Ämterhäufung

Multi-Aufsichtsräte in der Kritik

14. Mai 2014
Einst Vorstandschef eines Dax-Konzerns, später Mitglied in den Kontrollgremien mehrerer Börsenschwergewichte: Viele deutsche Topmanager haben auch nach dem Ende der Karriere einen Fulltimejob. Kritikern ist die Ämterhäufung einiger Kontrolleure ein Dorn im Auge.

Lufthansa, BMW, Infineon, Münchner Rück: Die Unternehmen, in denen Wolfgang Mayrhuber im Aufsichtsrat sitzt, lesen sich wie das "Who is who" der deutschen Wirtschaft. Zu viele Posten für einen Manager, bemängeln Aktionärsschützer. Sie sehen die "Multiaufsichtsräte" kritisch, insbesondere wenn sie in mehreren Kontrollgremien den Vorsitz führen. Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) will deswegen gegen die Wiederwahl von Mayrhuber in den BMW-Aufsichtsrat auf der Hauptversammlung des Autobauers an diesem Donnerstag stimmen.

Die Chef-Kontrolleure in Dax-Konzernen verdienen zum Teil inzwischen fast so gut wie Vorstände, haben aber auch fast so viel zu tun. Und das bereitet der DSW Sorgen. "Ein Aufsichtsratsvorsitz in einem Großkonzern kann schnell ein Fulltimejob werden, insbesondere wenn das Unternehmen in eine Krise gerät", sagt DSW-Sprecher Jürgen Kurz. "Wenn ein Manager in zwei Krisenunternehmen an der Spitze des Kontrollgremiums steht, kann auch für den besten Manager die Grenze erreicht sein."

In der Tat ist die Arbeitsbelastung der Kontrolleure in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. "Der Aufsichtsratschef und der Vorsitzende des Prüfungsausschusses stehen in ständigem Kontakt mit dem Vorstand", sagt Michael Kramarsch, Partner des Beratungsunternehmens hkp. Alle wichtigen strategischen Entscheidungen wie Standortfragen oder Übernahmen landeten in dem Gremium. "Aus einem vierteljährlichen Treffen mit einem netten Mittagessen wie noch in den 90er Jahren ist eine verantwortliche, professionelle Tätigkeit geworden."

Auch Christian Schätzlein von der Frankfurt School of Finance & Management spricht von einen Trend zur Professionalisierung in den Kontrollgremien. "Sie nicken nicht mehr alles ab". Die zeitliche Belastung sei allerdings deutlich gewachsen. Mehrere Mandate haben aus seiner Sicht den Vorteil, dass die Kontrolleure mehr Erfahrungen sammeln und so professioneller arbeiten.

Spitzenreiter im Dax war bei der Vergütung nach hkp-Berechnungen im vergangenen Jahr Ulrich Lehner mit insgesamt 2,19 Millionen Euro und sieben Aufsichtsratsmandaten ab Mai 2013. Bei der Telekom und Thyssenkrupp führt er den Vorsitz. Auf mehr als eine Million kamen demnach unter anderem Deutsche-Bank-Chefaufseher Paul Achleitner - Mitglied in vier Kontrollgremien seit April 2013 - und Wolfgang Mayrhuber. Bei der Lufthansa und dem Halbleiterhersteller Infineon ist der frühere Lufthansa-Vorstandsvorsitzende Chefaufseher.

Von einer generellen Begrenzung der Aufsichtsratsmandate hält Bergdolt nichts. "Aber ab drei Mandaten und ein bis zwei Aufsichtsratsvorsitzen schaue ich es mir genauer an", sagt sie. Der Coporate Governance Kodex für gute Unternehmensführung empfiehlt, dass der Vorstand eines börsennotierten Unternehmens nicht mehr als drei Aufsichtsratsmandate in anderen börsennotierten Gesellschaften wahrnimmt. Für Manager, die nicht im Vorstand sitzen, gibt es keine Empfehlung.

Auch Kramarsch hält nichts von reinem "Durchzählen", betont aber: "Die Balance zwischen Erfahrung und zeitlicher Belastbarkeit muss stimmen". Der Weg in das Kontrollgremium eines Dax-Konzerns führt in der Regel über einen Vorstandsposten. "Das macht durchaus Sinn, die Manager haben die Erfahrung aus dem operativen Geschäft", sagt Kramarsch. Dass wegen "des begrenzten Talentpools" häufig die gleichen Namen in den Dax-Aufsichtsräten auftauchen, muss aus seiner Sicht kein Problem sein: "Heute kann es sich keiner leisten, schlechte Entscheidungen wegen einer guten Freundschaft mitzutragen". (dpa/rs)

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