Diskussion Weltwirtschaftsforum in Davos

"Kocht nicht die Katze"

26. Januar 2016
Horst Ellermann ist Herausgeber des CIO-Magazins.
Wir sind nicht auf Artifical Intelligence (AI) vorbereitet, belegt eine weltweite Studie des IT-Anbieters Infosys. Jugendliche in neun untersuchten Ländern fühlen sich nicht gut vorbereitet. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos diskutierten EU-Kommissar Günther Oettinger, Professor Stuart Russell von der University Berkeley sowie Profofessor Illah R. Nourbakhsh von der Carnegie Mellon und CEO Vishal Sikha von Infosys, was dagegen zu tun sei.
EU-Kommissar Günther H. Oettinger (3. von links) lässt sich den Kuka-Roboter vorführen, der ein Weißbier einschenkt.
EU-Kommissar Günther H. Oettinger (3. von links) lässt sich den Kuka-Roboter vorführen, der ein Weißbier einschenkt.
Foto: Infosys

Wie dringend es ist, AI in den Griff zu bekommen, erklärte Professor Russell, der seit 40 Jahren das Thema erforscht: "Wir sind nicht mehr in den 60er Jahren, wo die Erwartungen groß, aber die Forschung noch lange nicht so weit war. Wir wissen jetzt schon, was passiert, wenn wir gegen Maschinen Schach spielen." Um nicht dauerhaft zu den Verlierern zu gehören und um Roboter nutzvoll zu machen, drängt Russell darauf, sich noch einmal genau zu überlegen, was wir von ihnen wollen: "Wenn nichts im Kühlschrank ist, möchte ich nicht, dass der Roboter die Katze kocht."

Ein Kuka-Roboterarm schenkt formvollendet ein Weißbier ein

Klingt überzogen. Aber draußen im Foyer der Infosys-Veranstaltung zeigt gerade eine Maschine, was für tolle, aber sinnfreie Dinge sie tun kann: Ein Kuka-Roboterarm schenkt formvollendet ein Weißbier ein. Er greift das Glas, spült es und hält es schräg. Er nimmt die Flasche aus der Kiste, öffnet sie und lässt das Bier behutsam am Glasrand einlaufen. Er schwenkt sogar noch die Flasche, um die Hefereste ausschenken zu können. Einziges Problem: Es ist sieben Uhr morgens und wirklich niemand im ganzen Auditorium mag jetzt Bier trinken.

Was wollen wir wirklich von Maschinen? Der Kuka-Mitarbeiter erzählt, dass es tatsächlich schon Anfragen amerikanischer Kneipiers gebe, den rund 70.000 Euro teuren Roboterarm im Ausschank einzusetzen. Er betont, dass es natürlich ein Leichtes wäre, den Roboter alkoholfreies Bier einschenken zu lassen. Mit ein bisschen AI könnte er vor vier Uhr nachmittags immer alkoholfreies Bier ausschenken. Mit ein bisschen mehr AI würde er dem Besteller des fünften Weißbieres immer alkoholfreies Bier einschenken. Notorische Trinker würde er gar nicht bedienen. Wollen wir das?

"Wir kreieren mit AI gerade eine zweite Rasse"

Schlauer wäre es natürlich, wenn ein AI-System dafür sorgt, dass Alkoholiker in Kneipen nicht mehr bedient werden. Wenn der Mensch es selbst nicht hinbekommt, unvernünftige Dinge sein zu lassen, überlässt er es vielleicht besser einer anderen Spezies. Professor Illah R. Nourbakhsh von der Carnegie Mellon University spitzt ebenso zu wie sein Vorredner: "Wir kreieren mit AI gerade eine zweite Rasse. Das wird unseren Umgang mit anderen Menschen ändern." AI wird Denkarbeiten erledigen, die aufgrund ihrer logischen Konsequenz von keinem Menschen mehr hinterfragt werden. Es sei denn, AI wird dazu missbraucht, Betrug auszuüben. Auch das sei denkbar, sagt Nourbakhsh: "Privatheit und Vertrauen werden deshalb wichtiger", betont der Professor aus Amerika.

Podium zur Articifial Intelligence - Freud oder Feind: Vishal Sikha, CEO von Infosys, Prof. Illah R. Nourbakhsh von der Carnegie Mellon University, Prof. Stuart Russell von der University Berkeley, EU-Kommissar Günther H. Oettinger und der Moderator des Wallstreet Journals (von rechts)
Podium zur Articifial Intelligence - Freud oder Feind: Vishal Sikha, CEO von Infosys, Prof. Illah R. Nourbakhsh von der Carnegie Mellon University, Prof. Stuart Russell von der University Berkeley, EU-Kommissar Günther H. Oettinger und der Moderator des Wallstreet Journals (von rechts)
Foto: Infosys

Passend zum Thema: Mobile-Security-Quiz

EU-Kommissar Günther H. Oettinger steigt auf diese Bedenken nicht ein. Als der Moderator ihn fragt, ob es nicht mehr Regulierung im Bereich AI brauche, antwortet Oettinger: "Forschung und Moderation sind wichtiger." Damit meint er, dass europäische Forscher erst einmal mehr eigene Kompetenz entwickelt müssten. Und dass diese dann besser moderiert gehört. Bei Letzterem sieht sich Oettinger selbst in der Pflicht: "Nehmen Sie den Bierroboter: KukaKuka ist eine bayrische Firma. Ich muss sie mit anderen europäischen Unternehmen zusammenbringen. Regulierung kommt erst danach." Top-500-Firmenprofil für Kuka

Jugendliche fürchten Jobverlsut durch Roboter

Vishal Sikha, CEO von Infosys, geht auf die Bedenken der 9000 Jugendlichen ein, die Infosys zu ihren persönlichen Erwartungen an AI und an Industrie 4.0Industrie 4.0 befragt hat: "Roboter, die Bier servieren, werden den Job des Bier-Servierers wegnehmen." Natürlich belastet das die Menschen, die von solchen Dienstleistungen leben. Sikha betont aber auch, dass AI zwar die Jobs von heute zerstört, aber nicht die von morgen. Nur helfe das niemandem, der sich auf die Zukunft schlecht vorbereitet fühlt - und genau das ist bei Jugendlichen der Fall (siehe Seite 2). Alles zu Industrie 4.0 auf CIO.de

Vor allem Jugendliche aus den entwickelten Ländern äußern die Kritik, dass sie von Schulen und Universitäten unzureichend auf AI und Industrie 4.0 vorbereitet wurden. Jugendliche aus "Emerging Markets" wie China, Indien oder Südafrika scheinen diese Erwartung weniger zu haben. Vielleicht ist sie auch schlicht überzogen. "Ein Gorilla kann sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn eine andere Art vorbeikommt, die schlauer ist. Wir wissen auch noch nicht, wie es sein wird, wenn AI wirklich vorbeikommt", resümiert Professor Russell von der University Berkeley. Also kommen am Ende alle Diskutanten überein, dass Forschung und Bildung die einzigen Schlüssel seien, um AI wirklich für den Menschen nutzbar zu machen.

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