Strategien


Chancen und Hindernisse

Industrie 4.0 wird erst mal teuer

19. Februar 2014
Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Trotz noch vieler Probleme sehen die Analysten von der Deutschen Bank sehr gute Chancen für deutsche Unternehmen bei Industrie 4.0.

"Industrie 4.0Industrie 4.0 wird den Industriestandort Deutschland upgraden." Diese Behauptung kommt von der Deutschen Bank. Die Research-Abteilung des Geldinstituts nimmt in dem Papier "Industrie 4.0" eine Standortbestimmung vor. Stark vereinfacht, liest sich diese so: Noch hemmen technologische, rechtliche und menschliche Probleme die Entwicklung. Sind diese überwunden, haben insbesondere deutsche Unternehmen gute Wachstumschancen. Alles zu Industrie 4.0 auf CIO.de

DB Research stützt das auf den hohen Wertschöpfungsanteil Deutschlands in der EU, er lag 2012 nach den Daten von Eurostat bei 31 Prozent. Es folgen Italien mit dreizehn und Frankreich mit zehn Prozent. Deswegen und weil Industrie 4.0 auf den engen Austausch von Elektrotechnik, Maschinenbau und IT setzt, hat die Bundesrepublik gute Perspektiven. DB Research spricht von Deutschland als "Fabrikausrüster der Welt".

Eine Schwierigkeit beginnt jedoch schon bei der Definition. Diese mäandert zwischen Big DataBig Data, Cloud ComputingCloud Computing, Cyber-Physical-Systems, RFID-Funkchips, Ressourceneffizienz, Internet der Dinge und Dienste, Machine-to-Machine-Kommunikation und Smart X. Dabei schließt DB Research nicht aus, dass unpräzise Begrifflichkeiten durchaus von Marketing-Abteilungen gewollt sind - sie schüren hohe Erwartungen. Alles zu Big Data auf CIO.de Alles zu Cloud Computing auf CIO.de

Die Analysten der Bank sorgen sich eher um die daraus resultierenden Enttäuschungen. Sie halten es für möglich, dass der Begriff Industrie 4.0 "bereits in wenigen Jahren vergessen ist". Die technologische Entwicklung aber werde sich auf jeden Fall durchsetzen.

Kommunikation in der Smart Factory

Die Deutsche Bank verdeutlicht den Begriff am Beispiel der intelligenten Fabrik (Smart Factory). Die Smart Factory "steuert die schnell steigende Komplexität und steigert darüber die Effizienz in der Produktion. In der Smart Factory kommunizieren Menschen, Maschinen und Ressourcen unmittelbar miteinander", schreibt DB Research. Intelligente Produkte "kennen ihren Herstellungsprozess und künftigen Einsatz". Diese intelligente Fabrik verfügt über Schnittstellen zu Smart Mobility, Smart Logistics und Smart Grid.

Die Vorteile dessen liegen für die Analysten auf der Hand. Geschäftsprozesse können über die Vernetzung dynamischer gestaltet werden. Unternehmen können die Time-to-market verkürzen, weil sie relevante Daten medienbruchfrei und standortübergreifend nutzen. Sie produzieren auch kleine Auflagen schnell und kostengünstig, das heißt, sie können individuelle Kundenwünsche umsetzen und im Business-to-Business-Bereich nachgelagerte Dienste anbieten. Nicht zuletzt bieten sie ihren Arbeitnehmern zeitliche und räumliche Flexibilität an.

Zudem sieht die Deutsche Bank Kostensenkungspotenzial. Dies gilt für Kapital-, Energie- und Personalkosten.

DB Research schreibt der zunehmenden Automatisierung in Entwicklung und Fertigung denn auch großes Marktpotenzial zu. Siemens hat ausgerechnet, dass der Maschinen- und Anlagenbau 2011 weltweit 2,1 Billionen Euro erwirtschaftete. Dabei kam allein das Subsegment Automatisierung auf 350 Milliarden Euro, das entspricht mehr als einem Sechstel.

Dennoch steckt die Marktentwicklung in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Lediglich rund jeder dritte größere Fertiger (35 Prozent) und knapp jedes zweite High-Tech-Unternehmen (47 Prozent) können den Begriff Industrie 4.0 konkret verorten.

Hohe Erwartungen und hohe Kosten

DB Research warnt davor, dieses Thema mit zu hohen Erwartungen anzugehen. Denn bevor die positiven Effekte einsetzen, schlägt Industrie 4.0 mit Kosten zu Buche. Es fallen "deutliche Investitionen" für Beratung, Schulung, Soft- und Hardware an - und für eine "fundamentale Re-Organisation", wie die Analysten schreiben. Der Gesamteffekt auf die Kosten sei "nur schwer und sicherlich auch erst in vielen Jahren belastbar empirisch abzuschätzen".

Die Deutsche Bank hat sich angesehen, welche Faktoren Industrie 4.0 bremsen. Das sind zum einen technologische Fragen wie das Fehlen anerkannter Standards. Der Datenaustausch in der Wertschöpfungskette setzt voraus, dass Infrastrukturen und Prozesse abgleichbar, Schnittstellen und Protokolle klar definiert sind. Bisher aber schließen sich proprietäre Systeme oft gegenseitig aus.

ITler reden anders als Maschinenbauer

Zum anderen benennt DB Research Probleme im Zwischenmenschlichen. Maschinenbauer, Elektrotechniker und Informatiker pflegten unterschiedliche Kulturen. Während man in Maschinenbau und Elektrotechnik lange Absprachen und Gremienarbeit schätze, hielte die IT davon wenig.

Nicht zuletzt geht es auch um rechtliche Fragen. So müssen Unternehmen beim Austausch kritischer Daten über die EU hinaus prüfen, ob rechtliche Vorgaben eingehalten werden. In anderen Rechtsräumen bestehen völlig andere Regelungen hinsichtlich DatenschutzDatenschutz und Datensicherheit, insbesondere auch für staatliche Zugriffsmöglichkeiten, wie die Deutsche Bank betont. Alles zu Datenschutz auf CIO.de

Nichtsdestoweniger ist der Ausblick von DB Research optimistisch. Deutschland sei und bleibe auf absehbare Zeit ein industrielles Schwergewicht. Es gebe hierzulande jede Menge sogenannter Hidden Champions, unbekannte Spezialisten also, die in ihrer Nische Weltmarktführerschaft erreicht haben. Industrie 4.0 sei daher mit guten Aussichten verbunden, ob nun unter diesem Begriff oder einem anderen.

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