Arbeiten bei Audi, BMW und Co.

Neue Jobs für IT-Profis in der Automobilbranche

02. Januar 2014
Alexander Freimark wechselte 2009 von der Redaktion der Computerwoche in die Freiberuflichkeit. Er schreibt für Medien und Unternehmen, sein Auftragsschwerpunkt liegt im Corporate Publishing. Dabei stehen technologische Innovationen im Fokus, aber auch der Wandel von Organisationen, Märkten und Menschen.
IT im Kopf und Benzin im Blut - so wünschen sich Autofirmen ihre Internet- und Computerfachleute, die die Personenkraftwägen der Zukunft bauen sollen. Klassische Berufsbilder hingegen können in eine Sackgasse führen.

Automatisches Parken, Cylinder on Demand, Lane-Departure-, Aufmerksamkeits- und Bremsassistenten, FacebookFacebook und Benzinpreis-Apps, Kameras, Stereo-Kameras, Radar, Laser-Radar, Top-View, adaptives Fernlicht, automatische Tunnelfahrt, automatisiertes Fahren, autonomes Fahren und kommunizierende Fahrzeuge - die zunehmende Digitalisierung der Automobilindustrie hat nicht nur gravierende Folgen für das Selbstverständnis des Fahrers, sondern auch für die Entwicklung der Produkte. Alles zu Facebook auf CIO.de

Rund 70 verschiedene Steuergeräte arbeiten heute in einer voll ausgestatteten Oberklasse-Limousine, und es ist eine enorme Herausforderung für die Projektleitung, den Überblick zu behalten. "Wir wollen die entsprechenden Mitarbeiter für uns gewinnen, die diesen Wandel mitgestalten können", beschreibt Anjo Berz seine Aufgabe. Der Personalleiter ist bei Audi für den Geschäftsbereich FinanzenFinanzen und Organisation und somit auch für IT zuständig. Top-Firmen der Branche Finanzen

Einen FachkräftemangelFachkräftemangel kann Berz zwar nicht beobachten, da Audi als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen wird. "Aber wir freuen uns immer über gute Bewerber, die unser Unternehmen auf seinem Wachstumspfad voranbringen wollen." Auf neue Mitarbeiter warte eine immer umfassendere Vernetzung sämtlicher Unternehmensbereiche und ihrer Prozesse - "es ist die Aufgabe der Audi-IT, all das mitzugestalten." Berz lädt vornehmlich Ingenieure, Naturwissenschaftler und Wirtschaftler zum Gespräch ein, die eine Affinität zu IT haben. Alles zu Fachkräftemangel auf CIO.de

Schließlich hätten sich Rolle und Aufgabe der ITler verändert: "Als Integrator und als Berater der Fachbereiche sind eine enge Zusammenarbeit und ein gegenseitiges fachliches Verständnis füreinander erforderlich." Gefragt sind kommunikationsstarke Menschen mit hohen sozialen und fachlichen Kompetenzen.

Während die Steuerung der Fahrdynamik schon seit Jahren über eingebettete Programme umgesetzt wird, kommen schrittweise weitere Komplexitätstreiber hinzu: die Vernetzung des Fahrzeugs nach außen zum Fahrer und Passagier, zur Verkehrsinfrastruktur und zu anderen Autos. "In den vergangenen Jahren haben sich die Geschwindigkeit und das Datenvolumen in den Bus-Protokollen um ein Vielfaches erhöht", berichtet Eric Sax, Leiter der Abteilung Elektrik/Elektronik (E/E) bei Daimler Buses (EvoBus).

Steckten Anfang des Jahrtausends noch zehn Steuergeräte sowie Zündspulen, Relais und Kondensatoren etwa für den Blinkgeber in einem Fahrzeug der Marken Mercedes-Benz und Setra, sind es inzwischen rund 40 elektronische Steuerungseinheiten. Das E/E-Team hat sich somit neben dem Maschinenbau und den Baureihen zu einem gleichwertigen Center im Unternehmen entwickelt.

