Digitalisierung und Industrie 4.0

In 8 Schritten zur bimodalen IT

03. Juni 2016
Frank Ridder ist Managing VP bei Gartner Research und leitet ein globales Analysten-Team im Bereich IT-Services-Sourcing. Als Analyst unterstützt er zudem Gartners Kunden in allen Phasen des Sourcing-Zyklus für IT-Dienstleistungen, einschließlich der Bereiche Rechenzentrum, Endanwender-Services und Sourcing sowie übergreifende Themen wie Cloud, Industrie 4.0 und Service-Integration. Herr Ridder ist zudem Research-Leiter für Deutschland, Österreich und die Schweiz.
Um mit Digitalisierung und Industrie 4.0 erfolgreich zu sein, müssen sich IT-Abteilungen zur "bimodalen IT der zwei Geschwindigkeiten" transformieren. Acht Handlungsfelder sind dabei zu berücksichtigen.

1. März 2016 – Die Firma Katjes gewinnt in London den World Food Innovation Award 2016 in der Kategorie Süßwaren von FoodBev Media. Den Preis bekommt Katjes für seine "Magic Candy Factory", einen 3D-Drucker der 15 bis 20 Gramm schwere Fruchtgummis in circa fünf Minuten drucken kann.

Beispiele wie dieses gibt es viele. Unternehmen in allen Branchen experimentieren mit der Digitalisierung von Wertschöpfungsketten, im Sinne von Industrie 4.0 sogar über Unternehmensgrenzen hinweg. Dabei sind die Projekte meist evolutionärer Natur - selten revolutionär. Primär geht es darum, das klassische Geschäft mit neuen Services oder Produkten zu erweitern und so der Konkurrenz davonzueilen.

IT-Abteilungen müssen sich verändern, wenn sie die Digitalisierung vorantreiben wollen.
IT-Abteilungen müssen sich verändern, wenn sie die Digitalisierung vorantreiben wollen.
Foto: nmedia - shutterstock.com

Dadurch entsteht etwas, was wir bei Gartner ein bimodales Business nennen. Das ist ein Unternehmensmodus, der für Stabilität und Effizienz steht, und einer, der mit Hilfe von Digitalisierung und Industrie 4.0 neue Geschäftsfelder erarbeitet. Bimodales Business braucht bimodale Funktionen, die es unterstützen - es braucht eine bimodale IT.

Bimodale IT für Industrie 4.0

Bimodale IT, oder auch "IT der zwei Geschwindigkeiten", erweitert den klassischen Wertbeitrag der IT und unterstützt die Geschäftseinheiten mit einem agilen und innovativen zweiten Modus sowie teilweise auch mit neuen externen Partnerschaften. Viele IT-Abteilungen bauen diesen neuen Modus separat auf, um nicht allzu disruptiv mit dem vorhandenen Modus umzugehen. Dies ist aber nicht zwingend notwendig. Um eine bimodale IT aufzubauen empfiehlt es sich, die folgenden Attribute einmal genauer zu betrachten und damit die Erweiterung des IT-Fokus zu planen:

Fokus für Modus 1

Attribut

Fokus für Modus 2

Verlässlichkeit

Ziel

Schnelligkeit

Preis für Leistung

Wert

Marke, Kundenerfahrung

Wasserfall-Methoden

Ansatz

Agile Methoden

Planung, Genehmigung

Governance

Empirisch, dynamisch

Traditionell, lange Laufzeit

Beschaffung

Start-Ups, kurze Laufzeit

Gut im Konventionellen

Talente

Gut im Neuen, Unsicheren

IT-zentrisch, kundenfern

Kultur

Business- und kundennah

Monate

Zyklen

Wochen, Tage

Um den Fokus der IT zu erweitern braucht man Veränderungen. IT-Abteilungen müssen sich transformieren. In meiner Arbeit mit Kunden im Industrie-4.0-Umfeld begegnen mir immer wieder acht Handlungsfelder, die CIOs bearbeiten, um bimodal zu werden. Um diese darzustellen, möchte ich noch ein weiteres Beispiel bemühen.

22.04.2015 - DHL Paket, Amazon Prime und Audi starten ein Projekt in Deutschland, das Kunden die Möglichkeit geben soll, Pakete bequem im eigenen Fahrzeug zu empfangen, egal an welchem Ort.

Paketzustelllung im Auto – bald Realität?
Paketzustelllung im Auto – bald Realität?
Foto: DHL

Um ein solches Projekt firmenübergreifend möglich zu machen, müssen die IT-Abteilungen verschiedene Felder bearbeiten:

  1. Modernisierung: Für CIOs in einem solchen Projekt stellt sich zunächst die Frage, inwieweit die eigene IT die Anforderung an eine moderne IT erfüllen und problemlos neue Applikationen betreiben kann. Viele Unternehmen arbeiten heute noch im Mode 0 und müssen erst einmal die Grundvoraussetzungen für digitale Projekte schaffen.

  2. IT-Hybride: Um den Datenaustausch zwischen Unternehmen zu ermöglichen, wie hier zwischen DHL Paket, Amazone Prime und Audi, bedienen sich Unternehmen häufig der Cloud. Sie ist schnell verwendbar, vor allem aber ist sie skalierbar. Ist das Projekt erfolgreich, benötigt man schnell viele IT-Ressourcen.

  3. Sicherheit: Solche IT-Hybride, die traditionelle IT mit der Cloud und anderen Modellen kombinieren, bedeuten mehr Offenheit, aber auch eine verstärkte Angreifbarkeit. CIOs müssen sich darauf einstellen. Das Thema Sicherheit muss zudem unternehmensübergreifend und im Sinne der Gesamtlösung betrachtet werden.

  4. Kollaboration: In diesem Beispiel müssen drei Unternehmen Hand in Hand an einer Lösung arbeiten, und zwar sowohl auf der IT- als auch auf der Business-Ebene. Speziell in Deutschland,wo noch sehr viele Unternehmen in relativ starren Silos organisiert sind, ist das nicht immer einfach. Auch hier muss die Transformation hin zu einer bimodalen IT ansetzen.

  5. Beschaffung: Das nächste Handlungsfeld ist die Beschaffung. Welche Partner unterstützen das neue Ökosystem? Wie pflegt man diese Partnerschaften firmenübergreifend? Wie können die Partner dazu beitragen, einen neutralen Boden zwischen den Unternehmen zu schaffen?

  6. Innovation: Ein sehr spannendes Handlungsfeld ist die Innovation. Im genannten Beispiel müssen die Daten von Amazon in das mobile Gerät des DHL-Mitarbeiters übertragen werden und das Auto muss zum richtigen Zeitpunkt den Kofferraum öffnen. An solchen Lösungen müssen die Partner zusammen arbeiten, sie müssen gemeinsam Innovation betreiben.

  7. Mitarbeiter: In einem weiteren Schritt ist es wichtig, die Mitarbeiter auf die neue Lösung, aber auch auf die Partnerschaft hin zu schulen. Denn speziell in einem Beispiel wie dem genannten ist der Mitarbeiter eine ganz wesentliche Sicherheitskomponente.

  8. Agilität: Mittlerweile gibt es ähnliche Projekte, zum Beispiel von Volvo. Sollte die Lösung auf starkes Kundeninteresse stoßen, haben Unternehmen, die als erste am Markt sind, einen First-Mover-Vorteil - Agilität zahlt sich aus.