Psychologie

Kritzeln erwünscht!

12.09.2014
Von Kristin Schmidt
Im Uni-Hörsaal, beim Telefonieren oder bei Besprechungen: Viele Menschen kritzeln gerne vor sich hin. Warum sie das tun und was die einzelnen Motive bedeuten, kann man psychologisch erklären.

Psychologie-Professor Alfred Gebert ist entsetzt. Der Student lässt seine Aufzeichnungen im Hörsaal liegen, doch anstatt seitenlanger Mitschriften entdeckt der Dozent nur wildes Gekritzel.

Kritzeln kann die Aufmerksamkeit erhöhen, aber auch endgültig ablenken.
Kritzeln kann die Aufmerksamkeit erhöhen, aber auch endgültig ablenken.
Foto: tsaplia - Fotolia.com

Häufig ärgerte sich der Hochschullehrer über die vermeintlich unaufmerksamen Künstler, die lieber Linien, Kreise oder Phantasiegestalten zu Papier brachten, statt seiner Vorlesung zu lauschen. Zu unrecht, wie er später feststellte. Denn Gebert schrieb immer wieder Tests. Das Ergebnis: Die Kritzler schnitten besser ab als die anderen Studenten. "Das hat mich überrascht", sagt der Wirtschaftspsychologe von der Fachhochschule des Bundes Münster.

Wer kritzelt, ist also nicht zwangsläufig unaufmerksam. Nein, im Gegenteil. Zu diesem Ergebnis kam auch die britische Psychologin Jackie Andrade von der Universität Plymouth im Jahr 2009. Bei ihrem Versuch kam heraus, dass Kritzler 29 Prozent mehr Informationen bei einem überraschenden Gedächtnistest behalten konnten als Nicht-Kritzler.

Die Teilnehmer hörten eine monotone Telefon-Nachricht ab, in der es um eine Party ging. Der Anrufer erzählte, wer schon zugesagt hatte und wer nicht zur Feier kommen würde. Die Aufzeichnung dauerte zweieinhalb Minuten. Die eine Hälfte der 40 Teilnehmer sollte Kritzeln, während sie der Partyplanung lauschte. Die anderen 20 sollten einfach nur zuhören. Das Ergebnis ist bekannt. Als mögliche Erklärungen führt die Psychologin mehrere Möglichkeiten an. Zum einen könnte Kritzeln einfach nur die geistige Erregung auf dem optimalen Level stabilisieren und damit die Menschen aufmerksam machen. Zum anderen könnte Kritzeln die Konzentration begünstigen, in dem es die Zuhörer davon abhält, in Tagträumen zu versinken.

Überschüssige Energie abbauen

Auch Psychologe Gebert von der Fachhochschule des Bundes in Münster glaubt, dass Zuhören alleine die Menschen oftmals unterfordere. Durch das Kritzeln würde die überschüssige Energie abgeführt. In den vergangenen 20 Jahren hat Gebert die Kritzelkunst seiner Studenten untersucht. Er sammelte regelmäßig die Zeichnungen im Hörsaal ein und ließ die Studenten Fragebögen zu ihrer Selbsteinschätzung ausfüllen. Dank der herumstehenden Namensschilder konnte er mehr als 500 Zeichnungen mit den Fragebögen vergleichen, Regelmäßigkeiten feststellen und Bedeutungen verschiedener Motive entschlüsseln.

Doch nicht alles, was während eines Vortrags, eines Telefonats oder einer Vorlesung gezeichnet wird ist eine Kritzelei. Der Kunstpsychologe Georg Franzen aus Celle definiert Kritzeleien, wie folgt: "Kritzelzeichnungen werden ohne Bedeutungsabsicht und ohne technische Fertigkeiten gefertigt. Sie entstehen, während der Verfasser einer anderen Tätigkeit nachgeht. Sie sind nur teilbewusst." Häufig sind die Kritzler selbst überrascht, was da aus ihrer Feder geflossen ist.

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