Eric Sax, EvoBus verortet reines IT-Wissen eher bei Lieferanten, während "unsere Mitarbeiter starkes Know-how brauchen, um Anforderungen zu definieren und Systeme zu integrieren."
Eric Sax, EvoBus verortet reines IT-Wissen eher bei Lieferanten, während "unsere Mitarbeiter starkes Know-how brauchen, um Anforderungen zu definieren und Systeme zu integrieren."
Foto: Privat

"Aktuell müssen wir den Fahrgästen eine IT-Infrastruktur für ihre privaten Geräte anbieten", berichtet Sax. Die Vermischung der eingebetteten Systeme mit der Enterprise-IT-Landschaft bezeichnet er als spannende Herausforderung: "Dadurch werden die klassischen Automotive-Protokolle durch breitbandige Protokolle wie Ethernet ergänzt." Das Fachwissen für die Realisierung von IT und Elektronik verortet Sax primär bei den Lieferanten wie Continental, Bosch oder ZF. "Unsere Mitarbeiter hingegen brauchen ein starkes Know-how, um Anforderungen zu definieren und die Systeme zu integrieren." So müssten die 40 Steuergeräte im Bus, die von mindestens 15 verschiedenen Zulieferern stammen, harmonisiert werden. "Die Beschreibung und Integration des gesamten Systems ist unsere Kernkompetenz", so der EvoBus-Manager.

Fahrzeug-Entertainment als Must-have

Auch Klaus Holzhauser, Automobil-Experte bei der Beratungsgesellschaft Pierre Audoin Consultants (PAC), sieht die zentrale Aufgabe der OEMs weniger in der Entwicklung als in der Definition der Anforderungen und Integration: "Wir vertreten die These, dass die Entwicklung von Car IT und Embedded Software in vielen Bereichen nicht die zentrale Aufgabe eines OEMs sind." Statt alle Experten selbst vorzuhalten und stetig fortzubilden, könne man die Leistung häufig auch bei Lieferanten und Dienstleistern einkaufen, deren Kernkompetenz es sei, die Mitarbeiter permanent auf neue Anforderungen und Skills einzustellen.

Zudem verweist Holzhauser auf ein grundlegendes Problem: "Fahrzeug-Entertainment ist kein Unterscheidungsmerkmal, sondern ein Must-have." Innovative IT-Funktionen dienten derzeit dem Markenimage, seien aber ein nachgeordnetes Kriterium für die Kaufentscheidung. "Design und Antrieb sind wichtiger als die verbaute IT, doch kann es sich kein Hersteller leisten, hier zurückzufallen."

Das gilt speziell für Premium-Marken, deren Kunden hohe Ansprüche an das Gesamtpaket stellen. BMW hat daraus indes andere strategische Schlüsse gezogen - Know-how für Embedded-Software und Car IT soll zunehmend im Konzern aufgebaut werden. "Der Kunde nimmt die Software heute direkt im Fahrzeug wahr, und damit ist es für uns ein Differenzierungsmerkmal", erläutert Katrin Schröder, Recruiterin bei BMW. Auch wenn für den Kauf andere Kriterien entscheidend seien, müsse das gesamte Fahrzeug liefern, was die Premium-Marke verspreche. "Daher stellen wir an die Software den gleichen hohen Anspruch wie an die traditionelle Fahrzeugtechnik."

Bei einer derart rasanten Evolution bleibt Reibung nicht aus. Aktuell hat die BMW Group rund 100 IT-Positionen zu besetzen, wobei sich eine kleine Schere geöffnet hat: "Es gibt viele gute Kandidaten auf dem Markt, und wir tun uns relativ leicht, Spezialisten für die Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen und für die Fahrdynamik zu finden." Schwieriger sei es hingegen, die offenen Stellen in der Ressort- und Prozess-IT zu füllen - weniger sexy, aber umso wichtiger, damit der Laden läuft. Derzeit begehrt sind bei BMW Profis für den Bereich Finanzen und die IT-Architektur, aber auch für IT-Security. Schröder umreißt das Problem der Autobauer: "In diesen Bereichen konkurrieren wir mit allen anderen Unternehmen, speziell aus der IT-Branche selbst."

