern Argumentationsfähigkeit und reflektiertes Selbstbewusstsein und sind besonders für Menschen hilfreich, die mit Ungewissheit und Fehlschlägen umgehen müssen. Das treffe für Manager in hohem Maße zu.

Wer bei Philosophie an langweilige Vorlesungen über Kant, Hegel oder Schopenhauer denkt, liegt bei Grün falsch: "Die klassischen Methoden der philosophischen Wissensaneignung sind auf einen innerakademischen Zirkel zugeschnitten", räumt der 47-Jährige ein. Deshalb stützt er sich auf modernere Methoden des Jesuitenpaters und Managertrainers Rupert Lay.

Investition in die geistige Fitness

Thomas Müller-Kirschbaum, Leiter Forschung und Entwicklung im Bereich Laundry & Home Care bei Henkel, will bei Grün ein Inhouse-Seminar für sich und seine Top-Manager buchen. Thema: Einführung in die philosophische Dialektik. "Wir waren von einem Vortrag über Ethik, den Dr. Grün vor Führungskräften gehalten hat, so begeistert, dass wir spontan beschlossen haben, uns weiter damit zu beschäftigen." Müller-Kirschbaum will nicht nur die eigene Argumentations- und Kritikfähigkeit verbessern und lernen, noch präziser zu formulieren. Auch die intellektuelle Auseinandersetzung mit seinen Kollegen über andere als geschäftliche Themen findet er wichtig. "Wir geben ja auch Geld für die körperliche Fitness der Mitarbeiter aus. Das Seminar sehe ich als Investition in die geistige Fitness." Natürlich auf freiwilliger Basis, aber dennoch mit großer Resonanz bei den Managern.

Im Zentrum der eintägigen Seminare steht meist ein philosophischer Grundlagentext, etwa Feuerbachs Religionskritik, den sich die Teilnehmer über Diskussion und Videoaufzeichnungen des Argumentationsverlaufs aneignen. "Ich übernehme nicht die Rolle des Dozenten, sondern die des Moderators und gebe Hilfestellungen", sagt Grün. Ohne Erklärung, dessen ist er sich bewusst, sind die Texte der Klassiker kaum zu verstehen. Trotzdem enthalten sie für ihn einen zeitlosen Gegenwartsbezug, der sich unter Anleitung erschließen lasse. "Anders als in Strategieseminaren verkaufe ich nicht Patentrezepte oder Ideen, sondern ich vermittle die Erfahrung, dass intellektuelle Anstrengung sich auszahlt - und zudem Spaß macht."

Klaus-Jürgen Grün, Privatdozent Universität Frankfurt „Kernstück der Seminare ist es, eigene Denkbewegungen verbal präzise und klar umzusetzen.
Klaus-Jürgen Grün, Privatdozent Universität Frankfurt „Kernstück der Seminare ist es, eigene Denkbewegungen verbal präzise und klar umzusetzen.

Das bestätigt ihm auch Kursteilnehmer Thomas Pallasky, Geschäftsbereichsleiter eines großen Bankhauses. Besonders der praktische Ansatz in der Darbietung habe ihn beeindruckt. "In einer Welt zunehmender Orientierungslosigkeit kann die Beschäftigung mit philosophischen Grundpositionen durchaus Bezugspunkte für das eigene Handeln liefern", so der Manager. Ihm habe das Seminar Denkanstöße auch zu seiner Rolle als Führungspersönlichkeit vermittelt. Voraussetzung sei allerdings die grundsätzliche Bereitschaft, sich mit dem eigenen, selbstverantworteten Wertesystem auseinander zu setzen.

Seiner Klientel stellt der habilitierte Philosoph Grün gute Noten aus: Die meist betriebs- oder naturwissenschaftlich vorgebildeten Teilnehmer hätten keine Probleme, sich auch schwierigste philosophische Konzepte argumentativ zu erschließen. Neben den eintägigen Seminaren leitet er 20-monatige Kurse, die solide philosophische Grundkenntnisse vermitteln. Gut 30 Manager nehmen zurzeit daran teil. Grün: "Wer denkt, wehrt sich gegen die Selbstverständlichkeit." Und das kommt sicher auch Managern zugute.

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