Karriereverweigerung

Karriere? - Nö, lieber nicht

16. September 2016
Wer Geld und Prestige will, muss Karriere machen. Denken wir. Aber warum eigentlich? Und was passiert, wenn wir unsere Jobs kündigen? Ein Treffen mit den Gründern von Haus Bartleby - Zentrum für Karriereverweigerung.
Viele Menschen haben das Gefühl, eine Karriere wollen zu müssen. Doch es geht auch anders.
Viele Menschen haben das Gefühl, eine Karriere wollen zu müssen. Doch es geht auch anders.
Foto: Bacho - Shutterstock.com

"Und was machst Du so?" - Kaum ein Gespräch heutzutage, in dem nicht irgendwann diese Frage fällt. Aber warum spielt es eigentlich so eine große Rolle, was wir arbeiten? Und warum soll KarriereKarriere so ein hohes Ziel sein? Für die Mitglieder vom Haus Bartleby ist sie das nicht. Das 2014 gegründete Netzwerk nennt sich Zentrum für Karriereverweigerung. Antworten, wie unsere Arbeitswelt aussehen sollte, hat die Gruppe noch nicht. Aber sie will eine Diskussion anstoßen. Auf ihrer Homepage heißt es: "Wem dienen wir, wenn wir eine Karriere machen?" oder "Warum müssen wir uns bewerben, wenn wir nicht "in Arbeit" sind?". Alles zu Karriere auf CIO.de

Alix Faßmann und Anselm Lenz sitzen in einem Park in Berlin-Neukölln und erzählen, warum sie keine Karriere wollen. Faßmann war parteilose Journalistin bei der SPD, Lenz arbeitete am Hamburger Schauspielhaus. Worum andere sie beneiden würden, erfüllte sie nicht. Faßmann spricht von "heißer Luft", Lenz von "Selbstbezüglichkeit".

Karriereverweigerung

"Jedem ist natürlich freigestellt, welche Entscheidung er trifft - wenn es denn eine Entscheidung ist", sagt Faßmann. Viele Menschen hätten aber das Gefühl, eine Karriere wollen zu müssen. Faßmann dagegen kündigte ihren Prestigejob. Nach ihrem Ausstieg fuhr die 33-Jährige durch Italien und überlegte, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Auf Sizilien traf sie Lenz. Der 36-Jährige ermutigte sie, ein Buch zu schreiben.

Im Frühjahr 2014 erschien "Arbeit ist nicht unser Leben: Anleitung zur Karriereverweigerung", ein halbes Jahr später gründeten Lenz und Faßmann das Haus Bartleby, um Gleichgesinnte zu finden. "Es ging uns nicht um Selbstverwirklichung, sondern wir wollten uns verbünden. Deswegen sind wir an die Öffentlichkeit gegangen", sagt Faßmann.

Auch der Theatermacher Hendrik Sodenkamp glaubt nicht mehr an das Versprechen Karriere. Der 27-Jährige wurde Anfang 2015 auf Haus Bartleby aufmerksam und schmiss drei Monate später sein Kulturwissenschafts- und Germanistikstudium.

Auf eine Karriere hinzuarbeiten bedeute, eine Sache nach der anderen zu machen, in der Hoffnung, es zahle sich irgendwann einmal aus, sagt Sodenkamp. "Es verschiebt die Gegenwart auf eine unbestimmte Zukunft und sorgt dafür, dass man im Hier und Jetzt Dinge macht, die nicht richtig sind."

Rund 4500 Menschen haben heute den Newsletter der Denkfabrik abonniert. Vergangenes Jahr organisierte das Haus Diskussionsrunden zu Arbeitsethik oder Müßiggang und brachte ein erstes Buch heraus - beteiligt haben sich etwa Psychologieprofessor Morus Markard, Architekt Van Bo Le-Mentzel, Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow oder der griechische Politiker Yanis Varoufakis.

Neue Arbeitswelt

Doch auch die Karriereverweigerer müssen von etwas leben. Sie haben verschiedene Gelegenheitsjobs, um Miete und Rechnungen zu bezahlen - Faßmann etwa als freie Journalistin, Lenz zum Beispiel als Ghostwriter. "Karriereverweigerung ist keine Arbeitsverweigerung", sagt Faßmann. Auch Sodenkamp geht Nebenjobs nach - seit das Sparbuch, das er von seinen Großeltern bekam, aufgebraucht ist.

Auch wenn das Geld knapp ist - alle sagen, dass sie nun einen Sinn in dem sehen, was sie tun. Sie kämpfen für eine neue Arbeitswelt. Derzeit widmen Faßmann, Lenz und Sodenkamp den Großteil ihrer Zeit dem neuesten Bartleby-Projekt, einem sogenannten "Kapitalismustribunal".

Jeder Bürger kann dabei über eine Internetseite anklagen, was ihm am kapitalistischen Wirtschaftssystem missfällt - rund 400 Anklagen gingen ein. Im kommenden Jahr sollen ausgewählte Fälle im Berliner Haus der Kulturen der Welt vorgestellt werden. Unterstützt wird der Prozess etwa vom Club of Rome oder der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Ziel des Tribunals ist nicht, zu zeigen wie die Wirtschaftswelt künftig aussehen soll, sondern herauszuarbeiten, was eben nicht mehr passieren darf - die Bandbreite der Themen reicht von Problemen mit der Krankenversicherung bis hin zu Eigentumsfragen. "Das kann sehr gern ernstgenommen werden, was da rauskommt", sagt Lenz. Und Faßmann betont: "Wir meinen das ernst, das ist keine Kunst, kein Theater." (dpa/ib)

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