Der Reiz der Schnittstellen

Manuela Dittmann kennt beide Seiten der Medaille, die Enterprise-IT ebenso wie die Car IT. Sie arbeitet bei Continental als "Division Information Officer" (DIO) in der Division "Interior" und nimmt die Prozesse und IT-Anforderungen der Fachbereiche auf, um sie in den IT-Abteilungen mit den angebotenen Lösungen abzustimmen. Gerade die Situation an der Schnittstelle reize sie beruflich, sagt Dittmann, die schon verschiedene Stationen in Business und IT durchlaufen hat: "Es geht mir darum, Menschen miteinander zu verknüpfen und mit ihnen gemeinsame Ziele zu definieren - ich will vermeiden, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht und anderen die Schuld gibt, wenn etwas nicht klappt." Dabei sei die Division "Interior" besonders nah an innovativen Produkten wie dem "Connected CarConnected Car" oder dem "Automated Driving", was der Aufgabe zusätzliche Spannung verleihe. Alles zu Connected Car auf CIO.de

Manuela Dittmann, Conti: "Unabhängig von den technischen Skills müssen wir vor allem die neue Netzwerkkultur verstehen und aufsaugen."
Manuela Dittmann, Conti: "Unabhängig von den technischen Skills müssen wir vor allem die neue Netzwerkkultur verstehen und aufsaugen."
Foto: Conti

"Ungefähr 10.000 Software-Entwickler arbeiten heute bereits für Continental - und es werden mehr. Das Thema IT ist für uns daher absolut kein neues Feld", sagt Dittmann. Die Managerin berichtet, dass sich darüber hinaus die Internet-Anbindung der Autos und kommerzielle Apps auf die Anforderungsprofile neuer Mitarbeiter niederschlagen. "Unabhängig von den technischen Skills müssen wir vor allem die neue Netzwerkkultur verstehen und aufsaugen." Die Zusammenarbeit mit Kunden, Lieferanten und selbst Wettbewerbern entwickle sich neu, und damit auch die Beziehungen der Menschen, argumentiert die Continental-Managerin: "Ich versuche, die richtigen Experten zu vernetzen, um das vorhandenen Wissen bestmöglich zu verbinden und zu nutzen." Davon könne auch die traditionelle Enterprise-IT profitieren, die man angesichts der Euphorie um die vermeintlich "neue" Car IT nicht vergessen dürfe.

EvoBus-Manager Sax hat ein ähnliches Rezept für die anstehenden Herausforderungen: "Wir müssen die Schnittstellen überwinden und zusätzliche Verbindungen herstellen, wenn wir einen Mehrwert erzielen wollen, der die Summe der Einzelteile übersteigt." Seiner Einschätzung nach werden die Innovationen der Zukunft weniger auf Technologiesprüngen basieren, sondern auf neuen Anwendungsfällen und der Übertragung etablierter Lösungen in eine andere Welt. Und die nächste InnovationInnovation steht schon vor der Tür: "Die Elektromobilität erfordert ebenfalls neue Kompetenzen", sagt BMW-Recruiterin Schröder. Etwa Spezialisten für die Lade-Infrastruktur oder das Energie-Management - solche Positionen gab es vor einigen Jahren nicht. Insofern herrscht eine gewisse ausgleichende Gerechtigkeit im Unternehmen: "Auch der Personalbereich muss sich ständig neu orientieren, welche Mitarbeiter die Fachbereiche brauchen, wo wir sie finden oder wie wir sie ausbilden." Alles zu Innovation auf CIO.de