"Unbundling" in Strom- und Gaskonzernen

Netze entflechten

Holger Eriksdotter ist freier Journalist in Hamburg.
Aktuell haben alle Energieversorger das Problem, ihre IT-Prozesse an die vom Gesetzgeber geforderte Trennung der Vertriebs- und Verteilnetze „Unbundling“) anpassen zu müssen.

Berichte über Verbraucherbegehren zur Offenlegung der Gaspreiskalkulation oder steigende Energiepreise sind in den Nachrichten an der Tagesordnung. Der Gesetzgeber will die Energiekonzerne mit Auflagen und Verordnungen zu mehr Wettbewerb und Transparenz zwingen. Für die Versorger bedeutet das nicht nur mehr öffentliches Interesse, sondern auch eine Restrukturierung ihrer internen Prozesse. Auf Ebene der ITSysteme gibt es jedoch noch viele Unklarheiten.

Die vier großen deutschen Konzerne EnBW, E.ON, RWE und Vattenfall, die unter sich 80 Prozent des Marktes und fast die gesamte Netzinfrastruktur aufteilen, haben alle ähnliche Probleme, da sie vergleichbare IT-Systeme einsetzen. Die SAP-Branchenlösung für Energieversorger IS-U ist bei ihnen Standard.

Besonders das nach der Novelle des Energie-Wirtschaftsgesetzes (EnWG) geforderte „Unbundling“, also die Entflechtung von Netzbetrieb und Vertrieb bei Strom- und Gasversorgern, stellt die CIOs der großen
deutschen Energieunternehmen vor Probleme. Betroffen sind Versorgungsunternehmen mit mehr als 100000 Kunden. Das Gesetz ist zum 13. Juli 2005 in Kraft getreten, aber klare Vorgaben für das informatorische Unbundling gibt es bisher nicht.

Grundsätzlich sieht das Gesetz vor, dass die Energieversorger Informationen, die sie als Netzbetreiber über die Kunden ihrer Konkurrenten erhalten, nicht für die Zwecke des eigenen Vertriebs einsetzen dürfen. Denn in Deutschland sind, abgesehen von kleineren kommunalen Versorgern, die Stromproduzenten gleichzeitig die Betreiber der Verteilnetze.Wie aber die Abschottung der Informationen aus dem Netzbetrieb und dem eigenen Stromverkauf genau umgesetzt werden soll, darüber diskutieren die Bundesnetzagentur, Energiewirtschaftsverbände und die IT-Branche derzeit noch.

Anzahl der nötigen Systeme unklar

Bisher beherbergen die Billing-Systeme der Versorger die kompletten Kunden- und Abrechnungsdaten für Netznutzung und Stromlieferung. Ob bei der angestrebten Trennung im Extremfall jedes Unternehmen ein zweites System installieren muss oder ob ein System mit separaten Verträgen und Firmen ausreicht; ob eine abteilungsspezifische Zugangsberechtigung oder eine einfache Dienstanweisung – „Bitte nur die erlaubten Systeme und Daten benutzen“ – die Anforderungen erfüllt, steht noch nicht fest. „Eine Dienstanweisung allein wird wohl auf Dauer nicht reichen“, vermutet Hans Rösch, als CIO für die Informationstechnologie bei Vattenfall Europe verantwortlich. „Eher wird es wohl auf ein Zwei-Vertrags-Modell hinauslaufen. Dafür bedarf es aber noch einiger zusätzlicher Funktionen, die IS-U im Standard jetzt noch nicht bietet“, sagt Rösch und formuliert damit auch die Sorgen der CIOs anderer Energieversorger. Seit Herbst 2004 sitzen die Versorgungsunternehmen in der IDEX-Initiative mit SAPSAP zusammen und diskutieren die Anforderungen an IS-U, die sich aus der Umsetzung des Unbundlings ergeben. Alles zu SAP auf CIO.de