KNOWLEDGE-MANAGEMENT

Kult ums Nicht-Wissen

28. Januar 2002
Von Andreas Schmitz
Der Unternehmensberater und Buchautor Kai Romhardt denkt nach: über das Wissen, das in Unternehmen brachliegt, speziell über das „Innere Wissen“. Er tut das in der Nähe von Bordeaux – in einem Zen-Kloster.
Ex-Berater Romhardt bei der Meditation. Die Frage: Wie kann das „Innere Wissen“ gestärkt werden?
Ex-Berater Romhardt bei der Meditation. Die Frage: Wie kann das „Innere Wissen“ gestärkt werden?

IM GARTEN BUDDELN, mit aller Ruhe und Gelassenheit: So sieht Kai Romhardts Arbeitsmeditation im französischen Zen-Kloster Plum Village aus. Morgens um fünf Uhr ist der frühere McKinsey-Berater und jetzige Buchautor (siehe Buchtipps) bereits auf den Beinen – Morgenmeditation im Upper Hamlet, dem Männerstadtteil des Klosters in der Weinregion um Bordeaux. Das Weltgeschehen dringt kaum hinter die Klostermauern von Zen-Meister „Thây“ Thich Nhat Hanh.

Noch vor einem Jahr war der Wirtschaftswissenschaftler Romhardt fast ausgebucht. ProjekteProjekte, Vorträge, Seminare, Publikationen: Der freie Unternehmensberater war permanent auf Achse. „Dann kam ich mit der buddhistischen Achtsamkeitspraxis in Berührung“, erzählt Romhardt. Nun hat der 34-Jährige den Informationsfluss gekappt, abgesehen von einem Laptop für E-Mails.

Der gebürtige Hamburger, der sich seit seinem Diplom in Wirtschaftswissenschaften an der Universität in St. Gallen und seiner Promotion an der Universität in Genf dem Aufbau und der Bewirtschaftung von Wissen widmet, hat sein Tempo bewusst gedrosselt. Konsequent entschied er sich vor drei Jahren zu einem ersten Einschnitt: Nach einem knappen halben Jahr quittierte Romhardt bei der Unternehmensberatung McKinsey seinen hochdotierten Job. „Das war keine fördernde Lernatmosphäre für mich“, sagt er heute. Zu viel Hektik, zu wenig Zeit; tiefes Wissen sei auf der Strecke geblieben. So arbeitete er als freier Berater weiter; zuletzt folgte der Gang ins Kloster. „Eine Auszeit – auf unbestimmte Zeit“, sagt Romhardt.

Noch im letzten Jahr beriet er als FreiberuflerFreiberufler Firmen wie Bertelsmann, Siemens und Softlab. Seine Erkenntnis aus dieser Zeit: „Trotz ausreichend Information entsteht oft das Gefühl, nicht genug zu wissen. Angst und Verunsicherung in Unternehmen sind vorprogrammiert, ausgelöst durch immer mehr und immer schnellere Information.“ Das Ergebnis der Verunsicherung: „Wissen liegt in Unternehmen zu 99 Prozent brach; es darf großteils nicht einmal thematisiert werden.“

Unruhe an der Wissensbasis

Romhardt möchte das immer noch ändern. Doch diesmal will er nicht an der Front in den Unternehmen operieren, sondern mit Büchern Anstöße von außen liefern. Die nötigen Erfahrungen hat er in den letzten vier Jahren ausreichend gesammelt. Romhardt erklärt das Wissens-Desaster gern anhand seines „Vier-Sphären-Modells“: Wissensstruktur, Fähigkeiten, Wissenskultur und „Inneres Wissen“. Diese vier Sphären wollten bislang nie so recht zusammenpassen. „Typisch für Großunternehmen“, so der Wirtschaftswissenschaftler. Da sei etwa die Wissensstruktur meist überbetont; dazu gehören Investitionen in die zumeist technisch geprägte IT-Infrastruktur, in Forschungs- und Entwicklungsprojekte. Fusionen von Großunternehmen beispielsweise bedingten aber, dass neue Organisationsstrukturen entstehen, neue Forschungsprojekte auf den Weg gebracht werden, Geld dafür eingeworben wird und geeignete Technologien zum Einsatzkommen. „Diese Reorganisationen schaffen Unruhe an der Wissensbasis, bei den Mitarbeitern“, sagt Romhardt; „sie zerstören gewachsene Wissensnetzwerke.“ Die Mitarbeiter würden oft allein aufgrund von Diplomen und Zertifikaten als geeignet für verantwortliche Positionen eingestuft. Querdenker mit einer ungewöhnlichen Biografie, aber hohen sozialen und integrativen Fähigkeiten spielten hingegen eine untergeordnete Rolle. „Messbare Fähigkeiten dominieren“, sagt Romhardt.

CIOs müssen Austausch fördern

„Dieses Wissen muss zirkulieren, sonst entsteht unnützer Wissenszement. Hier ist der CIO gefragt, denn man darf IT-Strukturen nicht von den Lernprozessen des Unternehmens abkoppeln. Intranet, Expertensysteme und Portale sind ideal geeignet, Austausch zu fördern.“ Die Realität ist von dieser Wissenskultur oft weit entfernt: „Die IT schafft sehr viel strukturierte Information, die kaum ein Mitarbeiter braucht“, so Romhardt weiter. „Knowledge Management Suites“ sollten, so sein Tipp, im Zusammenwirken mit den künftigen Nutzern entstehen.

Ins Vier-Sphären-Modell übertragen, bedeute das: Stärkung der Wissenskultur und des „Inneren Wissens“. Jetzt will Romhardt sein eigenes Wissen um ungewöhnliche Erfahrungen erweitern. „Im Kloster können ganz andere Ideen wachsen als im hoch beschleunigten Beraterleben. Denn im Zen-Kloster werde Nicht-Wissen kultiviert und nicht schnell verwertbares Know-how. Eine neue Form der Freiheit für einen Mann, der sich beruflich mit kaum etwas anderem beschäftigt hat. Deshalb ist Romhardt auch erstaunt, wenn er auf Knowledge-Management-Foren als Experte für Knowledge-Management gehandelt wird. „Expertenschaft und -gläubigkeit gehen leicht Hand in Hand“, weiß er. Zudem sei er, und da merkt man die Einflüsse seines Zen-Meisters, nicht nur Lehrer sondern immer auch Schüler. Alles zu Freiberufler auf CIO.de Alles zu Projekte auf CIO.de

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