Verlierer Mensch?

Intelligente Systeme als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt

Jan-Bernd Meyer betreut als leitender Redakteur Sonderpublikationen und -projekte der COMPUTERWOCHE. Auch für die im Auftrag der Deutschen Messe AG publizierten "CeBIT News" ist Meyer zuständig. Inhaltlich betreut er darüber hinaus Hardware- und Green-IT- bzw. Nachhaltigkeitsthemen sowie alles was mit politischen Hintergründen in der ITK-Szene zu tun hat.   
Über eines sind sich nahezu alle Experten einig: Mit Trends wie dem Internet of Things, Cognitive Computing oder zukunftsweisender Robotik hat die vierte industrielle Revolution begonnen. Damit endet aber auch schon die Übereinstimmung.

Was bedeutet es, wenn intelligente und selbstlernende Systeme in die Arbeitsprozesse integriert werden? Naht das Ende der Arbeitswelt, so wie wir sie kennen? Und was heißt das für unsere Gesellschaft? Darüber wird zunehmend diskutiert.

Während die einen die intelligenten Systeme als Arbeitsplatzvernichter geißeln, winken die anderen genervt ab. Schon immer hätten technische Entwicklungen neue Geschäfts- und Produktionsweisen befördert. Dabei seien zwar angestammte Arbeitsplätze verloren gegangen, dafür aber neue Beschäftigungsfelder entstanden.

Abgehängt vom Computer

Der Kampf Mensch gegen Maschine hat die Phantasie schon zu Zeiten Charlie Chaplins angeregt. Der Showdown zwischen Homo sapiens und seinem digitalen Geschöpf ist im vollen Gange. 1996 gewann IBMs Superrechner "Deep Blue" zum ersten Mal eine Partie gegen den amtierenden Schachweltmeister Garry Kasparow. Diskussionen über die angebliche Macht der Computersysteme waren die Folge.

Im Februar 2011 hatte wieder ein IBM-Rechner, dieses Mal "Watson", die prominentesten Gewinner der amerikanischen Quiz-Sendung "Jeopardy" besiegt. Hier war schon nicht mehr so leicht zu erklären, warum ein Rechner das Prinzip der Sendung - auf natürlichsprachliche Antworten galt es die passenden Fragen zu finden - besser beherrschte als der menschliche Kandidat. Frappierender war, dass Watson auch ironische Wendungen interpretieren konnte.

Im März 2016 kam es wieder zum Showdown Mensch gegen Maschine. Da maß sich eine Software der Google-Tochter Deepmind mit der Nummer eins der Welt im Go-Spiel, dem Südkoreaner Lee Sedol. Das aus China stammende, mehrere Tausend Jahre alte Spiel ist zwar von den Regeln her einfacher als Schach. Aber jeder Spieler hat pro Spielzug wesentlich mehr Optionen. Außerdem verlassen sich Go-Spieler oft auf ihre Intuition - ein Gebiet, das Computern fremd sein sollte. Deshalb gilt Go als Gradmesser für künstliche Intelligenz (KI).

GoogleGoogle hatte 2014 das auf künstliche Intelligenz und selbstlernende Systeme spezialisierte britische Unternehmen Deepmind gekauft. Dessen Spezialisten entwickelten die Software "AlphaGo", die im Selbstlernmodus die Systematik und Logik von Spielen erkennt und diese Erfahrungen dann im Wettbewerb gegen menschliche Spieler umsetzt. Vor Beginn des Schaukampfs tönte Lee Sedol, er werde das System in den angesetzten fünf Partien vernichtend schlagen. Am Ende stand es 4 zu 1 für die Software. Alles zu Google auf CIO.de

Bereits heute haben künstliche Intelligenz und selbstlernende Systeme dem Menschen in etlichen Fertigkeiten den Rang abgelaufen. Interessant ist die Frage, welche Auswirkungen die sich ständig weiterentwickelnden Computersysteme auf die Arbeitswelt und damit auf unsere Gesellschaften haben werden.

Glaubenskriege

Genau hier beginnen die Glaubenskriege. Volle Fahrt aufgenommen hatte die Diskussion 2013 mit der Studie "The Future of Employment" von Michael Osborne und Carl Frey. Die beiden in Oxford tätigen Wissenschaftler zeichneten ein düsteres Bild: Sie hatten, bezogen auf die USA, 702 Berufsfelder untersucht und sich gefragt, wie gefährdet diese durch den Einsatz automatisierter Systeme, Roboter etc. sein würden. Nach Osborne und Frey werden 47 Prozent der amerikanischen Arbeitsplätze in den kommenden 20 Jahren verschwinden. Zudem prognostizierten die Wissenschaftler, dass, anders als bei den bisherigen Entwicklungsschüben, dieses Mal nicht nur Geringqualifizierte um ihre Jobs fürchten müssten. Tatsächlich könne sich kaum eine Berufsgruppe noch sicher fühlen.

Deutschland, du hast es nicht besser

Ist ein ähnlicher Arbeitsplatzabbau auch in Deutschland zu befürchten? Diese Frage bejahte eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Ökonomen Holger Bonin vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Nach ihrer Untersuchung gehen 42 Prozent der Beschäftigten in Deutschland einer Arbeit nach, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit im Zeitrahmen von 20 Jahren digitalisieren oder automatisieren lässt.

Aufsehen erregte auch die Studie "The Future of Jobs" des World Economic Forum (WEF) von Davos vom Januar 2016. Darin heißt es, dass durch die DigitalisierungDigitalisierung und den Einsatz von Robotern bis zum Jahr 2020 sieben Millionen Arbeitsplätze weltweit überflüssig werden. Dem ständen lediglich zwei Millionen neu geschaffene Jobs gegenüber. Im Saldo fallen nach dieser Berechnung fünf Millionen Arbeitsplätze in den Industrieländern weg. Die Untersuchung basiert auf der Befragung von Topmanagern in den 350 größten Unternehmen der Welt. Auch diese Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass es nicht nur Fabrikarbeiter, sondern auch Weiße-Kragen-Beschäftigte treffen wird. Alles zu Digitalisierung auf CIO.de

Gute Aussichten am Arbeitsmarkt haben laut WEF vor allem Spezialisten aus den MINTBerufen - Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker also. Vor allem auf diesen Feldern entstehen die zwei Millionen neuen Jobs. Insgesamt aber "gibt es mehr Branchen, die Arbeitsplätze verlieren, als Branchen, die Arbeitsplätze schaffen", warnt der Harvard-Ökonom Lawrence Summers.

Entscheidungen müssen jetzt her

2014 hatten Erik Brynjolfsson und sein Kollege Andrew McAfee vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in ihrem Buch "The Second Machine Age" festgestellt: "Es kommt eine Zeit, in der das, was war, nicht länger ein verlässlicher Leitfaden ist für das, was kommt." Sowohl eine Massenarbeitslosigkeit als auch die Schaffung zahlreicher neuer Jobs seien möglich. Wie am Ende das Pendel ausschlagen wird, hängt demnach maßgeblich davon ab, ob Politiker, Unternehmer und Arbeitnehmer jetzt die richtungsweisenden Entscheidungen treffen.