iPad


4G: Pseudo-LTE

Kommentar: Apples Sturheit beim neuen iPad

15. März 2012
Moritz Jäger ist freier Autor und Journalist in München. Ihn faszinieren besonders die Themen IT-Sicherheit, Mobile und die aufstrebende Maker-Kultur rund um 3D-Druck und selbst basteln. Wenn er nicht gerade für Computerwoche, TecChannel, Heise oder ZDNet.com schreibt, findet man ihn wahlweise versunken in den Tiefen des Internets, in einem der Biergärten seiner Heimatstadt München, mit einem guten (e-)Buch in der Hand oder auf Reisen durch die Weltgeschichte.
Apple verspricht im neuen iPad eine 4G-Funktion - allerdings nur für Nutzer in Nordamerika. Unser Autor Moritz Jäger wundert sich über diese Entscheidung.
Weniger fröhlich als auf dem Bild: Unser Autor Moritz Jäger will ein LTE-iPad für Europa.
Weniger fröhlich als auf dem Bild: Unser Autor Moritz Jäger will ein LTE-iPad für Europa.
Foto: Moritz Jäger

Mit großem Tam-Tam hat AppleApple sein neues iPad, die dritte Generation seines Tablet-PCs vorgestellt. Neben einem neuen Display mit höherer Auflösung (etwas, das man schon im iPad 2 bringen hätte können) wird vor allem die LTE-Unterstützung beworben und bejubelt. Alles zu Apple auf CIO.de

Kurz als Hintergrund: LTE ist der Nachfolger von UMTS und HSDPA. Die Funktechnik ermöglicht es den Anbietern, deutlich mehr Nutzer in der gleichen Zelle zu versorgen, verspricht größere Reichweiten und deutlich höhere Geschwindigkeiten im mobilen Internet.

Das Problem dabei: Es gibt weltweit keine einheitlichen Frequenzen, da LTE vor allem Spektren nutzt, die nach der Umstellung vom analogen auf digitales Fernsehen entstanden sind. Und diese sind weltweit unterschiedlich. Die USA nutzen für LTE beispielsweise 700 MHz und 2,1 GHz. In Deutschland setzen wir dagegen auf 800 MHz, 1,8 GHz und 2,6 GHz.

Für die meisten Hersteller von Mobilfunkgeräten ist das kein Problem, schließlich gibt es die passenden Chips für die passenden Frequenzen. HTC hat beispielsweise mit dem Velocity 4G bereits ein Android-Gerät vorgestellt, das mit hiesigen Frequenzen gut zurechtkommt.

Kunden zahlen für nicht-funktionsfähiges LTE

Nicht so Apple. Scheinbar hält es der Konzern aus Cupertino nicht für notwendig, die Funkmodule im neuen iPadiPad anzupassen. Klar, das kostet extra, würde also die Gewinne schmälern. Und immerhin könnte man, so erklärt uns Apple auf Nachfrage, ja UMTS, HSDPA und HSPA+ nutzen. Wo dieses verfügbar ist. Dennoch ist man sich nicht zu schade, dem iPad auch hierzulande ein 4G in den Namen zu schreiben. Und natürlich lässt man sich die nicht-funktionsfähige LTE-Funktion mitzahlen. Alles zu iPad auf CIO.de

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Das ist als würde Bentley keine Autos mehr verkaufen, die das Lenkrad auf der linken Seite haben. Weil dazu müsste man ja umbauen und überhaupt könnten die Fahrer doch auch rechts sitzen. Oder als würde MicrosoftMicrosoft, um näher bei der IT zu bleiben, Office-Pakete nur auf Englisch veröffentlichen, weil Übersetzungen einfach zu kostenintensiv sind. Jeder andere Hersteller würde zu Recht von den MedienMedien ordentlich zusammengefaltet und von den Nutzern boykottiert werden. Alles zu Microsoft auf CIO.de Top-Firmen der Branche Medien

Anders bei Apple, hier wird die Entscheidung sogar von Analysten in Schutz genommen. Craig Cartier von Frost & Sullivan etwa antwortet offiziell auf unsere Nachfragen: "Westeuropa ist tatsächlich etwas langsam, was die Einführung von LTE angeht (…) Apple hat all dies beim technischen Design des neuen iPad berücksichtigt. Das Gerät unterstützt LTE, allerdings nur im Rahmen der nordamerikanischen LTE-Frequenz. (…) Damit fühlt Europa vielleicht zum ersten Mal die negativen Auswirkungen der verlangsamten Einführung von LTE, und diese Entwicklung könnte vielleicht als Anregung dienen, die Einführung von LTE in den nächsten Monaten zu beschleunigen."

Europa und seine Einwohner sind selbst schuld

Im Klartext bedeutet das: Europa und seine Einwohner sind selbst schuld. Hätten wir LTE schneller ausgebaut, dann hätte sich Apple bestimmt großzügig gezeigt und die passenden Chips integriert. Wahrscheinlich. Oder auch nicht. Frost & Sullivan hat übrigens noch einen Tag vor der Apple-Pressekonferenz den Weitblick des Konzerns gelobt und das iPad 3 zum Killer-Produkt für LTE gekürt - zu einem Zeitpunkt also, als noch nicht einmal klar war, ob Apple die Technik überhaupt verwendet.

Ich bin alles andere als ein Technik- oder Apple-Feind. Ich besitze ein iPad der ersten Generation, das ich intensiv nutze. In diesem Jahr wäre eigentlich ein Upgrade fällig und eigentlich war ich drauf und dran, wieder ein iPad zu kaufen. Das Auftreten von Apple hat mich aber zum Nachdenken veranlasst: Will ich wirklich so viel Geld in einen Hersteller investieren, dem es offensichtlich so gut geht, dass er ganze Käufergruppen ignorieren kann? Der es nicht einmal fertig bringt, dass er seine Produkte an den Weltmarkt anpasst, sondern stur eine One-Size-Fits-All-Taktik fährt, ohne Rücksicht auf Verluste? Solcher Übermut hat schon ganz andere IT-Firmen zu Fall gebracht.

Ich werde nun erst einmal mein iPad 1 weiternutzen und die Entwicklung der Konkurrenz beobachten. Denn mit AndroidAndroid 4 und Windows 8 scheinen nun endlich wirkliche Alternativen zu den Apple-Produkten zu entstehen. Alternativen, die Nutzer und ihren Technologiehunger vielleicht ernst nehmen. Alles zu Android auf CIO.de

Was halten Sie von Apples Neuvorstellung? Regt sich unser Autor über Kleinigkeiten auf oder stimmen Sie im zu? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare.