Netflix-Chef Hastings im Interview

"Klassisches Fernsehen wird aussterben"

16. September 2014
Deutschland ist anders als andere TV-Märkte, sagt Netflix-Gründer und Chef Reed Hastings. Die Menschen akzeptieren viel eher das klassische Fernsehen mit seinen festen Sendezeiten. Netflix will das ändern.
Reed Hastings ist Gründer und CEO von Netflix.
Reed Hastings ist Gründer und CEO von Netflix.
Foto: Netflix

Netflix hat im Heimatmarkt USA das Geschäft mit Filmen und Serien aus dem Internet geprägt. In Deutschland trifft der Pionier jetzt jedoch auf diverse etablierte Rivalen. Gründer und Chef Reed Hastings erklärt im Interview, wie er den deutschen Markt angehen will.

Warum haben Sie so lange nach Deutschland gebraucht?

Reed Hastings: Es ist teuer. Man braucht Inhalte. Wir haben uns über andere Länder vorgearbeitet. Jetzt ist die richtige Zeit.

Inzwischen bevölkern aber mehrere Rivalen den deutschen Markt. Sind Sie spät dran?

Reed Hastings: Die meisten Nutzer abonnieren mehrere Dienste. Wir sehen das nicht als eine Entweder/Oder-Situation.

Wie unterscheidet sich der deutsche Markt von anderen, in denen Sie bisher gestartet sind?

Reed Hastings: Die Deutschen wollen mehr Kontrolle über das TV-Erlebnis. Es gibt viel weniger Settopboxen als in anderen Ländern. Überraschend viele Menschen akzeptieren das klassische lineare TV mit festem Startzeiten.

Wen sehen Sie hauptsächlich als Konkurrenten: Das klassische Fernsehen oder andere Streaming-Dienste?

Reed Hastings: Die wichtigste Frage ist: Was machen Sie zur Entspannung, wenn Sie am Abend nach der Arbeit zu Hause sind. Gehen Sie joggen? Spielen Sie ein Spiel? Schauen Sie Fernsehen? Oder Netflix? Es gibt eine riesige Auswahl an Möglichkeiten und entsprechende Konkurrenz und die Zeit der Menschen.

Und doch für Sie konkret?

Reed Hastings: Wir würden kein einzelnes Unternehmen hervorheben. Das herkömmliche lineare Fernseher ist sicherlich ein zentraler Rivale. Aber dann auch die Internet-Piraterie unter jüngeren Nutzern.

Zuschauer entscheiden sich für die Kameraperspektive

Wird klassisches lineares TV aussterben?

Reed Hastings: Ja, auf jeden Fall. Ich schätze, über einen Zeitraum von 20 Jahren. Selbst Sport-Übertragungen werden dann über Apps aus dem Internet laufen. Sie werden Kamera-Perspektiven aussuchen und sich auf einzelne Spieler oder Teams konzentrieren können.

Heißt das, wir werden irgendwann eine Fußball-WM bei Netflix sehen?

Reed Hastings: Nein, das ist zu teuer. Der Wettbewerb um die Sportrechte ist zu heftig. Wir konzentrieren uns auf längere Zeit auf Filme und Serien.

In Deutschland bekommen die Zuschauer viel mehr frei empfangbares TV geboten als in vielen anderen Ländern. Für viele ist es seit Jahrzehnten üblich, sich um 20.15 Uhr ein Fernsehprogramm auszusuchen. Wie wollen Sie dagegen ankommen?

Reed Hastings: Früher war es auch üblich, Pferde als Fortbewegungsmittel zu nutzen - und dann haben die Menschen festgestellt, dass es mit Autos viel bequemer ist. Genauso gehen wir davon aus, dass sich der Komfort, nicht mehr vom Fernsehprogramm abhängig zu sein, durchsetzen wird.

Im Netflix-Programm finden sich zum Start neben exklusiven Inhalten auch viele Filme und Serien, die man bei anderen Anbietern zu sehen bekommt. Haben Sie genug einzigartiges Programm, um sich abzuheben?

Reed Hastings: Ich glaube, ja. In jedem Markt versuchen wir, nach dem Start besser zu werden. Wir lernen daraus, was die Menschen gerne sehen und fügen dann entsprechend Inhalte hinzu. Wir haben auch ein Auge darauf, welche Raubkopien über Dienste wie Bittorrent heruntergeladen werden.

Ist es ihr Ziel, die Marktführung zu übernehmen?

Reed Hastings: Es geht nicht so sehr darum, ob man Erster, Zweiter oder Dritter ist. Wir haben in den USA etwa ein Drittel der Haushalte als Kunden. Wir hoffen, in Deutschland diese Marke in fünf bis sieben Jahren zu erreichen.

Haben Sie europäischen Datenschutz-Sorgen nach den Snowden-Enthüllungen berücksichtigt?

Reed Hastings: Wir haben unsere Europa-Zentrale in den Niederlanden angesiedelt, einem Land, das wie Deutschland strikte Datenschutz-Bestimmungen hat. Wir verkaufen keine Werbung und keine Daten der Nutzer an Anzeigen-Netzwerke. Wir nutzen die Informationen nur dazu, die Empfehlungen zu personalisieren.

Netflix-Sendungen für Deutschland

Wie haben Sie die Serie "House of Cards" ins Programm bekommen, die Rechte für die doch eigentlich an andere Anbieter verkauft worden waren?

Reed Hastings: Es war nur eine Frage des Geldes.

Werden Sie auch eigene Inhalte in Deutschland produzieren?

Reed Hastings: Auf jeden Fall. Es ist Teil unseres Vorgehens. In den nächsten paar Jahren werden wir zunächst den Markt besser kennenlernen.

Vielleicht eine Art "Tatort" aus dem Hause Netflix?

Reed Hastings: Wir werden sehen.

Haben Sie schon einmal einen "Tatort" gesehen?

Reed Hastings: Nein.

Viele Filme auch in ihrem Angebot sind schon mehrere Jahre alt, ist es absehbar, dass die Rechte-Inhaber neue Blockbuster schneller in Streaming-Dienste lassen?

Reed Hastings: Sie machen es, wenn wir ihnen genug Geld bezahlen. Dafür brauchen wir Größe am Markt, um mehr Geld für Gebote zu haben.

Würden Sie auch den Kauf von Konkurrenten ins Auge fassen, um schneller mehr Gewicht und Geld zu bekommen?

Reed Hastings: Wir haben in 15 Jahren keine solchen Zukäufe gemacht und haben das auch nicht vor. (dpa/rs)

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