Preisentwicklung

Inflationsraten bleiben niedrig

12. November 2015
Verbraucher können deutlich günstiger heizen und tanken als vor einem Jahr. Das stärkt ihre Kaufkraft. Absehbar dürfte sich daran nicht viel ändern: Experten weiterhin mit niedrigen Inflationsraten.
Die Inflationsraten bleiben niedrig. Die Folge: Autofahrer beispielsweise können günstiger tanken.
Die Inflationsraten bleiben niedrig. Die Folge: Autofahrer beispielsweise können günstiger tanken.
Foto: McIek - shutterstock.com

Der Preisauftrieb in Deutschland hat im Oktober etwas angezogen - allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen im Euroraum quasi abgeschafft hat und unfassbar viel Geld in die Märkte pumpt, bleibt die Inflation im Keller. Und das seit Jahren.

Wie hat sich die Inflation zuletzt entwickelt?

Im Oktober stiegen die Verbraucherpreise auf Jahressicht um 0,3 Prozent, nachdem sie im September stagniert hatten. Das Statistische Bundesamt bestätigte am Donnerstag vorläufige Zahlen. Zwar waren Haushaltsenergie und Kraftstoffe noch immer wesentlich günstiger als ein Jahr zuvor, der Preisrückgang schwächte sich aber etwas ab. Und: Für Nahrungsmittel mussten Verbraucher 1,6 Prozent mehr bezahlen als vor Jahresfrist, im Vormonat waren es nur 1,1 Prozent mehr.

Wer profitiert von dem schwachen Preisauftrieb?

Autofahrer können günstiger tanken, die eigenen vier Wände heizen ist billiger. "Der Rückgang der Rohstoffpreise führt zu erheblichen Kaufkraftgewinnen", sagt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Denn so bleibt mehr Geld für andere Dinge übrig. Das stärkt den privaten Konsum, der im Moment die wichtigste Stütze der deutschen Konjunktur ist. Und: Bei Arbeitnehmern bleibt von der Gehaltserhöhung mehr übrig, Rentner haben real mehr vom Rentenplus zur Jahresmitte.

Was ist schlecht an einer Mini-Inflation?

Zu geringe Preissteigerungen oder gar sinkende Preise können die Konjunktur abwürgen, weil Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen und Investitionen aufschieben - schließlich könnte es ja bald noch billiger werden. Daher hat die EZB ihr Inflationsziel auf knapp unter 2,0 Prozent gesetzt. Ein solcher Wert ist aus Sicht der Währungshüter weit genug von der Nulllinie entfernt - und baut der Gefahr einer Deflation vor, also einem Preisverfall über einen längeren Zeitraum quer durch alle Warengruppen. Auch Schuldner leiden unter einer geringen Inflation, wie EZB-Vize Vítor Constâncio betont. Denn so steige die reale Last des Schuldendienstes.

Welche Folgen hat die niedrige Inflation für Sparer?

Wer sein Geld aufs Sparbuch legt, nimmt Tiefstzinsen in Kauf. Denn um den Preisauftrieb zu stärken, hat die EZB hat den Leitzins fast auf Null gesenkt. Nach Berechnungen mehrerer Banken haben die deutschen Privathaushalte so seit 2010 Milliarden verloren - selbst wenn die Vorteile geringerer Kreditzinsen etwa beim Hauskauf gegengerechnet werden. Die Bundesbank hält dagegen: Die realen Renditeeinbußen seien dank der mickrigen Inflation gar nicht so groß, wie man angesichts der niedrigen Zinsen denken könnte. Und: Da die Menschen auch renditestärkere Aktien, Investmentfonds oder Lebensversicherungen hielten, falle die Bilanz insgesamt sogar positiv aus. Über alle Anlageformen der Haushalte hinweg lag die durchschnittliche Rendite laut Bundesbank zwischen 2008 und 2015 bei 1,5 Prozent.

Sind sinkende Ölpreise nicht im Grunde gut für die Konjunktur?

Sind sie. Genauso wie Verbraucher mehr Geld für den Konsum übrig haben, können viele Unternehmen billiger produzieren, weil sie weniger für Energie und Rohstoffe ausgeben müssen. So wirkt ein sinkender Ölpreis wie ein kleines Konjunkturprogramm. EU-Vizekommissionschef Valdis Dombrovskis sagt, das Wachstum werde derzeit hauptsächlich von niedrigen Ölpreisen, einem schwächeren Euro und der konjunkturfreundlichen Geldpolitik der EZB gestützt.

Was tun die Währungshüter gegen die Mini-Inflation?

Seit März kauft die EZB pro Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen und andere Wertpapiere, das Billionenprogramm läuft mindestens bis September 2016. Das Geld soll über Banken als Kredite bei Unternehmen und Verbrauchern ankommen und Konsum wie Investitionen beflügeln. Im Idealfall treibt das Konjunktur und Inflation an. "Wir können und müssen das Vertrauen stärken, dass die Inflation wieder in die Nähe von zwei Prozent rücken wird", betonte EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré im "Welt"-Interview. "Wir wissen, dass niedrige Zinsen auch negative Auswirkungen haben - insbesondere auf die Ersparnisse. .. Wir möchten den aktuellen geldpolitischen Kurs nicht zu lange beibehalten, aber es ist unsere Aufgabe, ihn so lange fortzuführen wie nötig."

Wirkt das viele Geld?

Bis jetzt eher nicht. Im Oktober stagnierten die Verbraucherpreise im Euroraum auf Jahressicht. Und auch die Inflationserwartungen seien gesunken, obwohl sie durch das in Umlauf gebrachte Zentralbankgeld eigentlich steigen müssten, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer: "Das ist eine desaströse Bilanz." Ein unvoreingenommener Beobachter würde daher erwarten, dass die EZB die "kontraproduktiven Anleihekäufe" einstellt. Stattdessen hat EZB-Präsident Mario Draghi die Märkte auf eine Aufstockung des Kaufprogramms vorbereitet.

Wie geht es weiter mit der Inflation?

Nach Einschätzung der EZB wird die Inflationsrate zunächst negativ oder niedrig bleiben und erst zum Jahreswechsel steigen. Das hänge vor allem mit Basiseffekten zusammen: Der Absturz der Ölpreise begann schon Ende 2014. Für 2016 und 2017 wird eine weitere Zunahme der Inflation erwartet - getragen von der Konjunkturerholung, der Euro-Abwertung und den etwas höheren Ölnotierungen. (dpa/rs)

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