Serie: Warum der CIO unverzichtbar ist

Keine Produktentwicklung mehr ohne IT

14. November 2013
Werner Kurzlechner lebt als freier Journalist in Berlin und stellt regelmäßig Rechtsurteile vor, die Einfluss auf die tägliche Arbeit von Finanzentscheidern nehmen. Als Wirtschaftshistoriker ist er auch für Fachmagazine und Tageszeitungen jenseits der IT-Welt tätig.
In der Finanzbranche läuft ohne IT nichts mehr. Trends, die anderswo gerade zu greifen beginnen, sind dort längst manifestiert. So sind Banken und Versicherungen Paradebeispiele dafür, dass der CIO im Unternehmen immer mehr an Gewicht gewinnt.
Portigon-CIO Klaus Bremges: "Es findet keine Produktentwicklung mehr statt, an der die IT nicht maßgeblich beteiligt ist."
Portigon-CIO Klaus Bremges: "Es findet keine Produktentwicklung mehr statt, an der die IT nicht maßgeblich beteiligt ist."
Foto: Portigon/Klaus Bremges

Industrie 4.0Industrie 4.0 – die wahrscheinlichen Auswirkungen dieses Trends auf die Bedeutung des CIOs waren innerhalb unserer Serie jüngst bereits Thema. Ganz ähnlich gestrickt und ein gutes Stück weiter fortgeschritten sind wesentliche Entwicklungen in der Finanzwirtschaft. „Unser Geschäftsmodell basiert mittlerweile stark auf IT", sagt zum Beispiel Klaus BremgesKlaus Bremges, CIO der Portigon AGPortigon AG. Bremges, der bei der Rechtsnachfolgerin der ehemaligen West LB auch als IT-Leiter der Dienstleistungstochter Portigon Financial Services firmiert, führt weiter aus: „Geld meint heute nicht mehr Münzen und Papierscheine, sondern digitalisierte Informationen." Top-500-Firmenprofil für Portigon AG Profil von Klaus Bremges im CIO-Netzwerk Alles zu Industrie 4.0 auf CIO.de

CIO koordiniert Innovationen

Die Parallelen zu Industrie 4.0 sind augenfällig, obwohl sich just diese Begrifflichkeit in der Welt der BankenBanken und VersicherungenVersicherungenschwerlich zur Metapher eignet. In der Fertigungsbranche hat man naturgemäß mit Dingen zum Anfassen zu tun. Diese Produkte und Maschinen basieren nun zunehmend auf digitalen Komponenten und verschmelzen mit ihnen. Das Know-how der IT wird in Zukunft vermutlich immer mehr in solche konkreten Produkte miteingebaut werden; der CIO mutiert zur Instanz, die diese Innovationen koordiniert und kontrolliert. In der abstrakteren und komplexeren Welt der Finanzprodukte ist diese Stufe längst erklommen – und sie geht mit einem massiven Bedeutungszuwachs des CIOs einher. Top-Firmen der Branche Banken Top-Firmen der Branche Versicherungen

"IT ist Kern der Unternehmung"

„In unserer Branche gibt es kaum noch strategischen Entscheidungen, in die die IT nicht eingebunden ist", sagt Bremges. „Es findet keine Produktentwicklung mehr statt, an der die IT nicht maßgeblich beteiligt ist." IT sei nicht mehr wie früher dazu da, das RechenzentrumRechenzentrum am Laufen zu halten und Geschäftsprozesse zu unterstützen. Ihre Bedeutung erschöpfe sich auch nicht mehr darin, die Automatisierung des Geschäfts voranzutreiben. „IT ist mittlerweile Kern der Unternehmung", so Bremges. Alles zu Rechenzentrum auf CIO.de

App wird zum Bankschalter

Konkret habe sich das in den vergangenen Jahren zum Beispiel darin gezeigt, die Vision Online-Banking Wirklichkeit werden zu lassen – noch gar nicht so lange her, da war diese Selbstverständlichkeit von heute nicht mehr als eine schöne Utopie. Im mobilen Zeitalter beginnt die nächste Vision Wirklichkeit zu werden: „Der Bankschalter wird zur App", so Bremges. Werden neue Finanzprodukte auf den Markt gebracht, stelle sich vor allen Dingen die Frage, wie sie sich in den IT-Systemen abbilden lassen. Von besonderem Gewicht sind gerade in der sensiblen Finanzbranche weitere Aspekte: das Vermeiden von Störfällen und die Sicherheit der Daten, auf denen das ganze Geschäftsmodell von Banken letztlich fußt.

Bremges nimmt vor diesem Hintergrund einen enormen Bedeutungszuwachs der IT und des CIOs wahr. Dieser spiegelt sich nach Beobachtung des Portigon-CIOs auch im Handeln der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) wider. Die BaFin prüft bei einer Berufung in einen Bankvorstand, ob der ausgewählte Kandidat persönlich geeignet ist. Eine kreditwirtschaftliche Ausbildung sei in der Vergangenheit unerlässlich gewesen, berichtet Bremges. Seit einigen Jahren erhielten aber immer öfter reine IT-Leute die notwendigen Akkreditierungen.

CIO-Funktionen aufsplitten

Die Frage, die sich angesichts dieser Veränderungen stellt, lautet offenkundig nicht, ob der CIO verzichtbar ist. Vielmehr erscheint fraglich, wie sich seine immer anspruchsvollere Aufgabe zukünftig überhaupt schultern lässt. Klaus Bremges kann sich gut vorstellen, dass ein Splitten der CIO-Funktion in mehrere Rollen in manchen Unternehmen die Antwort sein könnte. In seiner Branche sei jedenfalls festzustellen, dass IT-Spezialisten immer mehr Tätigkeiten auch jenseits der klassischen IT übernehmen. Und was für Banken und Versicherungen gelte, sei beispielsweise in der chemischen Industrie nicht wirklich anders.

Gartner: CIO muss Pionier sein

„Es geht vor allem um Differenzierung", sagt Gartner-Analyst Simon Mingay. „Information ist das explizite Produkt der Organisation – oder aber sie ist vom Produkt untrennbar." Dieser kurze Satz des Analysten umreißt, worum es bei Industrie 4.0 und den etwa im Banksektor beobachtbaren Entwicklungen geht und wie nah diese beieinander liegen. Die IT-Abteilung sei innerhalb der Wertschöpfungskette innovativ, so Mingay. Sie fungiere nicht mehr alleine als Enabler von unterstützenden Services. Das bleibt nicht ohne Folgen für den IT-ChefIT-Chef: „Die CIO-Rolle ist die eines Entdeckers und Pioniers – mit einem Fokus auf unternehmerischem Denken", so Mingay. Alles zu Rolle des CIO auf CIO.de

Neue nachhaltige Geschäftsmodelle

Luis PraxmarerLuis Praxmarer, Analyst der Experton Group, notiert ähnliche Beobachtungen zu den Stichwörtern Smart Grids und Smart Industries. „Ähnlich wie bei Industrie 4.0 geht es um Informatisierung und insbesondere Intelligenz in jedem Gerät", konstatiert Praxmarer. Durch diese Kommunikationsfähigkeit und Echtzeitintegration könnten ganz neue Geschäftsmodelle realisiert werden, die weit über eine Produktneuheit hinausgehen. „Damit sind sie nachhaltiger, schwerer angreifbar und profitabler", so Praxmarer weiter. „Dies zu erkennen und mit den Forschungsabteilungen, Produktion, Services und unterstützenden Bereiche proaktiv zusammenzuarbeiten, benötigt einen visionären CIO." Profil von Luis Praxmarer im CIO-Netzwerk

Zur Startseite